Mordprozess in Berlin

Fall Georgine Krüger: So leidet die Familie bis heute

Im Mordprozess gegen Ali K. um die vermisste Georgine Krüger (14) hat die Mutter vor Gericht ausgesagt. Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Tatverdächtiger im Vermisstenfall Georgine Krüger festgenommen

Der Mann soll in derselben Straße wohnen wie einst das Mädchen.

Beschreibung anzeigen

Berlin. Der Prozess um den mutmaßlichen Mord an der vor fast 13 Jahren verschwundenen Schülerin Georgine Krüger aus Moabit ist am Freitag fortgesetzt worden. Am vierten Verhandlungstag wurde mit großer Spannung die Befragung der Mutter des damals 14-jährigen Mädchens erwartet. Vieles wurde in den vergangenen Jahren über Vesna Krüger gesagt und geschrieben, jetzt hat die inzwischen 55-Jährige als Zeugin selbst das Wort.

Peter Faust, Vorsitzender der zuständigen Schwurgerichtskammer, fragt behutsam aber zielgerichtet. Seinen Fragenkomplex teilt er in mehrere Kategorien. Was hat die Tat mit der Familie des Opfers gemacht, wer war eigentlich Georgine Krüger, und wie hat die Mutter den Tag des Verschwindens und die Zeit danach erlebt.

Zum Zeitpunkt des Verschwindens ihrer Tochter habe sie noch im Schichtdienst bei der Charité gearbeitet, seither sei sie krank, leide unter schwersten psychischen Störungen, berichtet Vesna Krüger. Sie schildert in schlichten Worten schlaflose Nächte, rastlose Tage und die jahrelange Hoffnung, ihre Tochter werde zurückkehren.

Was immer sie in den vergangenen Jahren gehört habe, jede Mutmaßung über den Verbleib der Tochter, jeden noch so kleinen aufgeschnappten Hinweis, habe sie der Polizei mitgeteilt, schildert die Zeugin dem Gericht. Den größten Schock habe sie erlitten, als Ermittler sie am 4. Dezember vergangenen Jahres aufsuchten, um ihr mitzuteilen, dass ein Tatverdächtiger festgenommen wurde und nunmehr feststehe, dass ihre Tochter tot sei.

Hintergrund: Mordfall Georgine Krüger: Anklage offenbart grausame Details

Georgine Krüger seit 13 Jahren vermisst - Die Familie leidet noch immer

Auch der Rest der Familie leidet unter dem tragischen Geschehen. Die mit im Haushalt lebende Großmutter habe sich völlig in sich zurückgezogen und sei kaum noch ansprechbar. Und ihr Sohn, der ältere Bruder von Georgine, sei ein seelisches Wrack, erklärt die 55-Jährige, ohne das genau erläutern zu können. Der Bruder habe sich immer als Beschützer seiner jüngeren Schwester gesehen.

Vesna Krüger spricht bei ihrer Befragung stockend, wirkt aber gefasst. Was sie über ihre Tochter erzählt, unterscheidet sich in nichts von dem, was über jeden normalen Teenager mit Träumen, Flausen und pubertären Launen gesagt wird. Georgine wird nicht nur als hübsches Mädchen beschrieben, sie legte nach Darstellung ihrer Mutter auch viel Wert auf figurbetonte Kleidung und Make-Up.

Ihrer Mutter gefiel das gar nicht, aber das schien die Tochter nicht zu interessieren. "Sie machte, was sie wollte, sie war naiv und gutgläubig, und ihr war nie bewusst, dass ein solches Auftreten auch Gefahren bergen kann“, erzählt Vesna Krüger. Und sagt auch, dass ihre Tochter bei vielen ihrer Mitschülerinnen nicht sonderlich beliebt war, da sie mehr als andere Mädchen die Blicke der Jungen auf sich zog.

Die Familie wohnte lange in Neukölln, dann folgte der Umzug an die Stendaler Straße in Moabit. Zwischenzeitlich lebte Vesna Krüger mit ihren Kinder bei einer Freundin im niedersächsischen Peine, bevor es zurück nach Moabit ging, nur wenige Monate bevor Georgine verschwand. Zweimal stand das Jugendamt bei der Familie vor der Tür, einmal gar der Kindernotdienst. Es gab Vorwürfe gegen die Mutter, die sich nach Prüfung allerdings als nicht haltbar erwiesen.

Ali K. soll Georgine Krüger vergewaltigt und dann getötet haben

Vor dem Berliner Landgericht steht der 44 Jahre alte Ali K. Ihm wird zur Last gelegt, im September 2006 das Mädchen aus der Nachbarschaft in den Keller seiner Wohnung gelockt, vergewaltigt und erwürgt zu haben. Die Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Das rätselhafte Verschwinden von Georgine war über Jahre einer der bekanntesten Vermisstenfälle in Deutschland. Erst 2017 waren Kriminalisten durch Funkzellenauswertungen und verdeckte Ermittlungen auf den angeklagten Deutschen mit türkischen Wurzeln aufmerksam geworden.

Der Familienvater muss sich wegen Mordes zur Verdeckung einer anderen Straftat und schwerer Vergewaltigung verantworten. Der seit Dezember 2018 inhaftierte Mann hat im Prozess die Aussage verweigert. Der schmächtige Mann, dessen Kopf gerade mal über die Balustrade der Anklagebank ragt, verfolgt den Prozess bislang schweigend und regungslos, aber auch erkennbar konzentriert die Aussagen der Zeugen.

Der Prozess wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt. Dann will das Gericht laut Ankündigung des Vorsitzenden weitere Polizisten und dann vor allem Schüler und Schülerinnen anhören, die am Tag des Verschwindens mit Georgine im Bus nach Hause gesessen haben.