Bildungspolitik

Bildungssenatorin Scheeres sucht gute Botschaften

Sandra Scheeres wollte zeigen, wie das Gratis-Schulessen funktioniert. Aber die fehlenden Schulplätze verfolgen die Bildungssenatorin.

Schokogrießbrei kommt gut an bei den Zweitklässlern: Sandra Scheeres in der Mensa der Martin-Niemöller-Grundschule.

Schokogrießbrei kommt gut an bei den Zweitklässlern: Sandra Scheeres in der Mensa der Martin-Niemöller-Grundschule.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Von einer Bildungskrise, wie sie die Opposition im fernen Abgeordnetenhaus ausgerufen hat, sind sie weit entfernt in der Martin-Niemöller-Grundschule in Neu-Hohenschönhausen „Wir mögen unsere Schule“, sagt Leiterin Monika Rümpel in einem liebevoll mit Giraffen gestalteten Klassenraum, den ab kommender Woche Erstklässler bevölkern werden.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres ist mit einigen Journalisten gekommen, um sich über den Start des kostenlosen Schulessens an Berlins Grundschulen zu informieren. Scheeres braucht positive Botschaften. Durch die neuen Zahlen zu den womöglich 26.000 absehbar schon 2021 fehlenden Schulplätzen und der Fundamentalkritik des Landeselternausschusses an der Qualität der Berliner Schulen steht die Sozialdemokratin unter Druck. Die Opposition fordert einen Krisengipfel zur Bildung.

In der SPD-Fraktion hatte sich Scheeres am Tag zuvor viel Kritik an ihrer Kommunikationsstrategie anhören müssen. Der Koalitionsausschuss streifte am Mittwoch das Schul-Problem. Am Dienstag muss Scheeres im Senat berichten, wie sie den Kapazitätsengpässen begegnen will. „Ich sehe keine Bildungskrise“, hielt Scheeres den Kritikern entgegen. Anstelle eines Bildungsgipfels setzt sie auf eine Qualitätskommission für die Schulen.

Hintergrund: In Berlin fehlen in zwei Jahren 26.000 Schulplätze

Viel mehr Kinder nehmen jetzt am Mittagessen teil

Zumindest das lange umstrittene Gratis-Schulessen scheint ordentlich anzulaufen. Nur an drei oder vier der 378 Grundschulen gebe es ernsthaftere Probleme, berichten Scheeres Beamte. „Das Angebot wird angenommen“, ist die Senatorin überzeugt.

In Neu-Hohenschönhausen stimmt dieser Befund. Munter vertilgten die Zweitklässler das Menü, wobei der Schokoladengrießbrei mit Kirschkompott dem Rahmkäse mit Currygemüse und Bulgur deutlich vorgezogen wird. Im letzten Schuljahr hätten etwas über 300 Kinder am Schulessen teilgenommen, berichtet die Schulleiterin. Nun haben sich bereits über 500 angemeldet und jeden Tag kämen zehn weitere hinzu.

In dem Plattenbauviertel mit einem nahe gelegenen Flüchtlingsheim sind offenbar viele Kinder aus Kostengründen dem Essen ferngeblieben. Jetzt ist das vorbei. „Es geht einem das Herz auf zu sehen, wie sich die Kinder freuen, dass sie sich gemeinsam mit ihren Klassenkameraden an den Tisch setzen können“, sagt Schulleiterin Rümpel.

Als Mensa dienen bis zur Fertigstellung eines modernisierten Mehrzweckbaus neben dem Schulgebäude Hort- und Projekträume im Erdgeschoss. Dass diese nun wegfallen, ist für die Schule kein allzu großes Problem. Überhaupt hat man es geschafft, zusammenzurücken an der Martin-Niemöller-Schule, um die inzwischen 625 Kinder aufzunehmen. Man sei lange ziemlich verwöhnt gewesen und habe sich „breitgemacht“ in den Räumen, sagt die Schulleiterin. Die Schule sei schon früher für 600 Kinder ausgelegt gewesen.

Senatorin Scheeres lächelt bei diesen Worten. Sie hofft, die Kapazitäts­krise auch auf diese Weise beheben zu können. Wie andere Sozialdemokraten auch setzt Scheeres darauf, eben doch noch in vielen Klassen mehr Kinder unterbringen zu können. Auch seien die Prognosen für die Schülerzahlen wohl zu hoch. Und es werde auch viel gebaut, allein in Lichtenberg würden dieses Jahr drei neue Grundschulen entstehen. Es gebe zusätzliche Ergänzungsbauten. Zudem habe sie ein Programm mit 180 Millionen Euro im neuen Haushalt, mit denen schnell zusätzliche Klassenräume geschaffen werden sollten. Und die Bezirke müssten Fremdnutzer wie Museen oder Stadtteilinitiativen aus den Schulen werfen, lautet ein weiteres Element von Scheeres’ Lösungsstrategie, die sie am Dienstag dem Senat vorlegen soll.

Auch im Koalitionsausschuss war der Schulbau Thema

Der Berichtsauftrag an die Bildungssenatorin wurde am Mittwoch beim Treffen der Spitzen von SPD, Linken und Grünen noch einmal bekräftigt. Allerdings widmete der Koalitionsausschuss sich nur kurz dem Bildungsthema. Der Dauerkonflikt um den Wohnungsbau stand doch im Vordergrund, schließlich muss Rot-Rot-Grün demnächst mal den Stadtentwicklungsplan Wohnen beschließen. Man ging ohne Lösung auseinander. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erwartet weiterhin von der Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke), dass sie weitere Wohnungsbaupoten­ziale identifiziert und darlegt, wie schneller gebaut werden kann.

Anders als beim Schulbau, wo die SPD die erwarteten Schülerzahlen für eher überzogen hält, prognostiziert die größte Regierungspartei beim Wohnungsbau eher ein größeres Wachstum.

Der Mangel an Schulplätzen

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Das Debakel versteckt sich in einem mehr als 860 Seiten dicken Bericht der Bildungsverwaltung. Für alle Schultypen in allen Bezirken ist hier detailliert aufgeführt, wie sich Schülerzahlen entwickeln werden und welche Kapazitäten bis zum Schuljahr 2021/22 bereitstehen können. Wer die vielen Zahlen nachrechnet und summiert, kommt auf einen Mangel von 193 Zügen, das heißt, für 26.000 Schüler gibt es in zwei Jahren keinen ordentlichen Platz. Inzwischen meldet die Bildungsverwaltung Zweifel an ihren Zahlen an, die seien zu hoch. Ende Mai war noch offiziell von einer systematischen, umfassenden und zwischen Senatsverwaltungen und Bezirken abgestimmten Darstellung die Rede.

Bildungssenatorin verteilt Warnwesten an Erstklässler

Insgesamt 34.000 Warnwesten werden zum Schulanfang an Berlins Erstklässler verteilt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wird die ersten Westen am morgigen Freitag symbolisch an ABC-Schützen in der Schule am Gutspark in Lichtenberg übergeben. Sie sollen die Kinder auf der Straße sichtbarer und damit sicherer machen.

Zum Schulbeginn sorgen sich viele Eltern, ob ihre Kinder den Schulweg unbeschadet meistern werden. Besonders gefährdet sind Erstklässler, weil sie noch uner­fahren mit den Regeln im Straßenverkehr sind und darüber hinaus ihre Wege häufig zu den Stoßzeiten zurücklegen. Mit Warnwesten in Leuchtfarben werden sie daher von anderen Verkehrsteilnehmern viel besser wahrgenommen.

„Es ist gute Tradition, ABC-Schützen mit Warnwesten auszustatten. Ge­rade bei den jüngsten Verkehrsteilnehmenden ist die gute Sichtbarkeit im Straßenverkehr unerlässlich. Diese Warnwesten helfen dabei, die Kinder besser zu schützen. So werden sie von anderen Verkehrsteilnehmern viel eher wahrgenommen. Sie sind Signal für alle Autofahrerinnen und Autofahrer, jetzt zum Schulbeginn besonders aufzupassen und Rücksicht zu nehmen“, sagt Berlins Bildungssenatorin.

Im Laufbus legen Schüler Teile der Strecke gemeinsam zurück

Alle Berliner Schulanfänger bekommen zudem ein Verkehrsheft mit einigen Tipps für Eltern, worauf beim Schulweg zu achten ist, und einen Ausmalteil zum Thema Schulweg. Die blauen Hefte werden von der Unfallkasse Berlin gemeinsam mit dem RBB-Radiosender 88.8 sowie der Landesverkehrswacht herausgegeben; und die Warnweste werden von der Firma Autodoc finanziert.

„In einem Stadtstaat wie Berlin ereignen sich relativ gesehen wenige Unfälle auf dem Schulweg, was an den kurzen Wegen und dem gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr liegt. Doch leider sind die Unfälle im Straßenverkehr meist schwer“, erklärt Wolfgang Atzler, Geschäftsführer der Unfallkasse Berlin. Rund 2680 Schüler hatten im Jahr 2018 auf dem Weg zur Schule einen Unfall. Das sind mehr als sieben Kinder jeden Tag. An mehr als 30 Prozent der Unfälle sind Grundschüler beteiligt. Im Jahr 2018 hatten fast 880 Grundschüler auf dem Schulweg einen Unfall.

Meistens begleiten die Eltern ihre Kinder an den ersten Tagen. Bald müssen sie den Nachwuchs aber allein zur Schule gehen lassen. Um das Unfallrisiko zu verringern, ist der Laufbus eine gute Alternative. So laufen die Schüler in einer Gruppe von vorher verabredeten Haltepunkten gemeinsam unter der Begleitung einiger Elternteile zur Schule.