Versuchter Rachemord

Clans liefern sich Schießerei in Berlin - Prozess beginnt

Herbst 2018 lieferten sich Mitglieder zweier Clans eine Schießerei in Britz. Nun begann der Prozess gegen einen mutmaßlich Beteiligten.

Anfang September 2018 fielen vor dieser Sportbar am Britzer Damm in Neukölln Schüsse.

Anfang September 2018 fielen vor dieser Sportbar am Britzer Damm in Neukölln Schüsse.

Foto: Morris Pudwell

Berlin. Vor einem Lokal in Neukölln stehen mitten in der Nacht zwei Männer, als aus einem langsam vorbei fahrenden Auto heraus plötzlich auf sie geschossen wird. Dabei wird einer der beiden durch einen Streifschuss leicht verletzt. Die allermeisten Menschen würden nach einem solchen Erlebnis umgehend und wie selbstverständlich die Polizei alarmieren. Im Milieu der Familienclans hingegen läuft das anders, das Letzte, was man in dieser Szene will, ist eine Einmischung der Polizei. Stattdessen regelt man derartige Dinge selbst – das ist in diesen Kreisen quasi Ehrensache.

Auch Bassem S. soll die Angelegenheit selbst geregelt, oder es zumindest versucht haben. Das brachte ihm eine Anklage wegen versuchten Mordes mit dem Motiv Rache und einen inzwischen ein halbes Jahr andauernden Aufenthalt in der U-Haft ein. Seit Dienstag steht der 43-Jährige vor Gericht.

Filmreife Szenen hat es gegeben, sagt ein Zeuge

Direkt nach Verlesung der Anklage lässt S. seinen Verteidiger das sagen, was Verteidiger in derartigen Prozessen üblicherweise so zu sagen pflegen: „Mein Mandant möchte sich zu den Vorwürfen derzeit nicht äußern“. Da auch der erste und einzige Zeuge am Dienstag, ein Polizeibeamter, wenig Erhellendes zur Tat beisteuern kann, endet der erste Prozesstag ohne irgendwelche Fortschritte. Aber die zuständige Schwurgerichtskammer hat ja noch Zeit, immerhin 16 Verhandlungstage sind angesetzt, um das Geschehen aufzuklären, um das es in diesem Prozess geht.

„Filmreif“ hat ein Augenzeuge das Geschehen in seiner Aussage bei der Polizei genannt. Kaum waren am 3. September vergangenen Jahres vor einer Sportbar am Britzer Damm die Schüsse abgegeben worden, soll der Angeklagte in seinen Wagen gesprungen sein und die Verfolgung des oder der Schützen aufgenommen haben. Trotz Verletzung und halsbrecherischer Fahrmanöver bei der Jagd über den Britzer Damm und die Gradestraße soll S. noch in der Lage gewesen sein, fünf Schüsse aus einer halb automatischen Pistole auf das Fahrzeug mit dem vermeintlichen Schützen abzugeben.

Angeklagter verlor den Überblick und schoss auf Verwandten

Getroffen hat er dabei den Kofferraum sowie einen hinteren Kotflügel des Autos, allerdings nicht den Fahrzeuginsassen. Das könnte sich im Nachhinein noch als Glücksfall für den Angeklagten darstellen. Immer vorausgesetzt, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft treffen zu, dann muss der 43-Jährige in dem turbulenten Geschehen in dieser Nacht irgendwie den Überblick verloren haben. Denn in dem Wagen, den Bassem S. nach Überzeugung der Anklagebehörde ins Visier nahm, saß keinesfalls der Mann, der vor der Sportbar auf ihn und einen 32-jährigen Bekannten schoss. Am Steuer saß vielmehr ein Verwandter von S., der ebenfalls unterwegs war, um den Schützen zu stellen.

Der im Libanon geborene Angeklagte gehört nach Angaben von Ermittlern einem der großen in Berlin aktiven Familienclans an. In den Medien taucht diese Familie, verglichen mit anderen Clans, allerdings eher selten auf. Wer letztlich die Schüsse auf die beiden Männer vor der Bar abgab, ist weiter ungeklärt. Ermittlungen führten die Polizei zunächst auf die Spur eines 40-Jährigen. Doch die Beweise reichten nicht aus, vor Gericht wurde der Verdächtige freigesprochen. Der Prozess gegen Bassem S. wird am Donnerstag fortgesetzt.