Neues Bildungsprogramm

Jedes Kind soll Berlins Stadtnatur erleben

Viele Grundschüler wissen wenig über Pflanzen und Tiere. Ein neues Projekt soll jetzt Umweltbildung an die Schulen bringen.

Naturpädagogin Katharina Winckel vom Projekt Nemo mit Kindern der Anne-Frank-Grundschule.

Naturpädagogin Katharina Winckel vom Projekt Nemo mit Kindern der Anne-Frank-Grundschule.

Foto: Christian Latz / BM

Berlin. Wie unterscheidet sich die Rinde von Eichen, Linden und Birken? Und zu welchem Baum gehören eigentlich welche Samen? Zu wenige Berliner Grundschüler können auf diese Fragen eine Antwort geben, auch weil sich viele von ihnen nur selten in der Natur aufhalten. Beides soll ein neues Projekt der Stiftung Naturschutz Berlin mit Unterstützung der von Regine Günther (Grüne) geführten Senatsumweltverwaltung ändern.

Pünktlich zum Schulbeginn ist „Nemo – Natur erleben mobil“ gestartet. Das Projekt umfasst einen Pool von zunächst 21 Pädagogen der Stiftung Naturschutz Berlin. Sie können von Grundschullehrern für je 120 Minuten dauernde Lehrveranstaltungen zu unterschiedlichen Naturthemen gebucht werden. Die Angebote finden in Parks und Grünflächen in Nähe der Schulen statt.

Senat steuert in diesem Jahr 500.000 Euro zum Projekt bei

„In Zeiten von Artensterben und Klimawandel ist es wichtiger denn je, den Kindern früh mehr über Natur und Umwelt zu vermitteln“, sagte Umweltstaatssekretär Stefan Tidow (Grüne). Jedes Kind solle nun, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, einmal im Jahr eine Naturerfahrung im Unterricht erleben. Durch die bestehenden fünf Schul-Umwelt-Zentren sei das nicht zu leisten. „Die Schul-Umwelt-Zentren kommen an ihre Grenzen“, sagte Tidow. „Deshalb wollen wir, dass die Umweltbildung und Naturerfahrung an die Schulen geht.“

Aus Sicht des Staatssekretärs geht das ohne großen Aufwand. „Berlin ist eine grüne Stadt, man kann die Natur hier im Kiez vor der Haustür erleben. Viel mehr, als bisher wahrgenommen wird.“ Die Senatsumweltverwaltung ist von dem Projekt überzeugt. Im laufenden Jahr fließen daher 500.000 Euro in das Programm. Mit weiteren 1,2 Millionen Euro soll in jedem Bezirk eine Koordinierungsstelle für die Umweltbildung geschaffen werden.

„Die Stadtnatur ist schon da, sie muss nur noch entdeckt werden“

Ähnlich wie Tidow sieht es Wolfgang Busmann, Projektleiter von Nemo bei der Stiftung Naturschutz Berlin. „Wir kommen zu den Schülern und die Stadtnatur ist schon da, sie muss nur noch entdeckt werden.“ Busmann und seine Kollegen haben dafür zuvor geprüft, welche Grünanlagen im Umfeld der Schulen sich eignen würden. Der Test fiel positiv aus. Im Umkreis von einem Kilometer erreichen Lehrer und Schüler von jeder Schule aus eine Fläche, auf der sie Bäume vergleichen können und schauen, welche Tiere auf der Wiese leben. „Nemo hebt den Schatz, den man in der Nähe jeder Schule findet“, sagt Busmann.

Die Lehrangebote seien bewusst auf zwei Stunden angelegt. Das gebe den Lehrern die Möglichkeit, die Veranstaltungen in den Schultag einzubauen, so Busmann. „Das macht es für Lehrer so unglaublich praktisch.“ Zudem könnten Lehrkräfte die Angebote nun online buchen. Bisher haben man dafür viel herumtelefonieren müssen. Auch das, schätzt der Projektleiter, mache es für die Schulpädagogen einfacher, das Programm wahrzunehmen. Bis zur vierten Klasse finden die Stunden im Rahmen des Sachkundeunterrichts statt, in den Jahrgängen fünf und sechs im Fach Naturwissenschaften. Natur- und Umweltthemen stehen in den Lehreinheiten jedoch nie für sich allein. Sie werden in den Projekten stets mit Kompetenzen anderer Fächer von Deutsch über Mathe bis Kunst verknüpft.

Wie das funktioniert, zeigten die Verantwortlichen am Dienstagmorgen im Park am Präsidentendreieck am Schloss Bellevue. Kinder aus der Anne-Frank-Grundschule maßen mit mathematischen Formeln wie dem Satz des Pythagoras die Höhe der Bäume und lernten auch darüber hinaus viel über die großen Lebewesen. Etwa, wie die Pflanzen Wasser von den Wurzeln bis in die Wipfel transportieren. Dafür trugen die Pädagogen Spülmittel auf fingerdick gesägte Baumscheiben auf, die Kinder sollten von der Rückseite pusten. Und siehe da: Aus dem Spüli wuchsen kleine Schaumhäufchen. Der Luftstoß zog durch die feinen Kapillaren des Holzstücks, nicht sichtbar, aber groß und häufig genug, dass sich auch ausgewachsene Eichen auf diesem Weg mit Wasser versorgen.

In einem anderen Spiel bekommen die Kinder die Augen verbundenen und sollen einen Baum ertasten und riechen. Später müssen sie ihn dann ohne Augenbinde mit Hilfe ihrer Sinne wiederfinden. „Das Ziel ist, dass sie die Arten kennenlernen, aber auch eine emotionale Bindung zu dem Baum aufbauen“, sagte Umweltpädagogin Kathrin Scheurich. Denn was man kenne, das schütze man auch. Positiv sieht das Projekt Katharina Brunner, Klassenlehrerin an der Anne-Frank-Grundschule. „Die Art der Vermittlung ist total sinnvoll, da bleibt viel mehr hängen, als wenn man das in der Schule macht.“ Viele der jüngeren Kinder könnten sich sonst in der Stadt nicht so frei bewegen, da biete das Programm eine gute Abwechslung.