Mobilität

BVG-Bus ohne Fahrer ist zu leise und für Blinde eine Gefahr

Der neue automatisierte E-Bus in Tegel ist zu leise und damit eine Gefahr für Sehbehinderte, warnt ein Verband.

Fahrerlose Minibusse der BVG sind bereits länger auf dem Gelände der Charité und demnächst auch in Tegel unterwegs.

Fahrerlose Minibusse der BVG sind bereits länger auf dem Gelände der Charité und demnächst auch in Tegel unterwegs.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin. Im Norden Berlins will die BVG Neuland betreten – oder besser gesagt: befahren. In der kommenden Woche soll der Testbetrieb eines elektrischen Kleinbusses auf einer 600 Meter langen Strecke zwischen dem U-Bahnhof Alt-Tegel und dem Tegeler See starten. Sechs Personen finden in dem knapp vier Meter langen Gefährt Platz. Das steuert automatisch, kommt also vollkommen ohne Fahrer aus. Auf dem Gelände der Charité in Mitte und am Virchow-Klinikum in Wedding kommen solche Busse zwar bereits seit Anfang 2018 zum Einsatz. Die sogenannte „See-Meile“ in Tegel ist aber der erste Test auf öffentlichem Straßenland. Die Verantwortlichen wollen die autonom fahrenden Elektrokleinbusse zur neuen Mobilitätsform in den Außenbezirken machen.

Kritik kommt allerdings vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverband Berlin (ABSV). „Das im Projekt der BVG eingesetzte Elektrofahrzeug verfügt über kein künstliches Fahrgeräusch, das es blinden Menschen ermöglicht, das Herannahen wahrzunehmen“, sagt der ABSV-Landesgeschäftsführer Manfred Scharbach. Außerdem würden im Fahrzeug die Haltestellen nicht durchgesagt. „Wir meinen, dass damit weder ein diskriminierungsfreier Projektverlauf, noch und schon gar nicht ein für unseren Personenkreis gefahrloser Betrieb sichergestellt ist.“ Nur von einer inklusiven Gesellschaft zu reden, genüge nicht. Sie müsse auch gelebt werden. „An diesem Punkt haben die Projektverantwortlichen bei der BVG jämmerlich versagt und sind auch nicht zur Nachbesserung bereit.“

BVG-Sprecherin Petra Nelken räumt auf Anfrage zwar ein, dass es keine Haltestellenansagen gibt. Allerdings weist sie Scharbachs Kritik am vermeintlich mangelnden Nachbesserungswillen der BVG entschieden zurück. „Wir können im Moment auch noch keinen Rollstuhl mitnehmen“, so Nelken weiter. Akustische Signale beim Öffnen und Schließen der Tür gebe es ebenfalls nicht. „Das Experiment hat aber nicht das Ziel, jemanden auszuschließen.“ Vielmehr gehe es zunächst darum, zu testen, was alles technisch möglich ist, ohne das System zu überfordern. Denn je mehr Dinge man von Anfang an programmiere, umso größer sei die Gefahr der Überlastung. Fahrgäste sollen allerdings erst frühestens zwei oder drei Wochen nach Testbeginn mitfahren können. Bis dahin wolle man auch versuchen, die vom ABSV geforderte Haltenstellendurchsage einzurichten. Die sei schließlich in allen regulär verkehrenden Bussen und Bahnen der BVG längst Standard.

EU-Verordnung schreibt Einbau von Warnsystemen vor

Eine EU-Verordnung schreibt seit dem ersten Juli sogenannte Acoustic Vehicle Alert Systems (AVAS) bei der Neuzulassung elektrischer Fahrzeuge vor. Sie sollen bei einer Geschwindigkeit von weniger als 20 Kilometer pro Stunde in Betrieb gehen und ein Warngeräusch erzeugen. Denn erst ab dieser Geschwindigkeit sind die Abrollgeräusche der Reifen zu hören. Beim neuen BVG-Bus, der mit 15 Kilometern pro Stunde fährt, gibt es ein solches System allerdings nicht. „Aus unserer Sicht ist das Projekt zum jetzigen Zeitpunkt daher nicht genehmigungsfähig“, sagt ABSV-Geschäftsführer Scharbach. Entsprechend habe er eine Beschwerde an das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten gerichtet, dass den Betrieb genehmigt hat.

„Bei der See-Meile handelt es sich um keine reguläre Linie, sondern zunächst um einen Testbetrieb, der unter einer sogenannten Experimentierklausel genehmigt wurde“, hält BVG-Sprecherin Nelken dagegen. Es handele sich nicht um eine Neuzulassung und entsprechend seien die rechtlichen Vorgaben geringer. Langfristig wolle man zwar kein stummes Gefährt durch die Gegend schicken. Es gelte aber auch, die Interessen der Anwohner zu berücksichtigen. „Die Frage ist, wie man ein nicht-nervtötendes Geräusch hinkriegt.“ Auch das wolle man im Testbetrieb ermitteln.