Plagiate

Charité entzieht neun Medizinern die Doktortitel

Über Plagiate in Doktorarbeiten von Politikern wird viel diskutiert. Dabei ist das Problem weiter verbreitet - auch an der Charité.

Die Charité hat sich 34 Plagiats-Verdachtsfälle vorgenommen, die die Betrugsjäger von VroniPlag aufgelistet hatten, und bereits neun Medizinern die Doktortitel aberkannt.

Die Charité hat sich 34 Plagiats-Verdachtsfälle vorgenommen, die die Betrugsjäger von VroniPlag aufgelistet hatten, und bereits neun Medizinern die Doktortitel aberkannt.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Berlin.  In Berlin und im Bund warten Politiker derzeit gespannt auf die Entscheidung der Freien Universität, ob Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ihr Doktortitel wegen eines Plagiatsverdachts aberkannt wird. Doch dass wissenschaftliche Arbeiten teilweise abgeschrieben oder nicht nach den geltenden Standards erstellt werden, kommt nicht nur bei Politikern vor.

Auch die Berliner Charité hat bereits ihre Konsequenzen gezogen. Das Universitätsklinikum hat sich 34 Plagiats-Verdachtsfälle vorgenommen, die die Betrugsjäger von VroniPlag aufgelistet hatten, und bereits neun Medizinern die Doktortitel aberkannt.

Charité: Doktortitel wegen Plagiate aberkannt - Ärzte wehren sich

Drei der betroffenen Ärzte wehren sich vor dem Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung, die Verfahren sind also noch nicht abgeschlossen. In elf minderschweren Fällen wurde eine Rüge erteilt. Diese Wissenschaftler dürfen sich weiterhin mit ihrem akademischen Grad schmücken. Diese Zahlen haben jetzt die Senatsverwaltung für Wissenschaft und die Charité auf eine parlamentarische Anfrage der AfD mitgeteilt.

Unter den 34 Verdachtsfällen, die die Internetplattform VroniPlag aufgeführt hatte, waren auch zwei Habilitationsschriften, mit denen Wissenschaftler die formale Befähigung nachweisen müssen, um Professoren werden zu können. In einer Habilitation hätten sich der Charité zufolge die Vorwürfe zum Teil bestätigt.

Hintergrund: „Zitierstil keine Entschuldigung, Quellen nicht zu nennen“

Die Rede ist von einem „Plagiatscluster an der Charité“

Wegen der Häufung von Plagiats-Verdachten gerade in der Berliner Universitätsklinik ist auch von einem „Plagiatscluster an der Charité“ die Rede. Die Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) geht davon aus, dass einige Arbeiten sogar im Zusammenhang miteinander stehen. „Es gab an der Charité ein kleineres Cluster, wo man sehen konnte, dass aus der Habilitationsarbeit des Doktorbetreuers noch eine Doktorarbeit entstand unter Wiederverwendung des Textes, und noch eine, und noch eine, und noch eine. Wobei es nicht ein Institut oder einen Hochschullehrer gibt, der hier besonders auffällig wäre“, sagte die Wissenschaftlerin vor einiger Zeit im Wissenschaftsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses.

20 der 34 Verfahren an der Charité sind inzwischen abgeschlossen, in drei Fällen wurde das Verfahren eingestellt. 14 Dissertationen werden noch geprüft oder der Konflikt ist inzwischen vor den Verwaltungsgerichten angekommen. Die kritisierten Arbeiten stammen überwiegend aus dem Jahr 2014, eine wurde aber auch 2017 vorgelegt. In einem abgeschlossenen und zwei laufenden Verfahren geht es auch darum, den Betreuer des jeweiligen Doktoranden für seine mangelhafte Kontrolle der vorgelegten Arbeit zu rügen. Die Charité hat in den vergangenen Monaten eine Struktur aufgebaut, um wissenschaftlichem Fehlverhalten zu begegnen und Plagiate zu entdecken. Es wurde ein Regelwerk formuliert, wie mit Verdachtsfällen umzugehen ist. Nach Angaben einer Sprecherin wurde eigens eine Plagiatssoftware angeschafft.

Stichprobenartig werden einige der jährlich rund 500 Dissertationen und 50 Habilitationen durch das System überprüft. Die Klinik hat Ombudsleute eingesetzt, die Vorprüfungen vornehmen. Zudem arbeitet seit Jahresbeginn eine ständige Kommission zur Untersuchung von Vorwürfen, die den am Ende mit der Entscheidung betrauten Fakultäten Empfehlungen gibt, wie einzelne Fälle zu bewerten sind. Externes Mitglied in der Kommission ist der Rechtswissenschaftler Christian Pestalozza. „Die Kommission hat ordentlich zu tun in absehbarer Zeit“, sagte der Jurist. Man tage einmal im Monat, jedes Mal komme ein neuer Vorgang auf den Tisch. Dabei könne es sich auch um ältere Arbeiten handeln, die aber erst in jüngerer Zeit unter Verdacht geraten sind.

Charité gibt keine Zahlen über untersuchte Arbeiten heraus

Die Charité selber gibt angesichts der Schwierigkeiten, Plagiate oder Fehlverhalten rechtssicher zu ermitteln, keine Zahlen über untersuchte Arbeiten heraus. Der AfD-Wissenschaftsexperte Martin Trefzer kritisiert, dass bisher noch kein Fall bekannt wurde, „der aus der Universität heraus aufgedeckt worden wäre“.

Bei Medizinern ist nach Ansicht von Experten weniger als in geistes- oder sozialwissenschaftlichen Arbeiten das Abschreiben oder das unsaubere Zitieren das Problem. Oft gehe es um den unsauberen Umgang mit den im Zuge der Forschung für die Dissertation erhobenen Daten. Auch an anderen Berliner Universitäten wurden schon Doktortitel entzogen. An der Freien Universität wurden Anfang 2018 zwei solcher Sanktionen bekannt.

Plagiatsforscherin Weber-Wulff, die selbst bei VroniPlag mitarbeitet, sieht ein „systemisches Problem“ und erkennt beim Umgang der Berliner Universitäten mit dem Thema trotz aller Bemühungen „mehr Schatten als Licht“. Das habe ihre eigene Arbeit ergeben: „Wir wissen nur, dass wir etwas finden“, so die Informatikerin, „und wir finden es in Bachelorarbeiten, in Masterarbeiten, in Doktorarbeiten, in Habilitationen, in wissenschaftlichen Veröffentlichungen.“