Renn-Historie

Berliner Avus als „Rutschbahn in den Himmel“

Die Formel 1 gastierte nur ein einziges Mal auf der Berliner Avus – vor 60 Jahren. Das Rennen wurde zum Fiasko, ein Fahrer starb.

2. August 1959: Tony Brooks (vorn links, Nr. 4) und Dan Gurney (Nr. 6), beide auf Ferrari, starten in der ersten Reihe zum zweiten Lauf der Formel 1 um den Großen Preis von Deutschland auf der Berliner Avus.

2. August 1959: Tony Brooks (vorn links, Nr. 4) und Dan Gurney (Nr. 6), beide auf Ferrari, starten in der ersten Reihe zum zweiten Lauf der Formel 1 um den Großen Preis von Deutschland auf der Berliner Avus.

Foto: Konrad Giehr / dpa

Als „eine simple Rennstrecke“ analysierte der legendäre britische Rennfahrer Stirling Moss den Kurs auf der Avus (Verkehrs- und Übungsstraße), „zwei vier Kilometer lange Geraden mit einer Steilwandkurve. Dafür benötigt man einen richtig starken Motor und hervorragende Bremsen, da man in der Südkehre komplett runterbremsen muss“, sagte der spätere Sir vor dem Rennen am 2. August 1959, bei dem die Formel 1 das einzige Mal in Berlin gastierte. An diesem Freitag jährt sich das besondere Ereignis zum 60. Mal.

Eigentlich war damals der ansonsten extra für die Formel 1 hergerichtete Nürburgring als Austragungsort vorgesehen. Doch der West-Berliner Senat lockte den Automobilclub von Deutschland (AvD) als Veranstalter mit Ausfallbürgschaften in die geteilte, aber noch nicht eingeschlossene Stadt. Zudem erhielt der AvD vom Senat auch die Garantie, die in Ostmark gezahlten Eintrittsgelder zu einem Kurs von 1:1 bis zu einer Summe von 60.000 Mark umgetauscht bekäme. Als weiteren Baustein der Aktion „Macht das Tor auf“ beurteilte die Fachzeitschrift „Das Auto – Motor und Sport“ – heute „Auto, Motor und Sport“ – die finanziellen Anreize.

Jean Behra verlor in der Steilwandkurve sein Leben

Doch die Wochenendveranstaltung geriet zum Fiasko. Im Rahmenprogramm am Sonnabend verlor der französische Fahrer Jean Behra im Porsche sein Leben in der Steilwandkurve im nördlichen Teil der Avus. Auf regennasser Bahn kollidierte Behra am oberen Rand mit dem Betonfundament einer Flak-Stellung aus dem Krieg. Als „Rutschbahn in den Himmel“ bezeichnete Behras Landsmann Maurice Trintignant die für die Formel 1 untaugliche Rennstrecke.

Einen Tag später hatte der deutsche Rennfahrer Hans Herrmann am anderen Ende des 8,3 Kilometer langen Kurses mehr Glück. 250 Meter vor der Kehre war die Bremswirkung weg. „Schnell wurde mir klar, ich konnte nicht in die Kehre einfahren. Dort befanden sich die Zuschauer und es hätte bestimmt 100 Menschen das Leben gekostet – und meines wahrscheinlich auch“, sagte Herrmann.

Hans Herrmann wurde zu „Hans im Glück“

Der damals 31-Jährige steuerte geradeaus in die Strohballen und wurde in die Luft geschleudert. Die anschließenden 130 Meter mit Überschlägen machte Herrmann nicht in Gänze mit. Nach rund 60 Metern wurde er aus der Fahrerkabine herausgeschleudert – Sicherheitsgurte gab es noch keine. Wie durch ein Wunder zog sich der heute 91-Jährige lediglich Schürfwunden zu und erhielt von da an den Spitznamen „Hans im Glück“.

Die Zeitung „Neues Deutschland“ machte den West-Berliner Senat damals als „Hauptschuldigen“ aus. „Der französische Meisterfahrer Behra wurde ein Opfer der Frontstadt-Politik Brandts und Lemmers.“ Willy Brandt (SPD) war damals Bürgermeister, Ernst Lemmer (CDU) Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen.

„Vielleicht fahren wir auch mal durch den Tiergarten“

Abseits der reinen Politik nahm aber auch der Formel-1-Zirkus Abstand von der Avus. Sie diente noch knapp 40 Jahre anderen Rennserien auch ohne der 1967 abgetragenen Steilkurve als Zuhause. Träume von einem Formel-1-Rennen in der Hauptstadt tauchen aber immer wieder auf. „Ich bleibe optimistisch, immerhin fahren wir auch durch Monaco oder Singapur. Vielleicht fahren wir auch mal durch den Tiergarten“, sagte der Formel-1-Vermarktungschef Sean Bratches 2018.

Der Berliner Senat wies die Überlegungen des Amerikaners sofort zurück und folgte auch dem Urteil, das Stirling Moss nach dem einzigen Rennen der Motorsport-Königsklasse auf der Avus vor 60 Jahren zum Besten gab: „Die Avus ist die schlechteste Rennstrecke der Welt; sie ist gefährlich, uninteressant und erfordert nur wenig fahrerisches Können.“