Einzelhandel

Berlins Einkaufsstraßen verlieren Besucher

In vielen Berliner Einkaufsstraßen geht die Zahl der Passanten zurück. Manche stemmen sich gegen den Trend – etwa der Alexanderplatz.

Nirgendwo in Berlin flanieren und shoppen mehr Menschen als an der Tauentzienstraße in der City West.

Nirgendwo in Berlin flanieren und shoppen mehr Menschen als an der Tauentzienstraße in der City West.

Foto: Amin Akhtar

Die Zahl der Besucher ist in vielen Berliner Einkaufsstraßen stark zurückgegangen. Das zeigen Zahlen des Gewerbeimmobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL), die der Berliner Morgenpost vorliegen. Für die Untersuchung wurden die Passantenströme entlang der Shoppingstraßen in Berlin jeweils an einem Sonnabend im April zwischen 13 und 16 Uhr gemessen und daraus einen Durchschnittswert pro Stunde ermittelt.

Bei gleich einer Reihe von Einkaufsmeilen der Hauptstadt ging es demnach im vergangenen Jahr deutlich abwärts. Einbußen musste etwa der Kurfürstendamm hinnehmen. 2018 waren hier pro Stunde im Schnitt 5355 Passanten unterwegs. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2018 flanierten hier noch 6377 Besucher pro Stunde und damit 16 Prozent mehr. Noch kräftiger bergab ging es in der Wilmersdorfer Straße. Mit einem Rückgang auf 2830 Besucher lag das Minus im Vergleich zum langjährigen Schnitt hier bei satten 30 Prozent. Auch die Friedrichstraße musste Einbuße hinnehmen. Mit stündlich 4845 Passanten waren im Jahr 2018 sonnabends im Schnitt rund acht Prozent weniger Menschen in der Straße unterwegs.

Die meisten flanieren entlang des Tauentzien

„Es ergeben sich immer einmal Schwankungen in den Passantenströmen, die sich nicht logisch erklären lassen“, heißt es von JLL zu besonders starken Ausreißern in einzelnen Jahren. Grundsätzlich ist die Tendenz aber deutlich: Im vergangenen Jahr war ein Bummel in den meisten Berliner Einkaufsstraßen nicht mehr so gefragt wie noch in der Vergangenheit.

Doch es gibt Ausnahmen. Entlang des Tauentziens stieg die Zahl der Besucher leicht auf 7780 an. In keiner Berliner Einkaufsstraße flanieren mehr Menschen. Bundesweit reicht der Wert jedoch nur für Rang 16 der meistfrequentierten Shoppingmeilen. Klar bergauf geht es am Alexanderplatz. Mit 7145 Passanten wich der Platz im vergangenen Jahr um satte 26 Prozent nach oben vom Durchschnitt der vergangenen Jahre ab. Am deutlichsten konnten jedoch die zwischen Hackeschem Markt und Rosenthaler Platz gelegenen Münzstraße und Rosenthaler Straße zulegen. In der Münzstraße stieg die Zahl der Passanten um 30 Prozent. Die Rosenthaler Straße konnte ein Plus von 26 Prozent verzeichnen.

Gastronomie, Bäume und Märkte sind attraktiv

Gerade junge Menschen suchten heute bevorzugt Orte auf, wo es mehr gebe als nur das nächste Geschäft, sagt Dirk Wichner, Geschäftsführer der Gewerbeimmobiliensparte bei JLL. Es gehe den Passanten zunehmend um das gesamte Setting der Orte: „Am Hackeschen Markt haben sie einen wunderschönen Platz mit viel Gastronomie, voller Bäume und manchmal einem Markt.“ Auch wohnten in der Gegend viele Menschen. „Da ist alles lebendig.“ Und dann, sagt er, solle man zum Vergleich mal in der Französischen Straße aus der U-Bahn steigen. „Wenn sie an der Friedrichstraße versuchen, ein Restaurant zu finden, müssen sie schon wissen, dass sie zum Gendarmenmarkt gehen müssen, aber selbst da ist es ja recht versprengt.“ Die Aufenthaltsqualität sei entsprechend gering, was Passanten abschrecke.

Dass in Fußgängerzonen nicht automatisch alles besser läuft, zeigt eindrucksvoll die Entwicklung der Wilmersdorfer Straße. „Da läuft seit zehn Jahren alles falsch“, sagt Handelsexperte Wichner. Die Zone sei einst eine schöne Einkaufsstraße gewesen. Doch falsche Entscheidungen bei der Wahl neuer Ladenmieter hätten zu einem schlechten Branchenmix geführt. Heute sei die Fußgängerzone ein Flickenteppich aus Pflaster, Beton und Bitumen. Wichners Urteil fällt eindeutig aus: „Es sieht furchtbar aus. Ich kann mir nicht vorstellen, in der Straße irgend ein Einkaufserlebnis zu haben.“

Touristen sorgen für Schwung beim Einzelhandel

Wohl kaum wegen des äußeren Erscheinungsbild gehen die Zahlen am Alexanderplatz nach oben. Doch sie steigen. „Die Menschen gehen da nach wie vor hin, obwohl viele nicht wissen wieso“, sagt Wichner. Der Platz sei nach wie vor das „Einfallstor in die Stadt für den ganzen Osten Berlins“. Entsprechend gut seien die stationären Umsätze, so der Handelsexperte.

Dafür sorgen auch die Touristen. Ohnehin sind die Berlingäste ein kaum zu überschätzender Faktor für den Handel in der Hauptstadt. Laut einer Studie der landeseigenen Tourismusagentur VisitBerlin ließen die Besucher 2016 rund 11,5 Milliarden Euro in der Stadt. Ein Drittel davon sei direkt in den Einzelhandel geflossen. „Da sieht man die große Bedeutung, die der Tourismus für den Einzelhandel hat“, sagt VisitBerlin-Sprecher Christian Tänzler. Sich positiv entwickelnde Einkaufsstraßen seien deckungsgleich mit den touristischen Hotspots.

„Konsumenten den roten Teppich ausrollen“

„Wir können von Glück sagen, dass es hier viele Touristen gibt“, sagt auch Uwe Timm, Vorstand der AG City und Europacenter-Chef. Denn auch um Tauentzien und Kurfürstendamm sieht er Probleme. „Auch wir haben hier Frequenzrückgänge, das ist nicht zu verschweigen.“ Die insgesamt negative Entwicklung des stationären Einzelhandels treffe sowohl die Luxus- als auch die Konsummeile. Timms Antwort darauf: „Wir müssen den Konsumenten den roten Teppich ausrollen.“

Als Problem sieht er Europacenter-Chef die Anbindung des Umlands an die City West. Überfüllte Regionalbahnen seien keine Einladung, hier hinzukommen. Auch Baustellen auf den Einfallstraßen im Umland machten es komplizierter, zum Kurfürstendamm zu kommen. Ins Spiel gebracht wurde zuletzt auch eine Verkehrsberuhigung von Tauentzien und Kurfürstendamm. „Wir wissen, dass eine gute Atmosphäre herrscht, wenn die Straße zu ist“, sagt Timm. Die Straßen seien Boulevards. „Da geht es um sehen und gesehen werden, und da gehört auch das Autofahren dazu.“