Berliner Start-up

Wie Getyourguide den Massentourismus verändern will

Der Chef der Reiseerlebnis-Plattform, Johannes Reck, über Massentourismus, neue Pläne und die schwierige Suche nach Mitarbeitern.

Getyourguide-Chef Johannes Reck hat das Start-up 2009 mit drei Geschäftspartnern in Zürich gegründet. Seit 2013 sitzt die Firma in Berlin.

Getyourguide-Chef Johannes Reck hat das Start-up 2009 mit drei Geschäftspartnern in Zürich gegründet. Seit 2013 sitzt die Firma in Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. 484 Millionen Dollar sammelte Getyourguide, die Berliner Online-Buchungsplattform für geführte Touren und Erlebnisse, im Mai von Investoren ein. Die Geldgeber rund um den japanischen Fonds Softbank sehen in dem Markt große Wachstumsmöglichkeiten. Über die neuen Pläne des Start-ups hat die Berliner Morgenpost mit Getyourguide-Chef Johannes Reck gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie haben vor kurzem geheiratet. Wie verreist der Chef einer der größten Buchungsplattformen für Attraktionen und Erlebnisse in seine Flitterwochen?

Johannes Reck: Genauso wie der normale Tourist. Wir waren an der Amalfi-Küste und in der Toskana. Dort habe ich zunächst eine E-Bike-Tour über die verschiedenen Weingüter gebucht. Mir ist aufgefallen, dass ein ähnliches Angebot bei Getyourguide noch fehlt. Zudem bin ich ein absoluter Foodie (Liebhaber von gutem Essen, d. Red.). Genauso wie meine Frau. Deswegen haben wir ein originales Bistecca in Panzano gegessen. In Capri haben wir dann über Getyourguide eine zweitägige Bootstour gebucht. Dabei wollte ich im Honeymoon Getyourguide eigentlich nicht so viel nutzen, aber wir sind am eigenen Produkt einfach nicht vorbeigekommen.

Hat Ihnen etwas gefehlt?

Mir hat viel gefehlt. Ich bin mit einer ganzen Liste zurückgekommen. Erstmal sind E-Bike-Touren eine tolle Möglichkeit, Destinationen besser zu entdecken, weil man deutlich mehr Kilometer zurücklegen kann, als mit einem herkömmlichen Fahrrad. Abgesehen davon wird mir auf eigenen Reisen immer deutlich, dass die Kategorisierung und die Personalisierung, also das, was mir vorgeschlagen wird, in vielen Fällen noch nicht gut genug ist. Daran werden wir in den nächsten ein, zwei Jahren verstärkt arbeiten.

Dabei soll auch das Geld helfen, was Sie zuletzt von Investoren eingesammelt haben.

Richtig. Wir investieren in drei große Sachen: Wir wollen Getyourguide in mehr Destinationen erlebbar machen. Auf der zweiten Seite investieren wir sehr stark in Technologie. Heute schon sind rund 40 Prozent unserer Mitarbeiter in den Bereichen Produktdesign und Engineering tätig. Der Bereich soll noch weiter wachsen. Und dann wollen wir noch stärker in die Produktion unserer eigenen Erlebnisse investieren. Wir haben mit Getyourguide-Originals angefangen, die ersten geführten Touren anzubieten. So etwas wollen wir in immer mehr Kategorien machen, zum Beispiel Transfers, Busrundfahrten oder Tagesausflüge. Da wollen wir tiefer reingehen und eigene Getyourguide-Erlebnisse definieren.

Sie hatten vor, Getyourguide an die Börse zu bringen. Gibt es den Plan noch?

Definitiv ja.

In welchem Zeitrahmen ist das geplant?

Wir geben da keinen Zeitrahmen vor, weil wir den auch intern gar nicht haben. Der Grund ist, dass wir jetzt erstmal eine Kriegskasse haben, die prall gefüllt ist. Wir haben gar keine finanziellen Sorgen und brauchen auch nicht das Geld von der Börse in den nächsten paar Jahren. Jetzt werden wir erstmal privat bleiben und unseren Wachstumskurs fortführen. Perspektivisch ist es klar, dass ein Unternehmen unserer Größenordnung und auch die Investoren irgendwann mal die Liquidität der Börse benötigen werden. Aber wir werden dann autonom festlegen, wann dafür der richtige Zeitpunkt ist.

Sind auch Zukäufe denkbar?

Das kann man nicht ausschließen, ist aber im Moment nicht Teil des Plans.

Mit Blick auf ihr Geschäftsfeld beklagen viele Orte und Regionen auch die Folgen des Massentourismus. Ist Getyourguide Teil des Problems?

Eher das Gegenteil: Ich finde Getyourguide ist Teil der Lösung. Den Drang der Menschen, zum Beispiel nach Venedig, Rom oder Florenz zu reisen und dort auch Unterkünfte zu buchen, der besteht. Die Frage ist, wie man Touristen eine Stadt vernünftig erlebbar machen kann, ohne, dass sie die Stadt oder das Erlebnis für die anderen Besucher zerstören. Dafür ist Getyourguide fantastisch, weil wir verstehen, was die Leute machen wollen und wann sie es machen wollen. Basierend darauf können wir die Touristenströme optimieren. Das machen wir heute schon, in dem wir bei den ganz beliebten Orten Zeit-Slots für den Besuch anbieten. Zusätzlich bieten wir den Kunden an, für Attraktionen direkt zu spenden. Der Service findet sehr hohe Nachfrage, wir verdienen daran kein Geld. Das kommt gut bei den jeweiligen Destinationen an und macht Getyourguide zu dem vertrauenswürdigen Partner, der wir sein wollen. Zudem entwickeln wir auch Angebote jenseits der ganz gefragten Städte. Diese breitere Auswahl sorgt dafür, dass Touristen besser verteilt werden.

Gibt es schon Kooperationen zwischen Getyourguide und bei Touristen beliebten Städten?

Noch nicht, aber es gibt Anfragen und in der Zukunft wird das sicherlich eine Rolle spielen. Bei den meisten Städten, auch in Berlin, ist die Fläche aber so groß, dass noch viel mehr Touristen kommen könnten. Ich bin überzeugt, dass sich mit technischen Angeboten, wie Time-Slots, auch viele der Probleme lösen lassen.

Stoßen Sie mitunter auf Widerstand von Attraktionen und Museen, die nicht mit Ihnen zusammenarbeiten wollen?

Ja, bei einzelnen Attraktionen und Musen passiert das ab und zu. Das hat sich aber über die letzten Jahre sehr verändert, weil wir zeigen konnten, dass wir den Anbietern keine Kunden wegnehmen. Das ist normalerweise die Angst.

Und, dass Sie einen Zweitmarkt etablieren, ähnlich wie Viagogo bei Konzerten…

Korrekt, wobei wir in der Hinsicht eher Eventim und nicht Viagogo sind. Wir verkaufen ja keine Tickets, die wir zuvor auf dem Schwarzmarkt gekauft haben. Sondern wir wollen gemeinsam mit den Attraktionen Preisstrukturen definieren, die für sie funktionieren und die ihre Ziele erfüllen. Das verstehen mehr und mehr Attraktionen. Mittlerweile arbeiten wir mit fast allen europäischen und amerikanischen Attraktionen zusammen. Es gibt, das muss man auch sagen, viele kleinere Agenturen, die diesen Schwarzmarkt betreiben. Deswegen ist die Partnerschaft mit Getyourguide auch so wichtig, weil über unseren Distributionskanal genau gesehen werden kann, was verkauft wurde.

Gibt es weitere Erlebnisse, die Getyourguide perspektivisch anbieten könnte?

Mittlerweile haben wir unsere Getyourguide-Originals-Touren auf alle großen europäischen Touristenziele ausgerollt. Das ist enorm erfolgreich. Wir haben gerade den Meilenstein von 100.000 Tickets erreicht. Da machen wir weiter. Wir nehmen jetzt dieses Konzept und etablieren das in die nächsten Kategorien. Zunächst starten wir diesen Sommer damit bei Tagesausflügen, wo wir mit Fahrzeugen mit Getyourguide-Logo fahren werden.

Machen Sie das mit einem eigenen Fahrzeug-Park?

Im Moment machen wir das noch über Dienstleister, aber es ist vorstellbar, dass wir da stärker reingehen. Eine andere Sache, die wir uns anschauen, ist das Thema Hop-on-hop-off. Da sehe ich Nachholbedarf, was die Digitalisierung angeht. Alle Anbieter haben kein GPS-Tracking, das heißt, man sieht nicht, wann der nächste Bus ankommt. Die Buchung geht meistens über Straßenverkäufer. Das will der Kunde eigentlich nicht. Da werden wir reingehen. Das heißt nicht, dass uns die Busse zwangsläufig gehören, aber wir werden die Technologie bereitstellen und auch sicherstellen, dass die Busse basierend auf unseren Daten optimiert fahren. Das heißt, dass die Fahrzeuge in der richtigen Frequenz kommen und auch die richtigen Sehenswürdigkeiten ansteuern.

Es gibt Konkurrenten wie Airbnb oder Booking, die erkannt haben, dass ihr Geschäft funktioniert. Haben Sie bemerkt, dass die beiden Anbieter in Ihrem Markt nun mitmischen?

Ja, das war sehr positiv, weil viele Touristen noch stärker darauf aufmerksam geworden sind, dass sich Tickets für Attraktionen auch online kaufen lassen. Das hat uns absolut geholfen. Man kann Airbnb heute nur dankbar sein. Unser Hauptwettbewerb ist aber nach wie vor der Straßenverkauf. Den Automatismus, wie bei Hotels und Unterkünften, im Internet zu buchen, den gibt es bei Attraktionen so noch nicht.

Ist es denkbar, dass Getyourguide zum Komplettanbieter von Reisen wird?

Transfers bieten wir ja schon an. Bei Unterkunft und Flug bin ich mir unsicher. Denn da gibt es schon sehr gute Anbieter. Wir müssen nicht eine gute Lösung nachbauen. Am Ende sollten wir uns auf die Bereiche fokussieren, in denen wir stark sein können und in denen auch unsere Kompetenz liegt.

Welche Rolle werden Virtual-Reality-Angebote bei der Vorab-Erkundung von Reisezielen für Getyourguide spielen?

Unser strategischer Fokus liegt nicht darauf, den Reiseführer zu ersetzen. Unser Fokus liegt darin, vor Ort alle Dienstleistungen zu digitalisieren, einfach auffindbar zu machen und personalisiert dem Kunden zuzuspielen – egal, welchen Reiseführer er gelesen hat. Denn das, was die Kunden wirklich vermissen, sind tollte Vor-Ort-Erlebnisse. Viele junge Menschen informieren sich ohnehin nicht mehr über den Reiseführer, sondern nutzen Instagram.

Bei der Foto-Plattform stehen ja sehr schnell Luxus-Erlebnisse im Vordergrund. Wollen Sie das Premium-Segment erobern?

Das Potenzial dafür gibt es. Aber Getyourguide ist darauf im Moment nicht ausgerichtet. Denn der Durchschnittskunde sucht eigentlich nicht unbedingt nach Premium-Angeboten. Das läuft immer noch klassisch über Reisebüros oder über den Concierge-Desk von Luxushotels. Ich denke aber, in einiger Zeit könnte das für uns spannend werden.

Viele Urlauber buchen aber noch immer im Reisebüro und auch über Erlebnisse oder Attraktionen wird häufig erst vor Ort entschieden. Wie wollen Sie diese Menschen erreichen?

Wir haben in der Vergangenheit verstärkt mit Reiseveranstaltern zusammengearbeitet, aber nur mit mäßigem Erfolg. Denn Menschen, die so buchen, wenden sich dann auch vor Ort an die Rezeption des Hotels oder nehmen die Flyer auf der Straße und informieren sich so über mögliche Aktivitäten. Für uns heißt das, die Präsenz vor Ort noch mehr auszubauen. Unser Anspruch muss sein, dass Getyourguide in den touristischen Zentren Europas und der USA stark sichtbar ist. Wenn man als Tourist unterwegs ist, muss man Getyourguide kennen.

Getyourguide zieht in Berlin in ein neues Headquarter. Was bedeutet der Schritt für Ihr Unternehmen?

Das ist schon ein bisschen erwachsenwerden. Auf der anderen Seite verändert sich durch den Umzug das Bild, das man nach außen spiegelt. Wir sind eben nicht mehr das junge, hippe Berliner Start-up, sondern schon etwas etablierter und gesetzter. Getyourguide funktioniert aber tatsächlich auch eher wie ein schnell wachsender Mittelständler oder Konzern. Aber mit einer sehr klaren Strategie und mit erfahrenen Mitarbeitern, die sich einbringen und die teilweise von den Top-Internetkonzernen der Welt zu uns kommen.

Sie wollen in diesem Jahr noch auf 800 Mitarbeiter wachsen. Welche Herausforderungen bestehen beim Personalaufbau?

Wir hatten ja zuletzt einen unfassbaren Kapitalzufluss in Berlin. Der Markt ist heiß. Es ist fast unmöglich in den Bereichen Informatik, Produktdesign und Produktentwicklung sehr gute Talente, schnell und in großer Masse zu sich zu bringen, weil es sie schlicht in Berlin einfach nicht mehr gibt. Getyourguide und auch andere Start-ups haben deswegen mittlerweile große Recruiting-Teams, die weltweit schauen und die dann die Mitarbeiter hierherholen und beim Umzug helfen.

Wie schwierig ist das?

Das kommt stark auf die Länder an. Insgesamt haben uns zwei Sachen hier in Berlin in die Karten gespielt: Das Eine ist Trump und die damit einher gehende restriktive Immigrationspolitik in den USA. Das Zweite ist die Unsicherheit in Großbritannien durch den Brexit. Dadurch ist Berlin attraktiver geworden. Wir müssen aber schon Leute noch sehr stark davon überzeugen, dass Berlin die gleiche Lebensqualität hat wie London oder San Francisco. Das funktioniert gut, wenn die Leute erstmal hier waren. Getyourguide ist in dem Fall nicht nur Stadtführer für Touristen, sondern auch für Leute, die nach Berlin ziehen wollen.

Wie schädlich sind Nachrichten, wie etwa der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Lübke, für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Ich verurteile diese Tat aufs Schärfste. Aber gleichzeitig haben wir nicht gesehen, dass Deutschland in irgendeiner Form danach radikaler eingeschätzt worden wäre und sich Leute davon haben entmutigen lassen. Im Gegenteil: Wir sehen, dass jedes Jahr mehr Menschen hier arbeiten wollen, einfach, weil es ein sehr attraktives Land ist. Was ich aber kritisiere ist, dass sich durch die Groko in den letzten Jahren noch immer nichts an den Rahmenbedingungen für Internet-Unternehmen geändert hat. Das Thema Mitarbeiterbeteiligung ist zum Beispiel ein Riesen-Blocker, wenn es darum geht, international neues Personal zu gewinnen. Denn die ausländischen Mitarbeiter erwarten Beteiligungspakete. Das gibt es rechtlich sehr einfach und gut ausgeführt in den USA und Großbritannien. In Deutschland gibt es das Konstrukt für private Unternehmen leider nicht. Wir haben somit gar nicht die Möglichkeit, solche Aktienoptionen auszugeben. Von daher müssen wir das über das Gehalt lösen, was aber viel teurer ist. Die Bundesregierung hat das – trotz Versprechens – nicht gelöst. Darüber bin ich sehr enttäuscht.

Getyourguide

Die Studienfreunde Tao Tao, Martin Sieber, Johannes Reck und Tobias Rein gründeten Getyourguide 2009 in Zürich. Seit 2013 ist der Hauptsitz des Unternehmens in Berlin. Derzeit finden letzte Arbeiten in der neuen Firmenzentrale statt. Schon in einigen Wochen will Getyourguide dann in das alte Umspannwerk Ampere in Prenzlauer Berg einziehen. Getyourguide hatte im Mai eine der größten Finanzierungsrunde Europas abgeschlossen. Insgesamt 484 Millionen Dollar investierte eine Investorengruppe rund um den japanischen Fonds Softbank. Vor allem die Wachstumsperspektiven haben die Geldgeber überzeugt: Experten schätzen den weltweiten Markt für Erlebnisse und Ausflüge während des Urlaubs auf gut 150 Milliarden Euro. Derzeit findet ein Großteil der Buchungen noch offline statt.