Spaziergang

Michael Barenboim - Unterwegs mit einem Virtuosen

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Spaziergang mit Michael Barenboim, Violinist.

Virtuose Michael Barenboim lebt mit seiner Familie ganz in der Nähe des Nollendorfplatzes.

Virtuose Michael Barenboim lebt mit seiner Familie ganz in der Nähe des Nollendorfplatzes.

Foto: David Heerde

Schnellen Schrittes, weil etwas verspätet, kommt er angelaufen. Der Virtuose. So wird Michael Barenboim genannt. Was genau bedeutet das denn eigentlich, virtuos zu sein? Jedenfalls fragte ich mich das eben beim Warten, was wohl so jemand wie Barenboim selbst über dieses fast schon inflationär genutzte Wort sagt. Und? „Das Klischee“, erklärt der Musiker, „bedeutet nicht nur, Kontrolle über das Instrument und über schwere Passagen, sondern auch, dass man sich von äußeren Bedingungen lossagt und wild drauflos spielt.“ So also muss man sich den Geiger auf der Bühne vorstellen.

Interessant übrigens, ergänzt er noch nebenbei, wie sich das Wort entwickelt habe. Die Basis nämlich sei „virtus“, Tugend. Also theoretisch das Gegenteil von dem, was es heute heißt. Barenboim ist offenbar nicht nur virtuos, sondern auch sprachbegabt. Nun aber zunächst ein erstes Foto. So richtig befreit wirkt er nicht. Aber wer ist das schon, so am helllichten Tag fast in der Mitte vom Nollendorfplatz, sozusagen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehend, nur wenige Meter neben dem Eingang des Supermarkts?

Er ist mit vier Sprachen aufgewachsen

Und doch kann man kaum glauben, dass er regelmäßig vor tausenden Zuschauern spielt. Im August zum Beispiel beim Jubiläum des West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne. Ein Geiger ohne Geige ist eben auch nur Mensch. Tatsächlich spricht der 33-Jährige vier Sprachen, erzählt er nun im Spazieren. Hilft es ihm, flink zu sein, flink zu denken? „Das klingt vielleicht etwas übertrieben, aber mit Mehrsprachigkeit hat man durchaus bessere oder zumindest andere Zugänge zu verschiedenen Möglichkeiten des Denkens.“

Dass er deshalb nicht besonders intelligent sei oder so, betont er gleich mit. Er habe die Sprachen ja nicht klassisch erlernt, sondern ist mit ihnen aufgewachsen: Die Eltern reden Englisch miteinander, mit seiner Mutter und Frau spricht Barenboim Russisch, mit seinem Vater Französisch. Er ist in Paris geboren und siebenjährig nach Berlin gezogen, wo er auf die Französische Schule ging. Später studierte er zunächst zwei Jahre Philosophie in Paris, bevor er dann in Rostock das Geigenstudium begann.

Leichter französischer Singsang in der Stimme

Barenboim spricht sehr deutlich, irgendwie akademisch. Jedenfalls klingt er nach jemandem, der im Inneren wohl äußerst sortiert ist, wenn vielleicht auch bloß intuitiv. Sicher gewöhnt man sich das an, wenn man ständig zwischen Betonungen, spracheigenen Rhythmen und Wörtern verschiedener Sprachen wechseln muss. Seine Worte sind bedacht gewählt, keine Endung wird verschluckt. Auch beim Geigespielen, so die Vorstellung eines Laien, muss man das sicher: genau sein und wach.

Wer genau hinhört, wenn er spricht, bemerkt einen ganz leichten französischen Singsang in seiner Aussprache. Und irgendwie vermag man nicht ganz auszuschließen, dass da auch irgendwo tief ein sanftes Berlinern zu verzeichnen ist. Aber womöglich hört das nur raus, wer damit aufgewachsen ist.

Vater ist der bekannte Pianist und Dirigent Daniel Barenboim

Für den ein oder anderen muss man wohl spätestens jetzt einen Moment spulen – zurück auf Anfang.

Denn: Wieso bitte ist Herr Barenboim plötzlich Mitte 30? Wieso heißt er nicht mehr Daniel, sondern Michael? Und seit wann ist Barenboim eigentlich Geiger? Wer sich das nun tatsächlich gefragt hat, dem muss gesagt werden: Dieser Spaziergang ist nicht etwa mit dem Jahrhundertmusiker, dem Pianisten und Dirigenten, Daniel Barenboim. Wir treffen uns hier an diesem Vormittag mit seinem Nachwuchs, einem seiner zwei Söhne. Wer das weiß, sieht sofort den Vater in seinem Gesicht.

„Wir sind alle besessen von Musik“

Natürlich ist genau das eine wichtige Frage an Michael Barenboim: Ist der Nachname Fluch oder Segen? „Ich weiß es ja nicht, ich kenne es nicht anders.“ Gab es denn keine Neider auf dem Weg, die klischeehaft dachten, ‚nur wegen des Namens‘ und so weiter? Das wisse er nicht, sagt er. Er gibt sich wortkarg bei diesem Thema. Noch eine letzte Frage dazu: War es schwer, sich vom Erfolg des Vaters zu emanzipieren? „Verglichen werden kann ich ja nicht, das ist mein Glück – beziehungsweise spiele ich einfach viel besser Geige als er.“ Er lacht und ergänzt direkt: „Und er natürlich besser Klavier als ich.“ Die Karriere des Sohnes ist also längst eine eigene. In einem Interview 2017 mit dem älteren Bruder David, der Hip-Hop-Musik produziert, sagten sie, dass eine wirkliche Rebellion gegen die Eltern (die Mutter ist Pianistin) wohl nur eine gewesen wäre, wenn sie sich gegen Musik entschieden hätten. Aber sie haben nun mal alle eins gemeinsam, sagt Barenboim: „Wir sind besessen von Musik.“

Anwesenheit des Vaters war oft anstrengend

Damals sagten sie auch, dass ihr Vater ein abwesender gewesen sei. Das sei relativ, sagt sein Sohn. Er war ja immer fest angestellt, manchmal auch in Berlin. Bis zu acht Wochen sei er dann zuhause gewesen – „auch nicht immer ganz unanstrengend“. Er lacht. Als Kind von zwei Künstlern ist der Normalzustand ja dieser, der für andere ungewöhnlich wäre. Er selbst versuche, so viel wie möglich bei seiner Familie zu sein. Als Solist reise er in viel kürzeren Abständen umher als sein eigener Vater damals. „Wenn ich nicht aufpasse, bin ich kaum da.“ Er wolle sich nicht irgendwann ärgern, wenn er etwas bei seinen Kindern verpasst.

Als erfolgreicher Solist in der ganzen Welt gebucht

Man merkt, dass Barenboim bezüglich seines Vaters zurückhaltend bleiben will. Akzeptiert. Ein Küchenpsychologe würde vermutlich schlussfolgern, jene Zurückhaltung sei eine bewusste Abgrenzung nach mehrfach erfahrenen Vergleichen und ständiger Assoziation mit dem Herrn Vater von außen. So oder so ähnlich. Dass Barenboim mit gerade mal 33 Jahren bereits zwei Kinder hat (4- und 2-jährig), verheiratet ist (mit einer Pianistin), als erfolgreicher Solist in der Welt gebucht wird und als Dozent für Kammermusik und Violine an der Barenboim-Said-Akademie in Berlin arbeitet, klingt mehr als angekommen. Ist er auch. Das alles aber bedürfe reichlich Effizienz auf allen Ebenen, sagt er.

Barenboim lebt mit seiner Familie in der Nähe des Winterfeldtplatzes

Wie zwei Pferde traben wir, ohne groß in der Gegend umherzuschauen, um den Winterfeldtplatz herum, während wir reden – eine Runde nach der anderen. Gerade wieder durch die Gleditschstraße. Ob wir mal woanders entlang wollen, fragt Barenboim nun und unterbricht unsere Schritte. Na klar.

Hier getroffen haben wir uns übrigens, weil er nicht weit von hier mit seiner Familie wohnt. Außerdem erinnert ihn die Gegend an seine Schulzeit – ein paar Straßen entfernt hat er 2003 sein Abitur gemacht. Er zeigt im Gehen hinter sich. Aufgewachsen sei er aber in Dahlem. „Langweilig, weil beschaulich, aber es kommt ja darauf an, was man draus macht.“

Er hat nicht jeden Tag fünf Stunden Geige gespielt

Mit dem, was in seiner Vita steht, ist er heute natürlich ein durch und durch erwachsener Mann. Da gibt es keinen Zweifel. Nur was vielleicht fehlen könnte, wäre etwas Überraschendes. Wohl genau das Gegenteil: irgendetwas „Unfertiges“ in seiner Erscheinung. Gerade mal vier Jahre jünger als er, wechsele ich im Gespräch ganz automatisch immer wieder versehentlich vom Du ins Sie. Man könnte meinen, er sei immer schon so reif gewesen, wie er jetzt wirkt. Wider Erwarten sagt er nun aber: „Ich habe mich in der Jugend nicht täglich fünf Stunden in meinem Zimmer eingesperrt, um Geige zu spielen – ich weiß auch gar nicht, ob das für die persönliche Entwicklung wirklich so gut ist.“

Mit Anfang 20 hatte er einiges nachzuholen

Michael Barenboim also doch kein Nerd der ersten Stunde. Nerd ist im besten Sinne, nicht als Fachidiot zu verstehen. Das beruhigt jedenfalls etwas. Auch Vater Barenboim habe ihn übrigens nicht dazu getrieben, sein Instrument fleißig zu spielen. Nach Totalausfällen eines Pubertierenden klingt das trotzdem nicht.

Eine Spätfolge dieses zahmen jugendlichen Aufstands des Nichtspielens war, dass er mit Anfang 20 dann nachholen musste, was andere mit 15, 16 bereits erlernt hatten. Das war, als er, zurück aus Paris, entschied, professionell Geige spielen zu wollen und nicht bloß Hobbygeiger zu werden. Ein Moment, an den er sich bis heute erinnert.

Was muss man denn mitbringen, um zu tun, was er tut? „Man muss diszipliniert und strebsam sein, um so gut es geht die Musik zu spielen.“ Leidenschaft sei wichtig, aber mit ihr alleine würde man nicht sehr weit kommen.

Musizieren ist eine Art Leistungssport

Tonleitern, Etüden, Übungen. Und zwar jeden Tag, immer wieder. „Mit einem Instrument funktioniert das

nicht wie bei einem Fitness-Abo: Es drei Monate intensiv nutzen und dann die Motivation verlieren, um dann irgendwann wieder zu beginnen.“ Zumindest nicht, wenn man es wirklich gut beherrschen und damit professionell sein Geld verdienen will.

Barenboim ist also nicht Typ Pumper, sondern Ausdauersportler, auch im Urlaub. „Und wenn es doch mal eine Pause gibt, um den Kopf frei zu kriegen und die Muskeln zu entspannen, muss man sich ganz langsam wieder herantasten – nach zwei Monaten Sommerpause sprintet ein Leichtathlet ja auch nicht direkt los.“ Viele vergessen, dass Musizieren in der Tat eine Art Leistungssport ist – eben nur mit anderen Reizen.

Barenboim musste einmal für David Garrett einspringen

Verletzungen in seinem Bereich seien demnach nicht selten. Für David Garrett musste Barenboim zum Beispiel deshalb mal einspringen. Geiger belasten ständig ihre Rumpfmuskulatur. „Wenn man nicht aufpasst, sich nicht genug dehnt und mit Tonleitern aufwärmt, riskiert man Ausfälle.“

Sind seine Hände eigentlich versichert? Er schüttelt den Kopf. Aber was wäre denn, wenn er irgendwann nicht mehr spielen könnte? „Das wäre schlimm, aber dann würde ich etwas anderes finden, sei es hauptsächlich zu unterrichten.“ Zu sehen, wie sich jemand entwickelt, sei toll. Man könne Studenten begleiten und Einfluss auf den Prozess nehmen. „Aber auch ich lerne von ihnen.“ Wir setzen uns auf eine Bank in der Nollendorfstraße. Als Kind einer russischen Frau und eines argentinisch-israelischen Mannes liegt die Frage nach Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus nah. Er selbst sei dem glücklicherweise noch nicht ausgesetzt gewesen, antwortet er.

Entwicklung zu intolerantem Verhalten wird akzeptiert

Wieso ploppen diese Themen seiner Meinung nach seit einiger Zeit vermehrt auf – nicht dass sie jemals weg gewesen wären? „Wir haben das Problem, dass die Entwicklung hin zu einem intoleranten Verhalten einfach akzeptiert wird. Warum das so ist, weiß ich nicht, da gibt es viele Theorien.“

Es werde mittlerweile akzeptiert, dass Menschen gewisse Sachen sagen und tun können, was früher gar nicht laut und öffentlich funktioniert hätte. Er verweist als Beispiel auf das Programm und die Politiker einer Partei wie die AfD. „Ich sehe darin eine Verrohung.“ Der politische Mord am Politiker Walter Lübcke sei für ihn in diesen Entwicklungen ein nächster Schritt hin zu etwas Ungutem. „Ich glaube aber noch immer, dass das Ganze eine natürliche Grenze erreichen und die Tendenz wieder zurückgehen wird.“ Seine Hoffnung, sein Wunsch.

Ein sehr bescheidener Geiger

Wieso bringt er sich als Musiker, als Person der Öffentlichkeit, via Social Media bezüglich solcher Angelegenheiten nicht ein? „Ich bin nicht der Typ dafür, laut zu sein.“ Barenboim meint, er habe nicht wirklich mehr zu sagen, als das, was eh schon in den Nachrichten gesagt werde. Dieser letzte Satz steht irgendwie exemplarisch für Barenboim, den Geiger, der sich vor allem als Musizierender versteht, nicht so sehr als Persona, die womöglich interessant genug sein könnte, um in der Öffentlichkeit von sich als Mensch zu erzählen.

Barenboim also wirkt bescheiden, auch wenn er genau weiß, was er kann. Mit diesem letzten Gedanken verabschiede ich mich vom Virtuosen, der nun nach Hause zur Familie spaziert.