Mafia

„Wir erleben in Berlin eine Kokain-Schwemme“

Sandro Matitioli von „mafianeindanke“ sagt, dass es in Berlin beim Kampf gegen die Mafia „fünf vor zwölf“ steht.

Sandro Mattioli von mafianeindanke sagt, Berlin tue zu wenig gegen die Organisierte Kriminalität.

Sandro Mattioli von mafianeindanke sagt, Berlin tue zu wenig gegen die Organisierte Kriminalität.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Es gibt wenige Leute in Berlin, die sich besser mit der Mafia auskennen als Sandro Mattioli von „mafianeindanke“. Er sagt, dass Berlin die Gefahren der Organisierten Kriminalität (OK) unterschätze und fordert im Gespräch mit der Berliner Morgenpost eine OK-Beobachtungsstelle.

Herr Mattioli, wer ist gefährlicher? Arabische Clans oder die italienische Mafia?

Die Frage ist, wie Sie gefährlich definieren. Die Polizei definiert Kriminelle als gefährlich, die sich ihnen auf der Straße entgegenstellen. Das ist völlig richtig, sie sind eine Gefahr. Zumal man sieht, wie arabische Clans an Einfluss gewinnen, viel stärker im Stadtbild präsent sind und wenig Zurückhaltung haben, offen kriminell zu sein. Ich persönlich halte aber Gruppierungen für noch gefährlicher, die viel intelligenter vorgehen. Die unauffällig bleiben und es schaffen, Strukturen aufzubauen, die einen legalen Anschein haben und beispielsweise Gelder von der russischen oder italienischen Organisierten Kriminalität hierherbringen. Sie destabilisieren unsere Gesellschaft, unser Wirtschaftssystem, und unsere Demokratie langfristig so sehr viel mehr als arabische Clans, die einen auf dicke Hose machen. Wobei festzuhalten ist, dass auch Clans sich in Richtung der intelligenteren Organisierten Kriminalität entwickeln, wenn wir nicht Mittel und Programme dagegen entwickeln.

Sie sind Vorstandsmitglied von mafianeindanke. Was macht ihr Verein?

Wir sind ursprünglich aus einer Gruppe von Gastronomen hervorgegangen, die sich gegen Schutzgeld-Erpressungen gewehrt haben. Das war nach dem Sechsfach-Mord von Duisburg im Jahr 2007. Bei uns sind immer noch auch Gastwirte Mitglied, doch wir sind inzwischen eine ganz normale zivilgesellschaftliche Organisation mit Leuten aus unterschiedlichen Hintergründen. Und unsere Aktivitäten sind viel breiter. Im Grunde wollen wir aufklären, dass es die Mafia und andere Formen Organisierter Kriminalität in Deutschland gibt - auch wenn sie nicht sichtbar sind. Sehr viele Gruppen agieren nämlich sehr unauffällig. Wir wollen dafür werben, dass Organisierte Kriminalität besser bekämpft wird. Wir wollen aber nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auf Lösungen hinarbeiten, indem wir analysieren, wo Schwachstellen liegen, die durch Gesetze geschlossen werden müssen.

Wie groß ist das Problem der Organisierten Kriminalität in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Speziellen?

Das ist schwer zu beziffern. Es gab vor einigen Jahren eine Studie zum Dunkelfeld der Geldwäsche, wo heraus kam, dass in Deutschland pro Jahr ungefähr 100 Milliarden Euro gewaschen werden. Das ist aber nicht nur Geld aus der Organisierten Kriminalität. Ein Indikator, der meiner Meinung nach mehr aussagt ist, wie viel Kokain in Deutschland beschlagnahmt wird. Da steigen die Zahlen seit Jahren. Das mag ein Stück weit damit zu tun haben, dass die Sensibilität bei dem Thema höher ist. Vor allem aber erleben wir gerade eine Kokain-Schwemme und auch andere schwere Drogen wie Heroin werden wieder verstärkt konsumiert. Wenn wir hochrechnen, wieviel Geld mit dem Kokain-Handel verdient wird, der ja ausschließlich in der Hand von Kriminellen ist, da es ja keinen legalen Kokain-Handel gibt, dann kommen wir zu schwindelerregenden Zahlen.

Wie sehen diese Zahlen aus?

Es gibt in Italien Schätzungen, wie viel Geld die wichtigste Mafia-Organisation, die ’Ndrangheta, damit verdient. Diese Zahlen liegen zwischen 40 und 140 Milliarden Euro. Im Jahr 2017 wurden allein in Deutschland sieben Tonnen Kokain beschlagnahmt, natürlich ein verschwindend geringer Teil der importierten Ware. Auf dem Markt bringt nur diese Menge am Ende einen Umsatz von rund zwei Milliarden Euro. Daran sehen wir, dass da erhebliche Geldmengen unterwegs sind. Das Problem ist aus meiner Sicht sehr viel größer als wir alle denken, weil wir gar nicht die Instrumente haben, um zu sehen, wohin die Gelder fließen. Wir wissen, dass das Finanzsystem relativ einfach erlaubt, Gelder von X nach Y zu bewegen und zu verschleiern, dass es Gelder von Kriminellen sind. Wir arbeiten dafür, dass da mehr Transparenz reinkommt.

Die Gefahr ist also, dass illegal erworbenes Geld in den legalen Geldkreislauf wechselt. Was fordern Sie?

Wir brauchen viel mehr Transparenz im Finanzmarkt. Es gibt beispielsweise geschlossene Fonds, die investieren in Banken. Diese Fonds sitzen nicht in Deutschland. Ich habe bei der Bankenaufsicht Bafin mal nachgefragt, wann denn kontrolliert wird, wessen Gelder da fließen. Das ist laut Bafin der Fall, wenn ein relevanter Anteil einer Bank verkauft würde. Das seien etwa zehn Prozent. Wenn sie also über eine solche Fondskonstruktion neun Prozent etwa der Commerzbank kaufen würden, wird nicht überprüft, welche Gelder in dem Fonds stecken. Das bedeutet, dass beispielsweise die italienische ’Ndrangheta einfach fünf Prozent von irgendeiner Bank kaufen könnte und damit eine extreme Machtposition hätte. Das ist hochgefährlich, das darf nicht sein. Wir kämpfen aber auch für kleinere Änderungen. Beispielsweise wollen wir, dass Notare, die beim Immobilienhandel eine wesentliche Rolle spielen, ihre Prüfmöglichkeiten stärker wahrnehmen müssen und bei Geldwäscheverdachtsfällen auch Meldung erstatten. Die Probleme bei der Geldwäsche liegen oft in kleinen Details, abgesehen davon, dass die zentrale Prüfstelle, die FIU, null funktioniert. Warum wird die Automatenspielbranche zum Beispiel nicht stärker an die Kandare genommen? Unverständlich ist auch, dass man in Deutschland noch Werbung für illegale Online-Wettspiele machen kann. Die haben ihren Sitz oft in Malta, was wiederum ein Zentrum der italienischen Mafia ist, die nachweislich Gelder über diese Konstrukte wäscht. Hilfreich wäre auch ein Gesetz, wonach Gastwirte verpflichtet wären anzugeben, wer Inhaber und Besitzer eines Restaurants sind, um die sauberen Gastwirte von den schmutzigen scheiden zu können. Und natürlich müssen wir die Beschlagnahme weiter intensivieren.

Ist Berlin ein Zentrum der Organisierten Kriminalität (OK)? Ist es „fünf vor zwölf“?

Was die Clans betrifft, ist es fünf vor zwölf. Weil hier eine Kultur eingerissen ist, die mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun hat. Was die Italiener betrifft: Die sind in Berlin präsent. Hier ist es fünf vor zwölf, weil sich im Grunde niemand darum kümmert. Das ist auch bei der Polizei kein großes Thema. In diesem Bereich passiert in Berlin nur etwas, wenn Ermittlungsergebnisse von außen kommen. Andere OK-Gruppen stehen überhaupt nicht im Fokus. Dabei sind sicher eine Vielzahl von ihnen in Berlin aktiv. Wenn wir aber weiter die Strategie fahren, dass wir alle zwei Jahre unseren Fokus mal auf eine bestimmte Gruppe lenken, werden wird das Problem insgesamt nicht in den Griff bekommen.

Sie fordern eine globalere Anti-OK-Strategie?

Vor allem eine permanente OK-Strategie. Man muss das Thema Organisierte Kriminalität immer mitdenken. Und zwar auf ganz vielen Ebenen. Das betrifft natürlich die Wirtschaft, die dieses Problem bisher kaum im Blick hat, aber die erste ist, die darunter leiden wird, wenn die OK-Strukturen zu stark werden. Weil legal arbeitende Betriebe dann nicht mehr gegen Unternehmen ankommen, die auf Gelder aus krimineller Herkunft zurückgreifen können.

Und was die Sicherheitskräfte anbelangt?

Es geht auch darum, das Engagement gegen die Organisierte Kriminalität bei der Polizei stärker zu unterstützen. Bei der deutschen Polizei gibt es eine Kultur, die ich mir nicht erklären kann. Wer zu engagiert gegen OK-Strukturen vorgeht, wird häufig ausgebremst. Das ist aber kein Berliner Phänomen. Das ist ein gesamtdeutsches Problem. Wir sagen in Deutschland gerne, dass unser Staat schon funktioniert. Wenn man aber genau hinguckt, zeigt sich immer wieder, dass das nicht immer so ist. Man kann beispielsweise an die vier hessischen Finanzermittler denken, die gegen die Deutsche Bank vorgegangen sind und von einem Arzt dienstunfähig geschrieben wurden, ohne dass er sie gesehen hatte. Es gab auch in Berlin einen sehr engagierten Polizisten, dem man dann Geheimnisverrat vorgeworfen hat und ihn so aus dem Dienst gekegelt hat. Das sagt mir, dass da ein paar Fragezeichen sind, die unsere Sicherheitskräfte betreffen. Die Polizei muss zudem offen bleiben für Zugewanderte, zugleich aber dürfen Beamte keine Kontakte in die Clan-Milieus unterhalten. Ich kenne aber viele Polizisten und Polizistinnen, die sehr gut und engagiert arbeiten.

Die Hinrichtung von Nidal R. in Neukölln war ein in seiner Brutalität außergewöhnliches Verbrechen. Haben wir bereits Verhältnisse wie in Mafia-Hochburgen?

Ja und Nein. Letztendlich war die Tat dann doch relativ dilettantisch begangen worden. Hätte ein ’Ndrangheta-Clan so einen Mord begangen, dann hätten die einen Stoßtrupp und einen Reserve-Stoßtrupp gehabt, für den Fall, dass bei dem ersten Trupp etwas schief gegangen wäre. Und sie hätte einen Trupp gehabt, der die Flucht garantiert hätte. In diesem Fall sind ein paar Leute auf Nidal R. zugegangen und haben ihn niedergeknallt. Was aber durchaus vergleichbar ist, ist der symbolische Wert dieses Mordes. Zu sagen: Wir können hier am helllichten Tag, mitten in der Stadt, wo sich drumherum die Leute entspannen, jemanden umbringen und ihr könnt uns gar nichts. Das ist etwas, das man von der sizilianischen Mafia kennt. Was für die aber keine erfolgreiche Strategie war, sondern sie eher geschwächt hat.

Warum hat sie das geschwächt? Zuviel Aufmerksamkeit?

Zu viel Aufmerksamkeit und der Verlust von Rückhalt in der Bevölkerung. Wenn Nidal R. beerdigt wird und da kommen 2000 bis 3000 Leute, dann zeigt das für mich auch, dass der Mann, so kriminell er auch war, Rückhalt in Teilen der Bevölkerung hatte. Wir haben hier also auch ein kulturelles Problem. Das ist aus meiner Sicht sehr problematisch.

Von Rap bis Kino - die Organisierte Kriminalität wird doch gerade im Kulturbetrieb - oft auch aus Unwissenheit - glorifiziert. Dort die aufrechten Gangster, dort der böse Staat.

Wir müssen organisierte Kriminalität stärker ächten. Die italienische Mafia etwa wird immer noch von vielen Leuten als ein tolles, faszinierendes Phänomen wahrgenommen. Wir haben in Berlin beispielsweise eine Sprachschule, die Sprachmafia heißt. Uns haben schon einige Italiener gefragt, wie es sein könne, dass eine Schule sich nach der Mafia benennt. Viele Italiener assoziieren die Mafia mit Tausenden unschuldigen Toten. Wir können absolut nicht verstehen, dass die Mafia positiv besetzt werden kann. Dieses kulturelle Problem haben wir genauso bei den Clans, da müssen wir ansetzten. Ich glaube auch nicht, dass in den Frühphasen der Clans die Leute gerne kriminell wurden, niemand tut das. Es geschah aus der wenig glamourösen Not. Die Serie 4Blocks hat deutlich gemacht, dass es Clans gibt und dem ganzen Thema einen Schub gegeben. Bei vielen Leuten ist es jetzt aber auch cool, Gangster zu sein.

Sie sprachen die Drogen an. Wir erleben eine Kokain-Schwemme. Gerade dieser Konsum ist verantwortlich für Tausende Tote weltweit. Trotzdem wird der Konsum von Kokain in Rap-Videos und Filmen als Statussymbol gefeiert und glorifiziert.

Ich verstehe das auch nicht. Viele Menschen leben mittlerweile sehr gesund und kaufen beim Bio-Markt, ziehen sich dann aber den letzten Dreck durch die Nase. Gerade Kokain spricht eine gesellschaftliche Schicht an, die bessergestellt ist. 80 Euro pro Gramm, das kann sich nicht jeder leisten. Man könnte sich auch mal fragen, ob es überhaupt sein muss, morgens um 6 noch unbedingt eine Line Speed oder Kokain zu ziehen oder ob man nicht einfach nach Hause geht und zufrieden ist. Ich bin kein Law-and-Order-Typ. Man kann als Mensch aber sehr viel mehr Verantwortung übernehmen als man gemeinhin denkt. Das fängt im Kleinen an. Irgendwie ist es ein bisschen aus der Mode geraten, die kleinen Verantwortungsschritte in den Fokus zu nehmen. Doch wenn Menschen Party machen und eine Line ziehen, wissen sie gar nicht, wen sie da eigentlich unterstützen. Ein Attentäter wie Anis Amri war auch möglich, weil er sich über Drogen finanzieren konnte. Er hatte Kontakte zu einer bekannten Großfamilie. Von daher muss man sich fragen, ob man an der Darstellung der Organisierten Kriminalität nicht etwas ändern müsste. Im Übrigen arbeitet mafianeindanke auch darauf hin, dass die Wissenschaft sich verstärkt mit solchen Strukturen beschäftigt, denn nur wenn man Strukturen erkennt und kennt, kann man verstehen, was passiert.

Gerade in Neukölln gibt es viele behördenübergreifende Einsätze, in denen Bezirk, Polizei und Land Hand-in-Hand gegen Kriminelle vorgehen, gleichzeitig gibt es - zuletzt von den Linken im Bezirk - den Vorwurf der Stigmatisierung der arabischstämmigen Community. Wie sehen Sie das?

Die Polizei ist sehr darauf bedacht, nicht von kriminellen Großfamilien zu sprechen, sondern von Tätern aus arabischstämmigen Strukturen. Auf einzelne Personen abzuzielen wirkt einer Diskriminierung entgegen, und das finde ich sehr wichtig. Ich kann diesen Diskriminierungsvorwurf aber nachvollziehen. Denn auch mit mir als Italiener sind Späße mit Mafia gemacht worden. Vor allem aber steht das Thema Clans gerade so im Fokus, dass jeder mit dem Nachnamen Omeirat oder Remmo mit pauschalen Verdächtigungen rechnen muss. Wir dürfen das Phänomen nicht verschweigen, sonst droht den Unbescholtenen nur noch mehr Diskriminierung. Zugleich wünschte ich mir aber auch eindeutige Signale und Aktionen dieser nichtkriminellen Teile der Familie. Die Nadelstiche an sich halte ich für sinnvoll, weil sie Kriminellen eine Antwort geben. Schwierig finde ich, dass man sich nur auf einen Hintergrund konzentriert und nicht gegen die Organisierte Kriminalität als solche mehr unternimmt. Vielleicht weil man dann viel mehr Personal bräuchte, das man nicht hat… Schwierig finde ich auch, dass nur repressiv gearbeitet wird und nicht mit einer allumfassenden Strategie. Organisierte Kriminalität kommt nämlich auf mehreren Ebenen zustande. Deshalb brauchen wir eine zivilgesellschaftliche Beobachtungsstelle, die eben das Problem von einer eigenen Warte in den Blick nimmt und versucht, diese Fixierung auf repressive Lösungen ein Stück weit aufzulösen.

Wie muss man als Staat vorgehen?

Es ist völlig richtig, repressiv vorzugehen und den Leuten zu sagen, dass sie nicht tun und lassen können, was sie wollen. Alleine das wird aber nicht ausreichen, um dem Problem Herr zu werden. Ziel wäre, eine Beobachtungsstelle zu schaffen, die hier in Berlin angesiedelt ist und die auf unterschiedliche Formen von organisierter Kriminalität schaut. Auch auf die Deutsche Organisierte Kriminalität mit deutschen Staatsbürgern, die sehr oft unterschätzt wird. Unser Verein hat dafür erste Pläne ausgearbeitet und erste Gespräche geführt. Langfristig sollte diese Stelle dann ganz Deutschland in den Blick nehmen. Es gibt nämlich in unterschiedlichen Bundesländern unterschiedliche Probleme, und die Gruppen sind sehr mobil. In Berlin trifft sich ein bisschen alles. Das Interessante ist: Je mehr man hinschaut, desto mehr sieht man auch. Sicherheitskräfte schauen auf ihre Statistiken. Wir als Zivilgesellschaft können aber ganz andere Netzwerke aufbauen, andere Informationen bekommen und somit andere Dinge sehen.

In Berlin gibt es immer mehr Berichte über eine Zunahme der eurasischen OK. Wäre das so ein Punkt, wo ihre Beobachtungsstelle Alarm schlagen würde?

Genau. Das Problem ist ganz konkret, dass die Sichtbarkeit von Organisierter Kriminalität wesentlich davon bestimmt ist, was in der polizeilichen Kriminalstatistik landet. Bei uns melden sich immer wieder Leute, die sagen, ich bin Gastwirt und mir ist dieses oder jenes passiert. Oder: Bei uns im Nachbarhaus werden Drogen gedealt. Das sind häufig Kleinigkeiten, die in der Kriminalstatistik nie auftauchen, die aber in der Verdichtung tatsächlich einen Wert haben. Und auch aus anderswo zugänglichen Verfahrensakten lassen sich viele Erkenntnisse gewinnen. Bei uns melden sich recht viele Menschen. Es melden sich zum Beispiel ehemalige Polizisten, die etwas loswerden wollen, es melden sich Betroffene. Es rufen Leute an, die etwas beobachtet haben und einen entsprechenden kulturellen Background haben, so dass sie lesen können, was da vor ihrer Tür passiert. Häufig hält die Polizei bei ihnen vor Ort das nicht für relevant, die Leute werden nicht für voll genommen und so landen sie bei uns. Eine Beobachtungsstelle würde aber nicht nur beobachten, sondern auch aufarbeiten und an Lösungsvorschlägen arbeiten.

So etwas Ähnliches gibt es ja bereits in den Bereichen des Rechtsextremismus und des Antisemitismus. Kann man das vergleichen?

Ja. Und die halten auch Kontakt zur Politik und sagen, wo es Probleme gibt und in welchen Bereichen Gesetze verbessert werden müssten. Das ist in gewisser Weise ein Korrektiv. Dass in Berlin über Aussteigerprogramme diskutiert wird, hat auch mit der Arbeit von mafianeindanke zu tun. Wir haben da schon sehr lange lobbyiert. Genauso wie engagierte Politiker wie der Abgeordnete Tom Schreiber (SPD) oder der Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU).

Was halten Sie von Falko Lieckes Vorschlag, Kinder aus kriminellen Familien herauszuholen?

Das ist ein schwieriger Vorschlag. Ein vorläufiges Ergebnis einer Studie, die wir gerade anfertigen, ist, dass es anders als bei der italienischen Mafia, keine systematische Vermittlung einer kriminellen Kultur gibt. Kinder, die kriminell werden, werden nicht dazu angeleitet, sondern das passiert aus anderen Gründen. Deshalb ist die Frage, ob man da zu diesem Mittel greifen kann. Wenn aber Zehnjährige in der Schule extrem kriminell sind, dann ist es zumindest so, dass das familiäre Umfeld nicht dazu beiträgt, dass sich die Situation für die Kinder bessert. Aus meiner Sicht wäre der Königsweg, zusammen mit den Familien Lösungen zu finden. Das ist sicher nicht einfach. Wenn man aber als böser Staat auftritt, der Kinder wegnehmen will, dann ist das für keinen der Beteiligten gut. In Italien, wo es so ein Programm gibt, zeigt man auf der einen Seite, da ist der harte böse Staat, der dir die Gelder wegnimmt und dich in den Knast steckt, der aber auf der anderen Seite auch zeigt, dass er will, dass es dir und deinen Kindern gut geht. Wenn man es schafft, das glaubhaft zu vermitteln, könnte das auch funktionieren. Das ist nicht einfach und erfordert Aufwand und Leute, die das glaubhaft und engagiert machen. Wenn es ein anonymer Staat ist, der Kinder wegnimmt, wird das nicht funktionieren. Wenn es dagegen Personen gibt, die Kontakt haben und das vermitteln können und an dem Thema auch dranbleiben und auch die Familie sieht, dass es nicht gegen sie geht, sondern, dass das Ziel ist, dass es dem Kind besser geht, dann kann so ein Programm funktionieren. Denn jede Familie will eigentlich, dass es den Kindern gut geht.

Das deckt sich mit berichten von Sozialarbeitern aus Neukölln. Die berichten, dass, wenn wirklich ein enger Austausch, auch unter den Behörden, stattfindet, Kinder „gerettet“ werden können.

Es gibt eine mediale und eine praktische Realität. Zum einen gibt es viele Programme und es passiert sehr viel. Diese Bilder, die man oft hat, die geprägt sind von der Rütli-Schule und einer total verkommenen Gegend, sind Quatsch. Da wurden viele Bilder gezeichnet, die nicht stimmen. Viele Großfamilien erscheinen auch als Monster-Familien. Das sind aber alles Menschen. Unsere Gespräche zeigten, dass man mit denen reden und einen Zugang finden kann, man aber den Umgang kennen muss.

Ein anderes Thema ist Schutzgeld. Man findet kaum Leute, die darüber offen sprechen - auch nicht im Hintergrund.

Das war ja das Legendäre bei der Entstehung von mafianeindanke. Das war auf einmal ein riesiges Thema. Da haben sich 52 Gastwirte zusammengeschlossen und sich geweigert, Schutzgeld zu bezahlen. Das Thema ist aber selbst für uns heute schwierig, denn wir wollen den Fokus auf größere Probleme richten – obwohl wir damals etwa Nachtwachen bei betroffenen Restaurants geschoben haben. In Regionen, wo die Mafia sehr stark ist, wird heute sicher noch Schutzgeld bezahlt. Aber in anderer Form. Da kommt niemand mit der Knarre vorbei, es genügt ein Anruf gewisser Personen. Hier in Berlin sind viele Gruppen im Schutzgeldbusiness aktiv, manche Lokale in Neukölln zahlen sogar doppelt Schutzgeld. Das ist ein Problem. Und es sind unterschiedliche Gruppen. Russische Gangster etwa treten als Sicherheitsdienstleister auf. Die muss man bezahlen. Sie kommen dann aber auch, wenn es Probleme gibt.

Letzte Frage: Warum wird die Clan-Kriminalität in Berlin so gehypt? Gibt es in Berlin keine italienische Mafia? Die Polizei hat zumindest keine Erkenntnisse, die sie mit der Öffentlichkeit teilt.

In Akten finden wir immer wieder Berlin-Bezüge. Doch die italienische Mafia verhält sich unauffällig. Die Mafiosi haben aus dem Sechsfachmord von Duisburg gelernt. Dieses demonstrative Gehabe mit dicken Autos haben die nicht nötig. Die Fokussierung in Berlin wie anderswo hat aber auch damit zu tun, dass man die Polizei sehr lange heruntergespart hat und man nur auf die zutage tretenden Phänomene geht. Teure Strukturermittlungen werden eher nicht gemacht, weil man einen hohen Ergebnisdruck hat. Wenn man bei Ermittlungen herausfindet, wer zu einer kriminellen Gruppe gehört, aber keinen Drogenhandel findet, dann ist diese Ermittlung für die Statistik leider nichts wert. Bei Italienern gibt es zudem eine kulturelle Vorliebe: Zum Italiener geht man gerne essen, die sind – vermeintlich - immer fröhlich und freundlich. Wenn man Libyen hört, hat man das nicht. Wenn man Syrien hört, hat man das nicht. Wenn man Türkei hört, hat man das auch nicht. Die Deutschen essen gern Pizza und Pasta und trinken gern Chianti. Das alles verbindet man jetzt nicht mit einer Großfamilie, die auch noch Muslime sind, was vielen sowieso noch einmal fremder ist. All das führt dazu, dass man die italienische Mafia nicht so auf dem Schirm hat, Aus meiner ganz persönlichen Sicht ist auch die Rolle von Kokain nicht zu unterschätzen. Ob es Politiker oder Menschen in gesellschaftlich herausgehobener Position sind: Wenn sie Kokain konsumieren wollen, dann werden sie das nicht im Görlitzer Park kaufen, sondern bei einem gehobenen Dealer. Und das schafft natürlich eine gewisse Einflussmöglichkeit für die Organisierte Kriminalität.