Verkehr

In Berlin gibt es mehr Autos als je zuvor

Keine Verkehrswende: Im April waren in der Hauptstadt 1,2 Millionen Pkw zugelassen – 8000 mehr als 2018.

Zum 1. April 2019 waren in der Hauptstadt laut Kraftfahrtbundesamt 1.214.335 Pkw zugelassen.

Zum 1. April 2019 waren in der Hauptstadt laut Kraftfahrtbundesamt 1.214.335 Pkw zugelassen.

Foto: Foto: Armin Weigel / dpa

Berlin. Im Berliner Senat ist zwar derzeit oft die Rede von einer Verkehrswende weg vom privaten Auto. Bei vielen Bewohnern in der Hauptstadt scheint das bisher nicht angekommen zu sein: Die Zahl der Pkw-Neuzulassungen in Berlin steigt weiter an. Im ersten Halbjahr 2019 wurden rund 44.500 Autos neu angemeldet, zeigen Zahlen des Landesamts für Statistik. Ein Anstieg von 8,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Noch deutlicher fiel das Wachstum bei Lastkraftwagen aus. Hier wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres mit 8369 Stück gut ein Viertel mehr Fahrzeuge zugelassen als im selben Zeitraum 2018. Während Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) erklärt, die Menschen sollen ihr Auto abschaffen, sind in Berlin so viele Fahrzeuge unterwegs wie niemals zuvor. Zum 1. April 2019 waren in der Hauptstadt laut Kraftfahrtbundesamt 1.214.335 Pkw zugelassen. Ein neuer Allzeitrekord und nochmals 8000 Wagen mehr als im Juli 2018.

Der Zulassungsanstieg zeige deutlich, „dass die Berlinerinnen und Berliner nach wie vor auf das Auto für ihre individuelle Mobilität setzen“, sagte ADAC-Sprecherin Sandra Hass. Die Landesregierung solle dies bei ihren Mobilitätsplänen nicht außer Acht lassen. Doch auch die Sprecherin des Automobilclubs stellt fest: „Der Ausbau des ÖPNV muss oberste Priorität haben, erst dann können wir die Straßen langfristig für jene entlasten, die auf ihr Auto angewiesen sind.“

Mehr Carsharing führt nicht zum Rückgang der Autos

Zur wachsenden Zahl vor allem privat genutzter Autos gesellen sich zusätzlich immer mehr Carsharing-Wagen, die nicht in Berlin angemeldet sind. Für Sharenow, das Gemeinschaftsunternehmen der Autobauer BMW und Daimler, ist in Berlin eine Flotte von rund 2600 Autos unterwegs. Volkswagen hat seinen Dienst WeShare erst Ende Juni in der Hauptstadt gestartet und lässt seitdem 1500 Elektro-Golfs zusätzlich über Berlins Straßen fahren. Doch bisher führt die wachsende Zahl von Carsharing-Wagen in Berlin offenbar nicht zu einem Rückgang des privaten Autobesitzes.

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Carsharing Bundesverbands aus dem Herbst 2018. Zwar verfügten demnach Nutzer der vergleichsweise kleinen, stationsbasierten Leihwagenangebote meist nicht über einen eigenen Wagen. Wer hingegen auf eines der Free-floating-Angebote wie ShareNow von BMW und Daimler oder Volkswagens WeShare zugreife, verfüge in der Mehrheit (68 Prozent) immer noch über einen privaten Pkw.

Den eigenen Wagen deshalb abschaffen, so die Studie, das mache fast niemand. Free-floating-Carsharing werde „oft als Ergänzung zum privaten Auto genutzt“, teilte Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des Bundesverband CarSharing bei Veröffentlichung der Studie mit. Gestützt werden die Aussagen von einer Studie des Öko-Insituts in Freiburg. Die Pkw-Zahl habe sich in mehreren untersuchten Großstädten durch Free-floating-Carsharing nicht reduziert. Im Gegenteil: Die Summe der eingesetzten Carsharingautos übertraf im Untersuchungszeitraum die Zahl der abgeschafften Privatwagen, schreiben die Autoren.

„Verkehrswende in Berlin ist noch nicht vorangekommen“

Dabei werde es jedoch nicht bleiben, schätzt der Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. „Carsharing wird den Verkehr auf lange Sicht entlasten.“ Dass noch immer so viele Berliner einen Privatwagen vorziehen, liege an der Verkehrspolitik des Senats. „Die Verkehrswende in Berlin ist noch nicht vorangekommen“, urteilt Knie. Berlin sei ein perfekter Ort für Autos. „Wir haben praktisch keine Parkraumbewirtschaftung und Fläche ohne Ende. Es gibt keine Großstadt in der Welt, in der Sie so bequem ihr Auto abstellen können.“ Wenig dränge Autofahrer da, ihr Gefährt abzuschaffen, konstatiert der Verkehrsforscher trotz des „besten ÖPNV der Welt“.

Mobilitätsforscher fordert höhere Parkgebühren

Doch dabei müsse es nicht bleiben. Theoretisch würden viel weniger Pkw in der Stadt gebraucht, hat Knie errechnet. „Die Verkehrsbedürfnisse in Berlin könnten mit 350.000 Autos locker abgedeckt werden.“ Dafür müsste das Parken deutlich teurer werden. Der Verkehrsforscher nennt Wien als Beispiel: Dort liegen die Jahresparkgebühren bei 120 Euro. Davon ausgenommen werden müssten Carsharing-Angebote, fordert Knie – unter der Bedingung, die Dienste auch in den Außenbezirken anzubieten. „In Kreuzberg bekomme ich alles, was ich brauche, ohne ein eigenes Auto nutzen zu müssen“, sagt Knie. In Lichterfelde gelte das nicht. Wo es kein Carsharing-Angebot gebe, hätten die Menschen eigene Autos.

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