Christopher Street Day

40 Jahre Berliner CSD: Flagge zeigen, Farbe bekennen

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Mit der CSD-Parade zum Brandenburger Tor endet traditionell die „Pride Week“ in Berlin

Mit der CSD-Parade zum Brandenburger Tor endet traditionell die „Pride Week“ in Berlin

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Klein fing er an: 1979 liefen gerade mal 450 beim ersten CSD in Berlin mit. Zum 40-Jährigen, werden bis zu einer Million erwartet.

Berlin. Zum 41. Berliner Christopher Street Day (CSD) am heutigen Sonnabend werden zwischen 500.000 und einer Million Besucher erwartet. Bei der ersten Parade vor 40 Jahren, am 30. Juni 1979, waren es gerade mal 450 gewesen. Und die Veranstalter waren damals nach eigenem Bekunden sehr nervös.

Nicht, was die Reaktionen der Passanten anging. Obwohl damals Parolen wie „Die hat man zu vergasen vergessen“ durchaus noch an der Tagesordnung waren. Auch nicht, weil man sich vor Drangsalierungen der Polizei fürchtete. Nein, es war schlicht nicht abzusehen, ob überhaupt jemand kommen und mitmarschieren würde.

Beim ersten CSD in Berlin kamen 450 Menschen zum Savignyplatz

Andreas Pareik, einer der beiden Organisatoren des ersten Berliner CSD, war kurz zuvor in New York gewesen. Dort war man gerade dabei, zehn Jahre Stonewall zu planen. Am 28. Juni 1969 hatten sich Homosexuelle in der Schwulenbar Stonewall Inn im Greenwich Village erstmals gegen willkürliche Polizeirazzien zur Wehr gesetzt, was zu tagelangen Straßenschlachten führte. Das hatte man schon im Jahr darauf mit dem „Christopher Street Liberation Day“ gefeiert, der fortan jährlich zelebriert wurde.

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Das Zehnjährige sollte besonders groß ausfallen. Und das, beschlossen Pareik und Bernd Gaiser, müsse man auch in Berlin machen. Aber da sie Angst vor endlosen Diskussionen in der schwulen Szene hatten, haben die beiden einfach ein Flugblatt mit dem Motto „Mach dein Schwulsein öffentlich“ verbreitet.

Ohne zu ahnen, wie viele am Ende wirklich zum Savignyplatz kommen sollten, von wo aus man damals zum Halensee marschierte. 450 Mitstreiter waren da schon ein echter Erfolg. Dass die Parade im kommenden Jahr wieder stattfinden und gar zu einem jährlichen Ritual mit tausendmal mehr Besuchern werden sollte, davon hätte damals keiner zu träumen gewagt.

Erste Schwulendemos gab es schon vorher

Vor einem Monat erst wurde 50 Jahre Stonewall gefeiert, und das ist auch das Motto zum 40-Jährigen des Berliner CSD: „Stonewall 50 – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“. Dabei war der New Yorker Aufstand durchaus nicht die Stunde Null der deutschen Schwulenbewegung. Das war vielmehr Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von 1971 – und der Skandal seiner Fernsehausstrahlung.

Noch im selben Jahr gründete sich die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) und organisierte 1973 eine erste Demonstration über den Kurfürstendamm. Doch es brauchte erst das Vorbild aus den USA, das 1978 erstmals in der Schweiz und 1979 dann auch in Berlin, Köln und Bremen gefeiert wurde, um daraus ein fixes Datum zu machen. Und ein Massenphänomen.

Starke Solidarisierung erst durch die Aids-Krise

Die Sichtbarmachung war das erste Zeichen, das der Berliner CSD 1979 setzen wollte. Und die ersatzlose Streichung des Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, war die erste politische Forderung (auch wenn die erst 1994 wirklich eingelöst wurde). Richtig mobilisiert wurde die Schwulenbewegung dann in den 80er-Jahren durch die Aids-Krise.

Sie machte den CSD erst zu dem, was er heute ist. Pläne aus Bayern, HIV-Positive in Quarantäne-Lager zu stecken, führten zu einer großen Solidarisierung in der breiten Bevölkerung. Erstmals setzten sich auch prominente Politiker wie Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) für Schwule und Lesben ein.

Kritik: Zu laut, zu kommerziell

Richtig groß wurde der CSD dann nach dem Mauerfall, als auch Schwule aus dem Osten mitmarschierten und Zigtausende auf die Straße gingen. Hatte man in den frühen Jahren noch Passanten schrecken wollen, so feierten diese plötzlich mit. Wobei der CSD sich immer mehr zu einer hedonistischen Party, einer Art schwulem Karneval wandelte und politische Botschaften zur Nebensache zu werden drohten.

Vollends in die Kritik geriet die Parade Mitte der 90er-Jahre, als immer mehr Wagen mitrollten, nicht nur von Institutionen und Parteien, sondern auch von Firmen, die ihre Produkte wie Bonbons unters Volk warfen.

Die Diversität in ihrer ganzen Bandbreite abbilden

Das bezeugte zwar eine breitere Akzeptanz in der Gesellschaft, gerade auch seitens der Wirtschaft, markierte aber auch eine zunehmende Kommerzialisierung. Weshalb sich einige Aktivisten frustriert vom CSD abwandten. Und andere einen alternativen CSD in Kreuzberg gründeten, bei dem politische Parteien unerwünscht waren.

Die zunehmende Kommerzialisierung und überhaupt Verbürgerlichung ist nicht der einzige Kritikpunkt, der dem CSD im Laufe seiner Jahre vorgeworfen wurde. Anfangs war es vor allem ein Problem, Lesben angemessen mit einzubeziehen, sprach man doch weithin nur von einer Schwulenbewegung.

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Man versuchte, die Szene in ihrer ganzen Diversität einzubinden. Erst sprach man von Gays, also Lesben und Schwule gleichermaßen, dann wurden auch Bi- und Transsexuelle miteinbezogen (LGBT), inzwischen zählt man auch Intersexuelle und überhaupt „queere“ Menschen dazu, was allerdings zum politisch korrekten Kürzelmonstrum LGBTIQ führt.

Es bleibt wichtig, mitzumarschieren

50 Jahre nach Stonewall werden CSDs weltweit gefeiert, auch in kleineren Städten. Es gibt sogar einen regelrechten Tourismus von einer Parade zur nächsten. Aber auch wenn man heute den CSD vor allem mit Spaß, Sekt und schwuler Loveparade verbindet, ist es immer noch wichtig, Farbe zu bekennen und queeres Selbstbewusstsein zu demonstrieren.

Denn noch immer wird Homosexualität in vielen Ländern verfolgt und verfemt. Und auch bei uns nehmen Homophobie und Gewalt gegen Andersartige zu. Deshalb marschiert auch Rosa von Praunheim trotz seiner mittlerweile 76 Jahre Jahr für Jahr weiter mit. „Für die Rechte von Minderheiten“, sagt er, „muss man immer wieder kämpfen.“

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