Christopher Street Day

„Eine freie, liberale Gesellschaft ist das A und O“

Am Sonnabend zogen wieder Hunderttausende beim CSD durch Berlin, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Auch Klaus Wowereit war dabei.

Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in der Redaktion der Berliner Morgenpost.

Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in der Redaktion der Berliner Morgenpost.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Klaus Wowereit ist seit vielen Jahren beim CSD in Berlin dabei. Auch im Jahr 2019 wird er wieder bei der Abschlusskundgebung sprechen, obwohl er doch seit Ende 2014 gar nicht mehr Regierender Bürgermeister ist. Ein Gespräch über das Jahr 2001 und den Satz, mit dem Wowereit zur Ikone der Schwulenbewegung wurde, über den CSD 2019 und Homophobie.

Berliner Morgenpost: Herr Wowereit, der CSD erinnert in diesem Jahr an „50 Jahre Stonewall“. Was bedeutet dieser Tag, also der Protest der Homosexuellen in New York, für Sie persönlich?

Klaus Wowereit: Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass sich vor 50 Jahren eine Bewegung entwickelt hat, die für die Rechte von Homosexuellen eintritt. Früher haben ja auch Magnus Hirschfeld und andere für die Emanzipation gekämpft, die teilweise Dinge durchgesetzt haben, teilweise gescheitert sind. Mit Stonewall und den Ereignissen in der Christopher Street in New York ist die Wehrlosigkeit weg gewesen. Es wurde gezeigt, man muss sich nicht alles gefallen lassen, man darf sich auch nicht alles gefallen lassen. Daraus ist eine Bewegung entstanden, die vieles erreicht hat, vieles aber auch noch nicht.

Haben Sie persönliche Erinnerungen daran?

Nein. Ich war damals 15 Jahre alt. Ich kann mich auch nicht erinnern, ob in den deutschen Medien darüber berichtet wurde.

Der CSD in Berlin findet nun schon zum 41. Mail statt. Wann waren Sie das erste Mal dabei?

Ich bin nicht mitmarschiert, habe mir den CSD aber schon angeschaut. Wann zum ersten Mal, weiß ich gar nicht mehr. Es ist eine beeindruckende Geschichte: 1979 hat der CSD am Savignyplatz mit einer Handvoll Leute begonnen. Die Organisatoren wussten damals gar nicht, ob überhaupt jemand kommt. Diese Bewegung hat sich eindrucksvoll multipliziert – und heute ist der CSD in Berlin, aber auch in anderen Städten, fast schon selbstverständlich.

Sie haben sich erst im Jahr 2001 öffentlich geoutet. Wären Sie denn in den Jahren davor schon gerne beim CSD mitgelaufen, war Ihnen der Tag wichtig?

Ich war ja nie ein Aktivist. Es gab viele andere, die für die Homosexuellen-Bewegung sehr viel gemacht haben. Das fand ich sehr gut, aber ich war in diesen Jahren ein Zuschauer.

Im Jahr 2001 hat sich das alles geändert. Nach dem Bruch der großen Koalition haben Sie sich auf dem SPD-Parteitag im Hotel Maritim an der Friedrichstraße, wo Sie zum SPD-Spitzenkandidaten nominiert wurden, geoutet und den berühmten Satz gesagt: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ Das hat Sie zur Ikone der Schwulenbewegung gemacht.

Dazu gibt es eine Vorgeschichte, die wichtig ist. Am Donnerstag vor dem SPD-Parteitag, der an einem Sonntag stattfand, gab es eine gemeinsame Sitzung des SPD-Landesvorstands und der Fraktion. Ich hatte ein Bauchgefühl, dass meine Homosexualität nach dem Bruch der großen Koalition und der Abwahl von Eberhard Diepgen als Regierenden Bürgermeister in der öffentlichen Diskussion und in den Medien nun eine Rolle spielen würde. Einige kannten mich ja und wussten davon, anderen war es auch egal. Deshalb habe ich in dieser gemeinsamen Sitzung gesagt, dass ich schwul bin. Da war die Begeisterung ganz groß. Die Schwusos, die Arbeitsgemeinschaft der Schwulen in der SPD, sind anschließend in die Szene gerannt und haben verkündet: „Unser Kandidat hat gesagt, dass er schwul ist.“ Dann ging das über den Queer-Ticker, am Sonnabend wurde darüber in der Frankfurter Rundschau berichtet – und es verdichteten sich die Hinweise, dass die Boulevard-Zeitungen dann nach dem SPD-Parteitag groß einsteigen würden.

Damals, am Sonntagmorgen, haben wir telefoniert…

(lacht) Ja, ich erinnere mich noch gut. Da war ich gerade am Hemdenbügeln. Für mich war zu dem Zeitpunkt klar, dass ich das auf dem Parteitag ebenfalls sagen würde. Die Parteistrategen haben noch davon abgeraten. Und das hat dann eine ganz schöne Welle ausgelöst.

Stand heute: Sind Sie froh, dass Sie den Mut dazu hatten? Damals, also vor 18 Jahren, war das ja tatsächlich ein Tabubruch.

Ich war immer der Meinung, dass meine Homosexualität nichts ist, wofür ich mich schämen oder gar verantworten muss. Man hätte mich auch gar nicht von einer öffentlichen Erklärung abbringen können. Da wäre ich eher trotzig geworden.

Andere Politiker haben sich das damals und auch viele Jahre danach nicht getraut.

Es gab damals ja den Konsens, dass über die Homosexualität von Politikern in den Medien nicht berichtet wurde – wie bei Guido Westerwelle. Aber die Zeiten ändern sich, und ich bin auch ganz stolz darauf, dass es damals so gelaufen ist. Der Satz als solcher war ja nicht geplant. Ich habe kürzlich mein Redemanuskript wieder gefunden, da stand kein Satz dazu drin. Man muss sich immer an die Zeiten damals erinnern: An einem Mittwoch war die Koalition gescheitert, am Sonntag danach fand der Parteitag statt. Da war gar keine Zeit zu überlegen, schadet oder nutzt es dir, das kam schon sehr spontan.

Die Boulevard-Zeitungen hätten am Montag aber groß berichtet, auch wenn Sie sich nicht geoutet hätten…

Stimmt. Aber der Satz „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, der fiel schon spontan. Und ich habe nicht geahnt, was dies für eine Bedeutung haben würde, auch über die Landesgrenzen hinaus. Insofern war es ein wichtiger Beitrag für die Emanzipationsbewegung – und es hat natürlich meine Popularität deutlich gesteigert. Man konnte dann auch vielen einzelnen Menschen helfen. Das war eine Erfahrung, die ich zuvor so nicht gemacht hatte.

Im Jahr 2001 sind Sie dann auch zum ersten Mal offiziell zum CSD gegangen.

Richtig. Da wurde mir damals noch abgeraten. Ich dachte noch: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Für mich war klar, ich will und ich muss zum CSD auch hin, die Menschen dort warten auch auf dich. Es war dann auch ein voller Erfolg.

Die politischen Themen beim CSD haben sich über die Jahre verändert. Die Forderungen in diesem Jahr lauten: erstes inklusives Wohnrecht für Lesben, Aktiv gegen Rechts, ein Diversity-Management in der öffentlichen Verwaltung, oder wörtlich: Zur Hölle mit dem Patriarchat, außerdem will man gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit HIV vorgehen. Wie wichtig sind diese politischen Themen?

Der CSD ist eine politische Demonstration und auch in der heutigen Zeit immer noch berechtigt. Es sind riesige Erfolge erzielt worden – von der Homo-Ehe bis zum Adoptionsrecht oder der weitgehenden rechtlichen Gleichstellung. Aber es gibt Homophobie in unserer Gesellschaft, erst recht in anderen Ländern. Deshalb muss weiter für eine offene Gesellschaft gekämpft werden. Dazu kann der CSD einen Beitrag leisten. Die Gruppen, die am CSD auftreten, sind aber erfahrungsgemäß sehr heterogen und haben auch unterschiedliche politische Auffassungen. Und auch das hat sich weiterentwickelt: Früher redete man nur von den Schwulen, dann kamen die Lesben hinzu, heute geht es auch um Transgender-Fragen. All die Themen sind für eine liberale Gesellschaft sehr wichtig – und deshalb hat der CSD auch seine Berechtigung.

In der Community gibt es auch eine Diskussion, dass es nicht mehr nur um Homosexualität, sondern um viel mehr, um das queere Leben geht. Oder dass man das „schwule Museum“ in „queeres Museum“ umbenennen müsste.

Selbst die Bezeichnung „queer“ ist schon überholt. Heute geht es um LSBTIQ. Das macht es natürlich komplizierter, aber es ist eine gesellschaftliche Debatte, die muss geführt werden werden. Ob alle Verästelungen den richtigen Weg gehen, ist eine andere Frage. Aber das ist in der Politik ja auch so.

Ist der CSD eher Party oder politische Demonstration?

Für viele Teilnehmer ist der CSD Party, für andere politische Party und für viele dann Politik. Das ist die Bandbreite einer so großen Veranstaltung mit Umzug oder auch Partys rund um die Parade. Meiner Meinung nach ist der CSD aber politischer geworden, weil auch die Veranstalter diese Themen wieder in den Vordergrund rücken.

Ist das gesellschaftliche Klima gegen über Homosexuellen wieder aggressiver geworden?

Es gibt ein klares Bekenntnis gegen rechts, zum Beispiel auch auf dem lesbisch-schwulen Stadtfest. Es gibt leider auch Kräfte wie die AfD, die viele Dinge, die wir erkämpft haben, auch wieder in Frage stellen. Es gibt Homophobie in unserer Gesellschaft, machen wir uns nichts vor. Entscheidend ist, wie eine Gesellschaft damit umgeht. Es ist nicht immer nur der Kampf der Aktivisten, die betroffen sind, sondern es ist die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, dafür Sorge zu tragen, dass keiner diskriminiert wird. Wenn das verstanden wird, dann ist das auch immer ein Kampf für andere Minderheiten. Eine freie, liberale Gesellschaft ist das A und O – erst recht in Berlin. Wenn diese Stadt für die Zukunft eine Chance hat, dann nur, wenn sie die Offenheit bewahrt oder noch weiter verbessert.

Es ist ein bisschen ein Tabu, aber verschiedene Studien zeigen, dass es unter Migranten, vor allem unter den arabischstämmigen Jugendlichen, nicht nur eine Israelfeindlichkeit, sondern auch Homophobie gibt. Was muss man, was kann man Ihrer Meinung nach dagegen machen?

Es hilft ja nichts, das zu verschweigen. Das würde auch der Realität nicht entsprechen. Wir müssen zwei Dinge unterscheiden: Da sind zum einen die Betroffenen in diesem Kulturkreis, die sich kaum trauen, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen, die ganz besondere Hilfsangebote brauchen. Und zum anderen müssen wir in diesem Kulturkreis aufklären, nichts verschweigen, die Familien aufklären oder in den Schulen das auch zum Thema machen.

Sind Sie beim CDS 2019 dabei?

Na klar. Ich gehe zur Eröffnung am Kudamm, werde ein bisschen mitlaufen – und bin dann bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor dabei.

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