„Morgenpost vor Ort“

Ein Bezirk boomt - Wie geht es weiter mit Lichtenberg?

Perspektiven und Probleme des Bezirks: Diskutieren Sie mit über Neubaugebiete, fehlende Infrastruktur, Kultur und Demokratie.

Blick auf Lichtenberg, die Spree und die markanten Schornsteine des Kraftwerks Klingenberg in Rummelsburg.

Blick auf Lichtenberg, die Spree und die markanten Schornsteine des Kraftwerks Klingenberg in Rummelsburg.

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance/dpa

Berlin. Welcher Berliner Bezirk kann mit einem eigenen Kochbuch aufwarten? Lichtenberg kann das und demonstriert damit auch in kulinarischer Hinsicht Weltoffenheit.

Den Anstoß dazu gab Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke). Bei einem Besuch des Wiener Partnerbezirks Margareten bekam er ein Kochbuch mit Rezepten von Menschen aus vielen Ländern, die in Margareten leben und arbeiten, geschenkt. „Das machen wir auch“, dachte er sich, und so gab der Bezirk im Juni gemeinsam mit dem Apercu-Verlag das Buch „So isst Lichtenberg“ heraus.

Kulinarischer Streifzug durch die Nationen

Darin sind auch der isländische Botschafter Martin Eyjolfsson und seine Gattin Eva Thengilsdottir vertreten. Sie stellen ein Fischgericht vor, „denn in Island ist Fisch immer Festessen, Alltagsessen und Traditionsgericht zugleich“, wie der Botschafter erklärte. Lichtenberg ist mit Island zudem durch ein sportliches Großereignis verbunden: Im Pferdesportpark Karlshorst findet vom 4. bis 11. August die Weltmeisterschaft der Islandpferde statt.

Andere der 40 Rezepte im Kochbuch der Lichtenberger Nationen stammen etwa aus Litauen und Pakistan, aus Vietnam und Aserbeidschan. Der Bezirksbürgermeister präsentiert eine Kartoffelsuppe. „Immer mehr Menschen ziehen zu uns: aus Nachbarbezirken, anderen Städten, Europa und der ganzen Welt. Mich freut das, weil es sich auch in unterschiedlichen Sitten, Bräuchen und natürlich in kulinarischer Vielfalt bemerkbar macht“, schreibt er im Vorwort.

Wer sich mittels einiger Impressionen mit Lichtenberg vertraut machen möchte, kann sich einen Imagefilm ansehen, der im Auftrag des Bezirksamtes gedreht wurde. „Echt. Lichtenberg“ heißt der knapp eineinhalb Minuten lange Streifen.

Zunächst sieht der Zuschauer ländliches Idyll auf einem Bauernhof, dann folgen in schnell geschnittenen Bildern der Blick auf die Fassaden sanierter Plattenbauten und Gründerzeithäuser, Straßenmusiker und Kneipengemütlichkeit im Kiez. Die Kultur ist mit Kindertheater, dem Mies-van-der-Rohe-Haus und Breakdance vertreten, der Sport mit Mädchenfußball beim SV Lichtenberg und Trabrennen in Karlshorst. Der Tierpark wird ebenso in Szene gesetzt wie Boote auf dem Rummelsburger See. Das ist nett anzusehen, aber eben ein Imagefilm, keine Dokumentation.

Kaum ein Bezirk wächst so stark

Der starke Zuzug und das Wachstum der Bevölkerung sind zentrale Charakteristika Lichtenbergs. Lichtenberg boomt. Kaum ein anderer Bezirk hat in den vergangenen Jahren ein so starkes Wachstum erlebt. Insbesondere Familien hat dieser Teil der Stadt angezogen: Hier gibt es noch bezahlbaren Wohnraum, trotz der relativen Nähe zum Stadtzentrum, hier werden auch viele neue Wohnungen sowie Schulen und Kitas gebaut.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Lichtenberg der bislang einzige Berliner Bezirk, der das Zertifikat des Vereins „Familiengerechte Kommune“ verwenden darf. Doch auch hier ist es eine große Herausforderung, die soziale und kulturelle Infrastruktur an das Wachstum anzupassen und Versäumnisse aufzuarbeiten, die dem Sparzwang der Vergangenheit geschuldet sind. Auch Lichtenberg ächzt unter Verkehrsproblemen.

Welche Aufgaben sollen die Politiker angehen?

Gleichzeitig gibt es viele Projekte und Institutionen, die das Potenzial des Bezirks stützen – nicht nur den Tierpark, obwohl der natürlich ein Besuchermagnet ist. Wie also sieht die Zukunft der mehr als 290.000 Menschen in Lichtenberg aus? Wie entwickelt sich dieser Bezirk, was liegt im Argen, welches sind die Stärken? Worüber ärgern sich die Menschen, welche Aufgaben muss die Politik angehen?

Damit wollen wir uns am 6. August bei einem großen Leserforum beschäftigen und mit Ihnen erörtern. Unsere nächste Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Morgenpost vor Ort“ trägt den Titel „Lichtenberg – Probleme und Perspektiven eines Bezirks“. Die Berliner Morgenpost bietet ihren Lesern dabei die Möglichkeit, sich aus erster Hand zu informieren und mit unseren Experten auf dem Podium darüber zu sprechen, wie die Ortsteile des vielfältigen Bezirks lebenswert bleiben können.

Diese Experten sitzen auf dem Podium

Auf dem Podium diskutieren: Michael Grunst, Bezirksbürgermeister von Lichtenberg (Linke); Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen; Annika Eckel, Projektleiterin bei der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke; Björn Friese, Sprecher der B.L.O.-Ateliers an der Kaskelstraße und Gilbert Schomaker, stellvertretender Chefredakteur der Berliner Morgenpost. Moderator des Abends ist Morgenpost-Autor Hajo Schumacher.

Das Leserforum findet im Rahmenprogramm der Weltmeisterschaft der Islandpferde statt. Dann wird Lichtenberg zum Mekka der Pferdesport-Fans. Das Forum beginnt am Dienstag, 6. August, um 19 Uhr im Pferdesportpark Karlshorst (Veranstaltungszelt) an der Treskowallee 159 und dauert circa zwei Stunden. Nach der etwa 60 Minuten langen Podiumsdiskussion können die Gäste im Publikum Fragen stellen und sich in die Debatte einschalten. Die Teilnahme ist für alle Leser kostenlos, die Gäste müssen sich aber zuvor in unserer Redaktion anmelden. Wie das geht, lesen Sie am Ende des Texts.

Wie sieht die Zukunft des Bezirks aus?

Zentrales Thema des Abends ist die Zukunft des Bezirks, insbesondere in den Bereichen Stadtentwicklung, soziale Infrastruktur, Verkehr, Verwaltung und Finanzen. Weitere Gesprächspunkte sind der Erhalt der Kulturszene und ihrer Räume und Arbeitsmöglichkeiten sowie die Zukunft am Campus für Demokratie, der auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale zwischen Frankfurter Allee und Normannenstraße entwickelt wird.

Schließlich wollen wir uns damit beschäftigen, wie in Lichtenberg die demokratische Kultur und die Bürger-Teilhabe gestärkt werden und wie es gelingen kann, Rechtsextremismus und Rassismus entgegenzuwirken.

Viele Neubauprojekte im Bezirk

Wie sehr Lichtenberg boomt, lässt sich auch an den vielen Neubauprojekten ablesen. Insbesondere in Karlshorst stehen mehrere große Bauvorhaben an, zum Beispiel die Kaisergärten sowie die Gartenstadt und die Parkstadt Karlshorst.

Daran entzündet sich auch Kritik. Der Senat hat kürzlich dem Bezirk auferlegt, den städtebaulichen Vertrag für die Parkstadt nachzuverhandeln. Dafür hatte sich der Verein „Karlshorst e.V.“ stark gemacht. Und der „Bürgerverein Karlshorst“ hat ein eigenes Entwicklungskonzept für den Ortsteil bis 2030 aufgelegt. Grund ist die Kritik, dass mit den großen Bauvorhaben eine verträgliche Grenze überschritten sei, da die erforderliche Infrastruktur nicht einbezogen werde. Es fehle ein städtebauliches Gesamtkonzept, betrachtet würden nur Einzelprojekte. Der Bürgerverein prognostiziert, dass 2030 rund 35.000 Menschen in Karlshorst leben werden. 1990 waren es nicht einmal halb so viele.

Plattenbauten an der Gehrenseestraße werden abgerissen

In Alt-Hohenschönhausen wird ein Quartier mit etwa 2000 Wohnungen, Schule und Kita auf dem Areal an Gehrensee- und Wollenberger Straße angelegt. Dort stehen immer noch die verfallenden Plattenbauten, in denen einst vietnamesische Vertragsarbeiter wohnten. Diese Ruinen sollen abgerissen werden. Zwei Eigentümer des Geländes, die Howoge und das private Unternehmen Belle Epoque errichten die neuen Gebäude. Das Bebauungsplanverfahren hat 2019 begonnen.

Wohnungsbauprojekte der öffentlichen Unternehmen seien bisweilen problematisch, sagt der Linken-Verordnete Leonhardt, „wenn sie an Gelände grenzen, wo schon Wohnungen stehen. Da ist das Konfliktpotenzial größer, weil es um Verdichtung geht.“ Dies sei bei den Neubauten der Howoge in einem Innenhof an der Paul-Zobel-Straße der Fall gewesen, die gegen den massiven Protest von Anwohnern errichtet und Anfang 2019 fertig wurden.

Bürgerbeteiligung künftig frühzeitiger

Doch die landeseigene Gesellschaft habe ihr Vorgehen verändert, so Leonhardt. Wenn die Howoge jetzt baue, fange sie ganz langfristig mit Bürgerbeteiligung an und engagiere Agenturen, die die Anwohner zu Projektwerkstätten einladen und den Prozess begleiten. „Das wird nicht den letzten Kritiker überzeugen, aber bei den Bürgern kommt an, dass nicht über ihren Kopf entschieden, sondern auf Kommunikation gesetzt wird.“

Das passiert auch auf einem Grundstück an der Waldowallee in Karlshorst. Es gehörte früher zum Bundesamt für Strahlenschutz. Dort sollen 350 Wohnungen und eine Gemeinschaftsschule entstehen. Die Planungen stehen noch ganz am Anfang, doch schon im Juni lud die Howoge Anwohner zu einer Ortsbegehung und Information ein. Baubeginn ist frühestens 2021. Die Hälfte der Wohnungen werde Sozialwohnungen sein, die andere Hälfte für durchschnittlich etwa zehn Euro je Quadratmeter vermietet, teilte Senator Andreas Geisel in seiner Eigenschaft als SPD-Abgeordneter für Lichtenberg mit.

Das alte Image der rechten Hochburg stimmt nicht mehr

Lange Zeit haftete Lichtenberg ein eher negatives Image an – insbesondere bei Berlinern, die nicht dort lebten. Erst war die Rede von der Stasi-Hochburg, dann vom Neonazi-Nest. Dieses Etikett sei Geschichte, sagt nicht nur der Bezirksbürgermeister.

Das bestätigt Annika Eckel: Nicht nur das Image habe sich verändert, auch der Bezirk, sagt die Sozialwissenschaftlerin von der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke. Deren zentrales Anliegen ist es, für Rassismus, extreme Rechte und Diskriminierungsformen zu sensibilisieren und sie präventiv zu bekämpfen. Vor einigen Jahren habe man schon noch von einer rechten Hochburg sprechen können, sagte Eckel der Berliner Morgenpost, jetzt nicht mehr. Dafür habe das Zusammenwirken von Zivilgesellschaft und Politik gesorgt.

Zwei neue Schulen werden als Holz-Schnellbauten errichtet

Nun wird das Positive hervorgehoben. Der Bezirk fördert aber nicht nur das Image des familienfreundlichen Bezirks, er tut auch etwas dafür. Ein Beispiel dafür sind etliche Projekte im Rahmen der Schulbauoffensive des Senats.

So wird zum Beispiel die Sanierung der Sekundarschule an der Rathausstraße in diesem Jahr abgeschlossen und die Grundschule an der Paul-Junius-Straße bis 2020 reaktiviert. An der Konrad-Wolf- und der Sewanstraße werden zwei neue Schulen aus Holzmodulen in Schnellbauweise errichtet. Die Grundschulen mit Turnhalle bieten jeweils Platz für mehr als 400 Kinder und sollen im August beziehungsweise Anfang kommenden Jahres bezogen werden können.

Unumstritten ist der Campus für Demokratie auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale. Dort gibt es mit dem Stasi-Museum, der Ausstellung zum Stasi-Unterlagen-Archiv, dem Archiv der DDR-Opposition und der Open-Air-Ausstellung „Revolution und Mauerfall“ bereits zahlreiche öffentliche Informationsangebote. 2015 kaufte der Bund von einem privaten Eigentümer das ehemalige Offizierskasino, das seitdem für Veranstaltungen genutzt wird.

Archivzentrum am Campus für Demokratie geplant

Nächster wichtiger Baustein des Campus soll das geplante Archivzentrum werden. Der Kulturausschuss des Bundestages hat sich bereits dafür ausgesprochen, ein Beschluss des Bundestages steht indes noch aus. In diesem Zentrum könnten alle nationalen Dokumente der DDR sowie der SED gebündelt werden. In dem riesigen Komplex stehen aber noch einige Gebäude leer. Hinzu kommt die Frage, wie die „Trutzburg“ der Stasi durchbrochen werden kann, um einen neuen Stadtraum zu schaffen, ohne die historische Substanz zu zerstören.

Ein weiteres Kleinod des Bezirks sind die B.L.O.-Ateliers. Der Verein „Lockkunst“ betreibt an der Kaskelstraße auf einem Teil des ehemaligen Bahnbetriebswerks Berlin-Lichtenberg Ost ein einzigartiges Ensemble aus Kunstateliers, Werkstätten, Manufakturen sowie sozialen und kulturellen Initiativen. Die ehemalige Kantine wurde zu einem Veranstaltungsraum umgebaut.

Alle Räume, insgesamt 2500 Quadratmeter, sind vermietet. Im größten Atelier ist eine Schlosserei nebst Schmiede beheimatet, in anderen werden zum Beispiel Textilkunst, Fahrradrahmen aus Bambus oder Bumerangs und Bögen zum Bogenschießen hergestellt. Das Gelände insgesamt umfasst 12.000 Quadratmeter Fläche, die Freiflächen werden gemeinschaftlich genutzt. Der Verein sorgt nicht nur für die Instandhaltung der Gebäude, er achtet auch darauf, dass 7000 Quadratmeter der Freifläche naturnah erhalten bleiben und besondere Rücksicht auf Fledermäuse und Eidechsen genommen wird.

Vertrag der B.L.O.-Ateliers mit der Bahn läuft 2024 aus

Die B.L.O.-Ateliers sind bei Politikern in Bezirk und Senat hoch angesehen und in der Nachbarschaft gut vernetzt. Doch der Mietvertrag des Vereins Lockkunst mit der Deutschen Bahn ist bis 2024 befristet. Kann das Projekt langfristig gesichert werden? Viel Stoff also für einen spannenden Abend. Kommen Sie zu unserem Leserforum, diskutieren Sie mit und erleben Sie außerdem die Atmosphäre der Islandpferde-WM.

So können Sie am Leserforum teilnehmen

Das Leserforum „Berliner Morgenpost vor Ort“ zum Thema „Lichtenberg – Probleme und Perspektiven eines Bezirks“ beginnt am Dienstag, 6. August, um 19 Uhr im Veranstaltungszelt des Pferdesportparks Karlshorst, Treskowallee 159. Das Leserforum findet im Rahmenprogramm der Weltmeisterschaft der Islandpferde statt. Es dauert zwei Stunden. Die Teilnahme ist kostenlos.

Voraussetzung ist eine Anmeldung in unserer Redaktion unter dem Kennwort „Morgenpost vor Ort“. Das geht per E-Mail an aktionen@morgenpost.de, per an die Nummer 030/8872 77967 oder per Postkarte/Brief an die Berliner Morgenpost, Redaktion Lokales, Kurfürstendamm 21, 10719 Berlin. Teilen Sie uns bitte mit, wie viele Plätze Sie benötigen. Abonnenten der Berliner Morgenpost können gern ihre Abonummer dazuschreiben, sie werden bei der Platzvergabe zuerst berücksichtigt. Alle Anmeldungen werden nach Eingang bearbeitet und müssen spätestens bis Montag, 5. August, 15 Uhr, in der Morgenpost-Redaktion vorliegen. Der Zugang zum Leserforum ist nur mit einer schriftlichen Bestätigung der Redaktion möglich.

Der Pferdesportpark Karlshorst (Trabrennbahn) ist sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Der S-Bahnhof Karlshorst (S 3) liegt direkt am Gelände, auch die Tramlinien 27, 37 und M 17 halten ganz in der Nähe. Parkplätze sind wegen der Baustelle auf der Treskowallee rar.