Hochschulen

Studierende in Berlin brauchen länger für das Studium

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Joachim Fahrun
Viele Studenten gehen Jobs nach und verfehlen die Regelstudienzeit.

Viele Studenten gehen Jobs nach und verfehlen die Regelstudienzeit.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Studenten sollten schneller fertig werden. Deswegen wurden Master und Bachelor eingeführt. Aber in Berlin brauchen sie wieder länger.

Berlin. Es war eine große Sorge, die Arbeitgeber und Wissenschaftspolitiker in ganz Deutschland umtrieb. Deutsche Hochschulabsolventen, so lautete die Klage, seien zu alt, wenn sie aus der Universität heraus und auf den Arbeitsmarkt kommen. Abhilfe schaffen und für internationale Vergleichbarkeit sorgen sollte eine komplette Neuorganisation der Studiengänge. An die Stelle von Diplom und Magister traten die Bachelor- und Masterabschlüsse, verbunden mit strengeren Zeitvorgaben für das Studium.

Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt. Und die Studierenden lassen sich wieder deutlich mehr Zeit mit dem Examen. Zwischen 2014 und 2018 haben an Berlins zwölf staatlichen Universitäten und Fachhochschulen im Durchschnitt jährlich 21.670 junge Leute ein Studium abgeschlossen.

Oft reicht die Regelstudienzeit nicht aus

Nur jedem dritten Absolventen gelang das in der vorgeschriebenen Regelstudienzeit. In einer zusätzlichen Toleranzfrist von zwei Semestern wurden drei von vier fertig. Und ein Viertel brauchte länger als die Regelstudienzeit plus zwei Semester, um die Universität abzuschließen.

Das geht aus der Antwort der Wissenschaftsverwaltung auf eine Anfrage der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hervor. Die Zahlen zeigen auch erhebliche Unterschiede zwischen den Hochschulen. An Fachhochschulen und künstlerischen Hochschulen schaffen es die Studierenden eher, ihr Studium im Zeitrahmen erfolgreich zu beenden. An der Technischen Universität (TU) gelingt das nur jedem sechsten in der Regelstudienzeit. Mit 57 Prozent erreicht auch nur etwas mehr als jeder zweite die Marke Regelstudienzeit plus zwei.

Studienzeit wird eher länger

Der Trend geht dabei eindeutig zu längeren Studienzeiten. Lagen die Absolventen 2014 im Durchschnitt nur knapp anderthalb Semester über der Regel, waren es 2018 schon fast zwei Semester. Wer die Regelzeit überschreitet, braucht im Durchschnitt inzwischen fast drei Semester länger. 2014 waren es erst 2,4 Semester.

Eher länger studieren die Teilnehmer in den Geistes- und Ingenieurwissenschaften, die nach Bachelor und Master funktionieren. Weniger Überschreitungen der Zeit gibt es in Studiengängen, die zu Staatsexamen führen, wie etwa Jura. Dass die Universitäten schlecht organisiert seien und die Studierenden deswegen nicht wie geplant voran kommen, schließt Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD) in seiner Antwort aus. Dem Senat seien „keine Informationen bekannt, dass Studierende aufgrund studienorganisatorischer Mängel in der Verantwortung der Hochschulen die Regelstudienzeit überschreiten“, schreibt Krach.

Fast jeder zweite sagt, er musste nebenher arbeiten

CDU-Wissenschaftsexperte Adrian Grasse hält die Zahlen jedoch für „nicht akzeptabel“. Zumal die Abschlüsse innerhalb der Regelstudienzeit eines der Parameter für die Vergabe der Mittel aus dem Zukunftsvertrag „Studium und Lehre stärken“ bilden. Vor allem die zum Teil enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Hochschulen seien bemerkenswert“, sagte Grasse: „Wir brauchen ein Konzept, wie der Trend zu längeren Studienzeiten gestoppt werden kann.“ Gerade die technischen Hochschulen hätten extreme Abweichungen nach oben. Das konterkariere das politische Ziel, vor allem mehr Absolventinnen in den Mint-Fächern (Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften) zu bekommen.

An der TU hält man die Studienzeiten indes für kein so großes Problem. Jedes Jahr befragt die Universität ihre Absolventen anderthalb Jahre nach dem Abschluss auch danach, warum sie länger studiert haben. 54 Prozent des Abschlussjahrgangs 2016 gaben die Abschlussarbeit als Grund an. „Da hängen sich viele richtig rein und nehmen sich Zeit“, sagte Patrick Thurian, Leiter des Bereichs Qualitätssicherung, Studienreform und Kennzahlen an der TU.

46 Prozent hätten in der Umfrage auf ihre Berufstätigkeit neben dem Studium verwiesen. Dabei hätten gerade viele der besonders langsamen angehenden Informatiker und Ingenieure oft sehr anspruchsvolle und gut bezahlte Jobs neben dem Studium, die sie auf den Einstieg in den Beruf vorbereiteten, sagte Thurian.

Absolventen der TU finden gut bezahlte Jobs

37 Prozent gaben hohe Anforderungen im Studiengang als Grund an. Jeder Dritte (33 Prozent) verwies auf schlechte Koordination und Überschneidungen von Lehrveranstaltungen, die ein Studium in der Regelzeit unmöglich machten. Und 30 Prozent brauchten länger, weil sie durch Prüfungen gefallen waren. Ein Viertel nannte als Gründe Praktika und Auslandsaufenthalte, 27 Prozent machte persönliche Gründe für die Verzögerungen verantwortlich.

Gleichwohl sind die Absolventinnen und Absolventen der TU Berlin auch nach längerem Studium hochbegehrt bei den Arbeitgebern. Fast alle aus dem Jahrgang 2016 hätten zwei, drei Monate nach dem Examen einen Job gefunden, sagte Thurian. Die Bachelor-Absolventen verdienten zum Einstieg 3200 Euro monatlich, die Master 3600 Euro.