Digitalisierung

Dilek Kalayci: "Pflegeroboter ersetzen keine Fachkräfte!"

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci sieht in der Digitalisierung dennoch „ein Riesenpotenzial“, um das Gesundheitswesen zu stärken.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) will mehr Pflegekräfte ausbilden.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) will mehr Pflegekräfte ausbilden.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin ist Gesundheitsstadt. Mit der Charité als Leuchtturm und zahlreichen Forschungseinrichtungen ist die Stadt auf dem Weg in eine Spitzenposition. Über die Zukunft der Medizin, die Möglichkeiten der Digitalisierung und den Zustand der Pflege sprach die Berliner Morgenpost mit Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD).

Frau Kalayci, die Kooperation zwischen Charité und Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) ist beschlossen. Sie sichert Berlin 75 Millionen Euro Förderung jährlich. Was erhoffen Sie sich dadurch für den Gesundheitsstandort?

Dilek Kalayci: Berlin ist ja die Gesundheitsstadt, deswegen war es richtig und gut, dass der Regierende Bürgermeister eine Zukunftskommission einberufen hat. Das Ergebnis liegt vor. Berlin hat die besten Chancen, in der Gesundheitsforschung eine Spitzenposition einzunehmen. Wir bleiben bislang unter unseren Möglichkeiten, deswegen ist das eine wunderbare Entscheidung, das BIH in die Charité einzugliedern.

Aber was bringt das den Menschen konkret?

Ich habe natürlich ein Interesse daran, dass die Berlinerinnen und Berliner auf dem aktuellsten Stand der Forschung behandelt werden. Ich erhoffe mir einen Mehrwert für alle Menschen in allen Krankenhäusern. Meine Hoffnung ist, dass neue Diagnose- und Therapieverfahren nicht für wenige Menschen zur Verfügung stehen, sondern sehr schnell in der Breite der Behandlung ankommen.

Sind diese Ziele zu erreichen, angesichts der Klagen vieler Ärzte, dass es zu viele Patienten und Behandlungen gibt und Berlin weiter wächst?

Berlin hat die besten Voraussetzungen dafür und bietet sich in dieser Konzentration im Gesundheitswesen an, nach Lösungen zu suchen. Ein Beispiel dafür ist die elektronische Patientenakte …

… die oft versprochen wurde, die es aber bislang nicht gibt …

Ja, da ist Deutschland bislang gescheitert, eine simple elektronische Patientenakte einzuführen, was in anderen Ländern wie Australien und Dänemark, Finnland, Schweden, Estland und Spanien vorgemacht wird. Aber da ändert sich gerade etwas.

Kann da Berlin etwas Eigenes auf den Weg bringen, oder liegt die Zuständigkeit dafür beim Bund?

Berlin ist sehr weit. Es gibt mit Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zwei Modellregionen der AOK Nordost dafür. Ich sehe dafür ein Riesenpotenzial, Berlin ist bundesweit Vorreiter. Ich habe dazu alle Beteiligten an einen Tisch geholt. So eine elektronische Patientenakte funktioniert nur, wenn alle Krankenkassen mitmachen und in allen Krankenhäusern und bei allen Ärztinnen und Ärzten eine entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. An dem eckigen Tisch zum Thema elektronische Patientenakte habe ich von allen Beteiligten hohe Bereitschaft vernommen, an einem Strang zu ziehen.

Wann wird das so weit sein?

Wenn alle mitziehen, kann es in zwei bis drei Jahren in Berlin schon Realität sein. Wir haben im Rahmen „Eckiger Tisch Digitalisierung im Gesundheitswesen“ miteinander verabredet, einen regionalen Verbund dafür einzurichten. Ich bin da sehr zuversichtlich und ehrgeizig, dass wir einen Durchbruch erzielen. Was bislang fehlt, ist die Akzeptanz bei den Patienten und Ärzten. Und das gelingt nur, wenn der Nutzen einer elektronischen Patientenakte allen bekannt ist.

Woran liegt das?

Vor allem am fehlenden Wissen. Natürlich muss der Datenschutz eingehalten werden und die Patienten müssen selbst entscheiden können, wer welche Daten sehen kann. Jeder kennt es doch aus dem Alltag, wenn Röntgenbilder, Blutwerte oder Arztbriefe von einem Arzt zum nächsten gelangen müssen. Elektronische Verfügbarkeit ist ein Vorteil für Patient und Arzt. So können Doppeldiagnosen vermieden werden. Auch die Zettelwirtschaft mit Medikamentenplänen ist nicht förderlich. Ein elektronischer Medikamentenplan hat viele Vorteile – auch, dass Unverträglichkeiten von Medikamenten geprüft werden können. Die Vorteile sind noch zu wenig bekannt. Da liegt noch viel Überzeugungsarbeit vor uns.

Können Patienten auch sagen, ich möchte diese elektronische Karte nicht haben?

Die elektronische Gesundheitskarte mit den Grunddaten gilt als Versicherungsnachweis für alle. Die nächst größere Variante ist die elektronische Patientenakte, auf der auch Befunde, Diagnosen, Therapiemaßnahmen, Behandlungsberichte und Informationen über Impfungen gespeichert werden können, und der nächste Schritt wäre, mit strukturierten Daten zu arbeiten. Das heißt, dass wertvolle Erkenntnisse für Diagnose und Therapie in Echtzeit möglich werden. Darum geht es gerade in einer Kooperation zwischen Vivantes und Charité. Bei den Varianten der Gesundheitskarte, die über den einfachen Versicherten-Nachweis hinausgehen, kann der Patient die Speicherung ablehnen.

Zur Digitalisierung gehört auch die Telemedizin, dass also Arzt und Patient per Computer miteinander sprechen. Ist das ein Segen oder Fluch?

Das ist auch die Zukunft. Da sehe ich vielmehr Chancen als Risiken. Das kann das Patient-Arzt-Verhältnis nicht ersetzen, aber unterstützen und verstärken. Auch im Bereich der Zweitmeinung wird es an Bedeutung gewinnen. Da kann sich beispielsweise ein Krankenhaus, das nicht in einem Bereich spezialisiert ist, bei versierten Kolleginnen und Kollegen eine zweite Meinung einholen und den Erfahrungshorizont erweitern. Auch gemeinsame Fallkonferenzen sind unabhängig vom Ort möglich.

Aber hilft es auch den Patienten?

Ja, gerade beim Thema alternde Gesellschaft und Pflege ist das ein relevantes Thema. Es gibt ja wenige Hausärzte, die nach Hause kommen. Auch in den Pflegeheimen ist die medizinische Behandlung ein Riesenthema. Da haben wir in Berlin ein tolles Beispiel, wo eine Hausärztin mit einem Pflegeheim digital vernetzt ist. Sie bekommt alle Vitaldaten in ihre Praxis. Die Ärztin ist also viel näher an den Patienten, als es regelmäßige Besuche gewährleisten könnten. Dafür muss sie nicht immer im Pflegeheim sein. Das hat mittlerweile bundesweit Ausstrahlung und man fragt sich, warum das nicht überall so ist.

Kommen die Vorbehalte gegen die digitale Medizin nicht vielleicht auch daher, dass wir in den vergangenen 50 Jahren einen Trend zur Apparatemedizin hatten und jetzt durch die digitalen Medien der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient gänzlich abgetrennt wird?

Das darf auf keinen Fall das Arzt-Patienten-Verhältnis ersetzen. Aber wir schöpfen den Nutzen der Digitalisierung bei Weitem noch nicht aus. Es gibt so viele Beispiele dafür. Zum Beispiel bei der Nachsorge, da braucht man nicht immer einen Krankenhausaufenthalt oder einen Arztbesuch, es reicht, wenn der Arzt per Telemedizin am Patienten bleibt – nach einer OP oder Reha beispielsweise.

Muss sich da nicht das ganze Gesundheits- und Pflegesystem mit ändern, weil es für die von Ihnen beschriebenen Fälle keine Abrechnungsmöglichkeiten gibt?

Das System muss sich dem anpassen und digitale Lösungen ermöglichen. Nur weil Menschen in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, kann es doch aber nicht sein, dass sie schlechter versorgt werden. Gerade für solche Menschen könnte die digitale Medizin die Versorgung verbessern.

Kann die Digitalisierung auch eine Hilfe in Bezug auf den Fachkräftemangel sein?

Nein. Das sehe ich nicht so. Pflegeroboter werden niemals die Fachkräfte ersetzen. Pflege ist eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung und mehr, als einen Patienten von links nach rechts zu drehen. Da geht es auch um Zuneigung. Technik kann die Pflege entlasten. Da sind wir auch noch weit entfernt davon. In der Industrie ist das ganz anders. Bei jemandem, der Motorräder zusammenschraubt, sind die Arbeitsschritte so organisiert, dass sie gesundheitsfördernd sind. In der Pflege gibt es immer noch Betten, die nicht elektronisch sind.

Das heißt, es geht auch um mehr Arbeitsschutz? Bei BMW in Spandau gibt es Jacken, die den Rücken entlasten und Bewegungen unterstützen …

Genau! Es geht um Arbeitsschutz und Arbeitsentlastung. So etwas gibt es viel zu wenig bis gar nicht. Ich habe von der Geschäftsleitung bei BMW die Einladung, mir den Prozess anzuschauen. Die Pflegebranche kann viel von der Industrie lernen.

Im Zusammenhang mit dem Pakt für Pflege haben Sie angekündigt, die Ausbildungszahlen zu verdoppeln. Ist das realistisch?

Ja, auch wenn es etwas Zeit dauern wird. Die gesamte Pflegebranche hat es sich in den vergangenen Jahren sehr leicht gemacht, indem sie gesagt hat, es gebe keine Pflegekräfte. Aber sie bilden keinen Nachwuchs aus. Ja, der Markt hat sich gedreht, aber es gibt immer noch mehr Bewerber als Ausbildungsstellen in Berlin. Hätten die Pflegeeinrichtungen in der Vergangenheit mehr ausgebildet, hätten wir heute eine andere Situation. Wir müssen heraus aus diesem Jammermodus und das Thema anpacken. Wenn alle unter Bedarf ausbilden, ist doch klar, was am Ende herauskommt: ein Mangel an Fachkräften.

Unabhängig von der Ausbildungssituation – bessert sich die Situation in der Pflege?

Pflegebedürftigkeit heißt ja nicht, dass alle in ein Pflegeheim kommen. Wir haben in Berlin die Situation, dass 78 Prozent der 136.000 Pflegefälle zu Hause versorgt werden. Die Menschen sollen so lange wie möglich zu Hause in gewohnter Umgebung bleiben.

Was schlagen Sie vor?

Ich glaube, der zukünftige Trend wird das Leben in Pflege-Wohngemeinschaften sein. Dort lebt man in Gesellschaft, aber nicht in einem Riesenheim. Das hat eine Menge Vorteile. Dieses Segment wollen wir in Berlin entwickeln.

Das sollen dann die landeseigenen Wohnungsgesellschaften anbieten?

Wir wollen, dass es Berlinovo macht. Pflegeheime sollen die allerletzte Möglichkeit sein.

Das ist noch Zukunftsmusik. Was sagen Sie Menschen, die heute einen Pflegeplatz suchen?

Wir haben ein Puffer von zehn Prozent freien Plätzen bei den Pflegeheimen. Allerdings kann es schwierig werden, den Wunschplatz im Wunschbezirk zu bekommen. Es ist nicht alles gut, aber auch nicht so schlecht. Engpässe sehen wir eher in der ambulanten Pflege, weil dort Fachkräfte fehlen. Da sind wir wieder beim Thema Ausbildung. Das ist mein Mantra. Wir müssen endlich bedarfsgerecht ausbilden und die Ausbildungsqualität erhöhen. Das Ausbildungsbudget haben wir in Berlin sehr komfortabel ausgehandelt. Also am Geld wird es nicht liegen.

Zur Person:

Dilek Kalayci (SPD, früher Kolat) wurde vor 52 Jahren in der Türkei geboren und zog im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern nach Berlin. Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität Berlin und arbeitete danach bei der Deutschen Kreditbank.

Seit 2001 ist Kalayci Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ernannte sie 2011 zur Senatorin für Arbeit und Soziales. Seit 2016 ist sie Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung in der rot-rot-grünen Landesregierung. Kalayci ist in zweiter Ehe mit dem Gewerkschafter Hivzi Kalayci verheiratet.

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