Schulen in Berlin

400 Quereinsteiger vor dem Sprung ins kalte Wasser

Knapp 400 Quereinsteiger haben die Ausbildung begonnen. Ab Schuljahresbeginn werden sie unterrichten.

Sandra Scheeres macht den Quereinsteigern Mut, die im kommenden Schuljahr an Berliner Schulen unterrichten werden.

Sandra Scheeres macht den Quereinsteigern Mut, die im kommenden Schuljahr an Berliner Schulen unterrichten werden.

Foto: David Heerde

Berlin. Das erste Mal vor einer Schulklasse stehen und ein Fach unterrichten, in dem man fremd ist – vor dieser Situation stehen die so genannten Quereinsteiger. Es sind Menschen mit einer anderen Qualifizierung, die nun Lehrer werden. Berlin braucht sie, denn die Zahl der ausgebildeten Pädagogen reicht nicht aus.

Rund 3000 Lehrer stellt Berlin zum neuen Schuljahr ein. Alle freien Stellen sollen besetzt werden. Dazu tragen auch die 382 Quereinsteiger bei, die am Montag in den neuen Beruf starteten. „Es sind gestandene Persönlichkeiten, Mitte 30 bis Mitte 50, die einen akademischen Abschluss haben“, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), „und die sich nun für einen Neuanfang mit einer berufsbegleitenden Ausbildung entschieden haben.“ Naturwissenschaftler, IT-Fachleute und Künstler werden künftig im Schulsystem arbeiten.

2,7 Millionen Euro, um Quereinsteiger fit zu machen

Die Senatorin begrüßte die Quereinsteiger im Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule an der Georgenstraße in Mitte. Dort sollen die künftigen Pädagogen fit gemacht werden für den Schulalltag. Berlin hat dafür das Programm „QuerBer“ entwickelt, das sich über ein Jahr erstreckt und das im vergangenen Schuljahr zum ersten Mal erprobt wurde. Rund 2,7 Millionen Euro investiert das Land in dieses Programm.

Ausgearbeitet wurde es von einem Team um Anja Herpell, Referatsleiterin Lehrkräftebildung beim Senat. Sie stellte die Einzelheiten am Montag vor. In den ersten sieben Arbeitstagen, noch vor Beginn des Schuljahres, werden die Neueinsteiger mit den Grundlagen des Berliner Schulsystems vertraut gemacht. Sie erfahren, wie man den Unterricht vorbereitet, mit welchen Lehrbüchern gearbeitet wird, und sie werden auch in Rechtsfragen informiert.

Quereinsteiger bekommen ehemalige Lehrer als Paten

Wichtiges Element von „QuerBer“: Die Quereinsteiger werden individuell begleitet. Sie bekommen in den ersten Wochen Paten und Coaches an die Seite gestellt. „Ihnen können sie alle Fragen, Sorgen und Nöte anvertrauen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie sich lächerlich machen, oder dass sie mit ihren Fragen nicht gut ankommen“, so die Referatsleiterin. Ehemalige Lehrer und Schulleiter haben sich bereit erklärt, Pate zu werden.

Anschließend bekommen die Quereinsteiger für ein Jahr die Möglichkeit, sich individuell in einer Vielzahl von Seminaren zu qualifizieren. Wöchentlich finden 16 Veranstaltungen parallel statt. „Wir wissen, dass sich die Situationen und Probleme an den Schulen unterscheiden.“ Deshalb könne sich jeder Quereinsteiger das für ihn Passende heraussuchen.

„Anschließend geht es in die individuelle Professionalisierung, in dem wir sie in einem oder auch zwei Fächern berufsbegleitend nachstudieren lassen, sodass sie für das Referendariat fit gemacht werden.“ Am Ende könnten die Kandidaten das Staatsexamen ablegen. „Dann sind sie vollständige Lehrkräfte, die alle Rechte und Pflichten eines Lehrers haben.“

ER unterrichte jetzt in Fächern, für die er nicht ausgebildet sei

Bei der Auftaktveranstaltung war auch Nicolás Urióstegui aus Schöneberg dabei. Er ist Quereinsteiger im zweiten Jahr. Der 35-Jährige unterrichtet an einer Grundschule in Friedenau. Für die Berufsanfänger gestaltete er am Montag eine offene Gesprächsrunde. „Weil ich vor zwei Jahren gern einen Quereinsteiger gehabt hätte, dem ich all meine Fragen hätte stellen können – aber ich kannte damals niemanden.“ Urióstegui hat Sportwissenschaften und Journalistik studiert. Er habe schon immer Lehrer werden wollen, sagt er.

Für den Unterricht in Mathematik und Deutsch müsse er sich nachqualifizieren. „In meinem Fach Sport, das ich studiert habe, werde ich parallel ausgebildet.“ Er unterrichte jetzt in Fächern, für die er nicht ausgebildet sei. „Man muss sich einarbeiten, wie in anderen Berufen auch.“

Mehr als die Hälfte hat schon pädagogische Erfahrungen

Nicolás Urióstegui war schon in früheren Jahren an einer Grundschule in Wedding tätig. Dort unterrichtete er für die Bildungsorganisation Teach first Deutschland. Er ist keine Ausnahme. Mehr als die Hälfte der Quereinsteiger bringe pädagogische Erfahrungen mit, sagt Senatorin Scheeres. „Sie haben schon in Musikschulen und Sportvereinen mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet.“

Aus ihren Erfahrungen als Patin berichtet Ulrike Handke, ehemalige Lehrerin, 70 Jahre. „Es ist eine der sinnvollsten Tätigkeiten, die ich je gemacht habe“, sagt sie, „wir zensieren nicht, wir beurteilen nicht. Wir knüpfen an den Stärken an, machen Mut und versuchen, Handlungsoptionen zu eröffnen.“ Sie hätte sich so etwas als junge Lehrerin selbst gewünscht. Die Quereinsteiger seien wichtig. „Obwohl es ältere Menschen sind, bringen sie eine Energie und Ideen mit, die wir sonst vielleicht nicht in der Schule gehabt hätten.“

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