Quereinsteiger

"Die tanzen mir manchmal auf der Nase herum"

Quereinsteiger fangen ohne viel pädagogisches Vorwissen an zu unterrichten. Ein Seminar soll beim Einstieg helfen.

Blick in den Seminarraum – hier werden die Kandidaten auf den Berufswechsel vorbereitet.

Blick in den Seminarraum – hier werden die Kandidaten auf den Berufswechsel vorbereitet.

Foto: Wolfgang Kumm/dpa

„Ich bin der Prinz“, sagt ein Mann. Er ist umringt von Kollegen. Sie verstecken sich hinter einem kleinen Vorhang und schnellen nach oben, wenn sie in dem Theaterstück an der Reihe sind. Andere in dem Seminarraum in Berlin sehen sich das Ganze an, sie kichern und applaudieren. Der eine oder andere von ihnen wird die Variante des „Aschenputtel“-Märchens vielleicht nutzen – als Lehrer an einer Berliner Grundschule. Studiert haben sie alle nicht auf Lehramt, sondern etwas anderes. Über einen Quereinstieg gelangten sie in den Schuldienst und qualifizieren sich nun parallel weiter.

Der Bedarf ist groß, das Land benötigt die Lehrkräfte

„Das Land Berlin braucht dringend Lehrkräfte“, sagt die Referatsleiterin für Lehrkräftebildung in der Berliner Bildungssenatsverwaltung, Anja Herpell. In den naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik, Physik und Biologie besonders. Die Quereinsteiger gehen demnach „sofort in den Schuldienst, das liegt am Bedarf“. Parallel dazu qualifizieren sie sich über Jahre berufsbegleitend, am Ende steht die Lehramts-Staatsprüfung an. In der Regel haben sie mindestens eines der Fächer bereits studiert, das sie in der Schule unterrichten. Ein Beispiel: Ein Germanist kommt über einen Quereinstieg in den Schuldienst, muss ein zweites Fach berufsbegleitend nachstudieren, dann folgen wie bei der klassischen Lehrkräfteausbildung der Vorbereitungsdienst an den Schulen und die Staatsprüfung. In Berlin laufen derzeit die letzten Quereinsteiger-Einstellungen. Wie viele es am Ende sein werden, ist noch nicht bekannt.

In den Bundesländern gibt es unterschiedliche Konzepte zu Quereinsteigern und auch die Bezeichnungen variieren. In den vergangenen Jahren stieg deutschlandweit der Anteil von Quer- oder Seiteneinsteigern an allen Einstellungen in den öffentlichen Schuldienst, wie Zahlen der Kultusministerkonferenz belegen. 2018 lag er bei 13,3 Prozent (2017: 12,6 Prozent, 2016: 8,4 Prozent). Sachsen führte 2018 die Liste an – dort machten die Seiteneinsteiger die Hälfte der Einstellungen aus. Berlin folgte mit rund 40 Prozent.

In einem Stockwerk über dem Seminarraum, wo das Theaterstück geprobt wurde, kommen wenig später mehrere Quereinsteiger zusammen, die noch nicht so lange dabei sind. Das Land Berlin eröffnete vor Jahren das Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule. Dozenten und Seminarleiter unterrichten dort. Herpell betont, dass ihr kein anderes Bundesland bekannt sei, das wie Berlin ein eigenes Institut für die Weiterbildung von Quereinsteigern geschaffen hätte.

Die Veranstaltung, zu der es mehrere Männer und Frauen gezogen hat, heißt: „Lehrkrafthaltung stärken – ein überzeugender Auftritt“. „Heute geht's um Haltung“, leitet der Coach ein. Er fragt, wie sich die Teilnehmer vor ihren Klassen positionieren. Ein Mann hebt die Hand, wird aufgerufen und sagt: „Ich stehe, ich bin Sportlehrer.“ Ein anderer Teilnehmer berichtet, wie es ihn beeinflusse, wenn Unvorhergesehenes passiere. Zum Beispiel wenn der Kopierer für Unterrichtsmaterial kaputt sei.

Auf Kärtchen schreiben die Quereinsteiger, von denen viele an Berliner Grundschulen tätig sind, Fähigkeiten auf, die sie in der Klasse erfolgreich und effektiv machen. „Auf Schüler konzentrieren“, „Begeisterung“, „ausgeglichen sein“ ist da zu lesen. Der Coach betont: „Wir sind für die Kinder nicht ein weiterer Kumpel.“ Es geht jetzt darum, wie freundlich ein Lehrer sein sollte. Eine Frau berichtet, dass sie manchmal das Gefühl habe, „die tanzen mir auf der Nase rum“. Sie versuche aber dennoch freundlich zu bleiben und nicht laut zu werden, nur um respektiert zu werden. Nächste Übung. Es wird wieder auf Kärtchen geschrieben.

Was den Lehrermangel angeht, so sei der Druck an Berliner Gymnasien noch nicht so groß, in den Grundschulen schon mehr und auch in Schulen mit Sonderpädagogik sowie an beruflichen Schulen gebe es erhöhten Bedarf, erläutert Herpell. Probleme hätten auch weniger beliebte Schulen. Können Stellen mit studierten Lehrern nicht besetzt werden, kommen Quereinsteiger zum Zug.

Spricht man die Seminargruppe auf ihre Motivation an, warum sie in den Schuldienst wollten, sagen mehrere, dass sie beruflich „etwas Neues“ wollten. Einer war vorher Journalist, sagt er. Eine Frau studierte Chemie und arbeitete in einem Büro. Die Studienfächer Amerikanistik und Geschichte bringt eine andere Frau mit. Die Quereinsteiger seien im Vergleich zu den klassischen Lehreranwärtern im Schnitt zehn Jahre älter, hätten häufiger bereits eine Familie gegründet und hätten mehr Erfahrung in Erziehungsbereichen zum Beispiel durch Tätigkeit in Sportvereinen oder Musikschulen, sagt Herpell.

Gewerkschaft fordert eine bessere Unterstützung

Die Bildungsgewerkschaft GEW Berlin hält einige Punkte für kritisch. „Die Quereinsteiger machen eine tolle Arbeit und bereichern, aber sie brauchen eine noch bessere Unterstützung“, sagt Sprecher Markus Hanisch. Sie sollten weniger Unterrichtsstunden haben, um sich besser auf den jeweiligen Unterricht vorbereiten und ihre berufsbegleitende Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können. Auch sollten Schulen mehr Stunden dafür zur Verfügung bekommen, dass sich andere Lehrer quasi als Mentor stärker um die Quereinsteiger kümmern könnten.

Innerhalb Berlins sei die Verteilung der Quereinsteiger unterschiedlich, in manchen Bezirken gebe es eine Ballung. Kritisch sei das dann, wenn vor allem an Grundschulen weniger die fachliche sondern vielmehr die pädagogische Arbeit im Vordergrund stehe. Die Gewerkschaft fordert in Berlin eine fairere Verteilung der Quereinsteiger. Deren Zahl, so schätzt die Gewerkschaft, werde in der Hauptstadt hoch bleiben. „Die Decke wird immer dünner und die Not immer größer“ sagt Hanisch.