Personalmangel

Berliner Feuerwachen sind fast alle unterbesetzt

Den Berliner Wachen mangelt es massiv an Personal. Nur fünf sind tatsächlich voll besetzt. Eine Grafik zeigt die ganze Dramatik.

So verläuft eine typische Nachtschicht bei der Feuerwehr

Berlins Feuerwehrmänner arbeiten in Doppelschichten und haben 2016 über 500.000 Überstunden angehäuft. Wir waren eine Nacht dabei.

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Berlin. Wenn wie in der Nacht zu Sonntag ein Sommergewitter über Berlin zieht, kommt die Feuerwehr schnell an ihre Belastungsgrenze und muss den Ausnahmezustand ausrufen. Zu viele Notrufe gehen dann ein. Die Retter geraten damit selbst in Not. Die Feuerwehr kann in solchen Situationen nicht mehr zu jedem Einsatz fahren. Sie fängt dann an, die Einsätze in wichtige und nicht so wichtige Notrufe zu unterteilen. Wie sehr am Limit die Feuerwehr arbeitet, zeigen Zahlen, die der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Marcel Luthe, von der Senatsinnenverwaltung abgefragt und die die Berliner Morgenpost grafisch ausgewertet hat.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Feuerwehr ist in allen drei Direktionen unterbesetzt. Besonders auffällig ist, dass die Zahlen ab dem Jahr 2016 auseinanderklaffen und die Schere zwischen Soll und Ist immer weiter auseinandergeht. In diesen Zeitraum fallen auch die Einführung eines neuen Schichtmodells und Rekordwerte beim Krankenstand – im Schnitt gab es zuletzt pro Person 50 Krankheitstage im Jahr.

Lediglich in fünf Wachen, an der Pasewalker Straße (Pankow), an der Rüdersdorfer Straße (Friedrichshain-Kreuzberg), an der Wilhelm-von-Siemens-Straße (Tempelhof-Schöneberg), der Gasteiner Straße (Charlottenburg-Wilmerdorf) und am Kronprinzessinnenweg (Steglitz-Zehlendorf) stimmen die Soll-Stellenanzahl und die tatsächlichen Stellen überein. Für Innenpolitiker Luthe ist das ein Skandal. Er sagte der Berliner Morgenpost: „Die Zahlen zeigen deutlich, wie die Leistungskraft der Feuerwehr niederbrennt und der Senat nur zusieht. Stattdessen muss endlich entschlossen reagiert werden“. Statt der bisherigen Politik des Innensenators „der Wassereimer gegen einen Großbrand, muss die Feuerwehr eine der vordersten Prioritäten im neuen Haushalt werden“. „Gegenwärtig reichen die Maßnahmen des Senats nicht einmal, das Niveau von 2011 zu halten - und das gefährdet sehenden Auges die Sicherheit der Berliner“, so Innenpolitiker Luthe weiter.

Wieder ein Rekord bei den Einsatzzahlen in Berlin

Auch im vergangen Jahr gab es wieder einen Rekord bei den Einsatzzahlen. Seit mittlerweile zehn Jahren steigen diese rasant an. Insgesamt waren es 2018 knapp 6000 Einsätze mehr als im Jahr zuvor. Die Feuerwehr rückte zu 463.977 Rettungseinsätzen, Krankentransporten und Brandbekämpfungen aus. Den stärksten Zuwachs gab es wie berichtet erneut im Rettungsdienst. Mit einem Plus von knapp 18.500 Einsätzen stiegen die Fahrten auf etwa 390.500. Die Brandbekämpfung macht tatsächlich nur einen sehr kleinen Teil der Arbeit der Berliner Feuerwehr aus.

Die gesamte Konstellation, also die Unterbesetzung auf den Wachen und die steigenden Einsatzzahlen, sind für die Feuerwehr ein Problem. Im Vergleich mit anderen Städten sind in Berlin auch deutlich weniger Kräfte im Einsatz. Beispiel München: In der bayerischen Hauptstadt sind 300 Kollegen pro Schicht im Einsatz. Die Münchner müssen im Gegensatz zu ihren Berliner Kollegen den Rettungsdienst aber nicht mit abdecken. Das heißt: Sie haben wesentlich weniger Einätze als die Hauptstädter. Allerdings haben die Bayern auch eine 52-Stunden-Woche. Die Berliner haben nach Protesten wegen zu hoher Arbeitsbelastung ihre Stundenanzahl von 48 auf 44 Stunden reduziert. Was zur folge hat, dass in Berlin in der Summer noch einmal weniger Feuerwehrleute im Einsatz sind als mit dem alten Modell. Beispiel Hamburg: Es ist halb so groß wie Berlin. Im Einsatz pro Schicht 430 Feuerwehrkräfte. In der Hansestadt gibt es eine 48-Stunden-Woche.

Ausnahmezustand Rettungsdienst
Ausnahmezustand Rettungsdienst

Erschwerend kommt für die Berliner Feuerwehr hinzu, dass in den kommenden Jahren Hunderte Feuerwehrleute in den Ruhestand gehen werden. Bis zum Jahr 2026 quittieren laut einer Prognose der Senatsinnenverwaltung aus dem Anfang dieses Jahres mehr als 1500 Feuerwehrleute ihren Dienst, bis zum Jahr 2021 sind es 500 der insgesamt 4000 Feuerwehrleute.

Diese Welle kann auch durch Einstellungen nicht ausreichend abgefangen werden. Rechnet man die, die aufhören und die, die anfangen sollen auf, ergibt sich nach derzeitigen Berechnungen in den nächsten Jahren nur ein leichtes Plus von wenigen Stellen. Gleichzeitig hat die Lehrakademie schon jetzt ihre Ausbildungskapazität erreicht.