Software

Berliner Start-up will Baubranche digitalisieren

Die Vergabe von Bauaufträgen dauert häufig Monate. Das Start-up Cosuno hat eine Software entwickelt und verspricht schnellere Prozesse.

Die Cosuno-Geschäftsführer Fritz Cramer, Maximilian Seifert und Christoph Berner.

Die Cosuno-Geschäftsführer Fritz Cramer, Maximilian Seifert und Christoph Berner.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Christoph Berner und Fritz Cramer hatten sich viel Zeit genommen. Mehrere Monate lang tauchten sie im vergangenen Jahr tief in Abläufe und Prozesse der Bauindustrie ein. Im Fokus der beiden Unternehmer stand vor allem die Zeit vor dem Baubeginn. Berner und Cramer erkannten, dass in der Phase vor dem ersten Tag auf einer Baustelle mitunter viel Zeit verloren geht – und wollten das ändern.

Ein Büro an der Torstraße in Mitte Anfang Juli: Christoph Berner sitzt in einem repräsentativen Altbau-Zimmer an einem Tisch. Berner hat nach seiner tiefgreifenden Analyse der Bauindustrie gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern Fritz Cramer und Maximilian Seifert das Unternehmen Cosuno gegründet. Erst vor ein paar Tagen konnte die junge Firma den Abschluss einer Finanzierungsrunde vermelden. Jetzt stellen Investoren einen einstelligen Millionenbetrag zur Verfügung, um die Vision der Gründer in die Tat umzusetzen. Cosuno will die Baubranche digitalisieren und setzt bei der Vergabe von Aufträgen und dem Einholen von Angeboten an.

Baubranche in Berlin ist gut ausgelastet

In Berlin wächst die Branche seit einigen Jahren. Bauprojekte gibt es an vielen Stellen in der Stadt. Rund 15.000 Mitarbeiter beschäftigen allein die Bauunternehmen mit Sitz in der deutschen Hauptstadt, bescheinigen neuste Zahlen des Bauindustrieverbands Ost. Deutlich mehr Menschen sind aber auf Baustellen in Berlin tätig, weil die Stadt mit ihren zahlreichen Projekten Unternehmen aus ganz Deutschland und Europa anzieht. Zuletzt hatten die Firmen aufgrund der gestiegenen Nachfrage weitere Kapazitäten aufgebaut. Nur mit der Digitalisierung ist es häufig nicht weit her. Cosuno sieht deswegen auch die Chance, eine der letzten Branchen mit milliardenschweren Umsätzen zu digitalisieren. „Vor allem bei Einkauf und Kalkulation gibt es noch viele manuelle Prozesse. Mit unserer Software bringen wir mehr Schnelligkeit und mehr Transparenz in den Angebotsprozess“, sagt Mitgründer Christoph Berner.

Mehrere Monate vergehen häufig, bis die sogenannten Generalunternehmer Kalkulationen von allen Gewerken eingeholt und Zuschläge erteilt haben. Cosuno hat den Prozess nun mithilfe einer Softwarelösung neu gedacht. Warum die Idee den Investoren rund um den Risikokapitalgeber Cherry Venture, der unter anderem auch an den Berliner Vorzeige-Gründungen Flixbus und Auto1 beteiligt ist, so gut gefällt, will Cosuno-Mitgründer Christoph Berner erklären.

Marktplatz für General- und Nachunternehmer

Das Programm von Cosuno ist gewissermaßen ein digitaler Marktplatz. Generalunternehmer (GU), die einen Bauauftrag gewonnen haben, können mithilfe der Software, Aufträge an Nachunternehmer vergeben. Bei Hochbauten etwa sind zum Teil 30 bis 40 weitere Firmen beteiligt, etwa Dachdecker, Gerüstbauer, Maler oder Klempner. Aufgabe des Generalunternehmers ist es, Angebote einzuholen, über Aufträge zu entscheiden und auch den Einsatz auf der Baustelle zu koordinieren sowie den Fortschritt der Arbeiten zu überwachen. Letztendlich soll der sogenannte GU zudem dafür sorgen, dass das Bauprojekt auch im Kosten- und Zeitrahmen bleibt.

Mit Cosuno soll die Verwaltung von Bauvorhaben wesentlich einfacher ablaufen als bislang – und so Zeit sparen. Mit wenigen Klicks können Generalunternehmer und Projektentwickler etwa Anfragen an unterschiedliche Gewerke versenden. Mögliche Nachunternehmer haben wiederum die Möglichkeit direkt über die Plattform zu antworten. Die digitale Lösung trage auch der derzeitigen Auftragslast in der Baubranche Rechnung, sagt Berner. Mithilfe des von Cosuno erstellten Exposés solle der Nachunternehmer mit einem Blick erkennen können, ob der Auftrag interessant ist.

Testphase soll bis Ende dieses Jahres andauern

Derzeit befindet sich die Firma noch in einer Pilotphase mit einigen Generalunternehmen und Handwerksbetrieben. Beteiligt sind daran auch Firmen aus Berlin. Ende dieses Jahres soll die Testphase abgeschlossen sein. Dann will Cosuno in den Markt eintreten. Geld will das junge Start-up dann über ein Lizenzmodell verdienen. Generalunternehmen sollen dann eine Gebühr pro Nutzer und Monat bezahlen. Nachunternehmer werden das Programm hingegen zunächst kostenlos nutzen können.

Die drei Cosuno-Gründer sind nicht neu in der Start-up-Landschaft. Christoph Berner etwa hat vor Cosuno bereits für die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet, die Lieferplattform Foodora und das inzwischen insolvente Umzugs-Start-up Move24 gearbeitet. Für Cosuno hat Berner aber gewissermaßen noch einmal neu angefangen. Bei dem Neustart hat auch der Mittelständler Peri geholfen. Der Spezialist für Schalungs- und Gerüstsystemen aus Weißenhorn (Bayern) hat Berner und seinem Mit-Gründer Fritz Cramer 2018 mehrere Monate einen Blick hinter die Kulissen gewährt. Berner und Cramer konnten so genau beobachten, wie das Erstellen von Angeboten funktioniert und wo sich die größten Risiken befinden, die letztlich dazu führen können, dass die Baukosten steigen.

Die Vergabestelle des Landes Berlin hat von dem neuen Angebot zunächst nichts

Auch Peri, fast 10.000 Mitarbeiter und rund 1,6 Milliarden Euro Jahresumsatz, setzt nun große Stücke auf die neue Software aus Berlin und ist auch an Cosuno beteiligt. Peri-Geschäftsführer Fabian Kracht: „Wir glauben, dass Generalunternehmer durch Cosuno in der Lage sein werden, ihren Einkaufsprozess um ein Vielfaches effizienter zu gestalten.“

Cosuno richtet sich an die private Wirtschaft. Die Vergabe von öffentlichen Aufträgen hingegen steht zunächst nicht im Fokus. Dafür gebe es eigene öffentliche Portale, über die Angebote abgegeben werden können, sagt Berner. Zudem müssen bei öffentlichen Aufträgen mehr Formalitäten beachtet werden. Der Senat in Berlin hatte in den vergangenen Wochen ein neues Vergabegesetz vorgelegt. Mit der neuen Richtlinie sollen die Bauaufträge des Landes auch für kleinere Unternehmen attraktiver werden. Die Wirtschaft allerdings äußerte sich skeptisch: Vor allem die zahlreichen vergabefremden Kriterien würden die Firmen eher abschrecken.

Maschinen werden Bauarbeiter nicht ersetzen

Gründer Christoph Berner sieht die Digitalisierung der Bauwirtschaft längst noch nicht am Ende. Es gebe noch viele Prozesse rund um die Baustelle, die digitalisiert werden könnten. Berner nennt die Logistik als Beispiel: Wer, wo, wann an einem Projekt arbeite, könne mit digitalen Helfern noch effektiver gesteuert werden, ebenso der Materialeinsatz. Potenzial, Bauprojekte zu beschleunigen, sieht der Absolvent der Ludwigs-Maximilian-Universität München auch im 3D-Druck sowie beim Bau mit Fertigelementen. Dennoch habe die Digitalisierung in der Branche Grenzen. Dass irgendwann Maschinen die Bauarbeiter komplett ersetzen, hält Berner für unwahrscheinlich.