Arbeitsmarkt

„Die meisten Menschen finden Jobs“

Der Chef der regionalen Arbeitsagenturen, Bernd Becking, zieht geförderte Stellen in Firmen dem Solidarischen Grundeinkommen vor.

Bernd Becking, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, mit dem Buddy Bären im Foyer des Dienstgebäudes an der Friedrichstraße

Bernd Becking, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, mit dem Buddy Bären im Foyer des Dienstgebäudes an der Friedrichstraße

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Berlin. Montags geht es bei Bernd Becking im Büro immer erst einmal um Fußball. Mit einer Mitarbeiterin, die das gleiche Hobby hat, fachsimpelt der passionierte Fußball-Schiedsrichter über die Erlebnisse des Wochenendes. Viel Zeit bleibt dafür aber nicht, denn Becking leitet die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Der frühere Bundeswehroffizier muss die Arbeitslosen der Region mit neuen Jobs versorgen.

Herr Becking, der Regierende Bürgermeister Michael Müller sagt, er möchte in Berlin Vollbeschäftigung erreichen. Halten Sie das für realistisch?

Bernd Becking: Ohne Ziele kann man keine Strategien entwickeln und Wege aufzeigen. Insofern halte ich das für richtig. Der Aufbau sozialversicherungspflichtiger Stellen in Berlin hat sich aber verlangsamt. Mit 3,4 Prozent plus zurzeit sind wir immer noch Spitze in Deutschland. Wir hatten schon über vier Prozent. Das war ein Zuwachs von 57.000 sozialversicherungspflichtigen Jobs pro Jahr. Wir werden uns einpendeln zwischen 45.000 und 49.000, wovon andere träumen. Auch die Arbeitslosigkeit wird schwächer zurückgehen als in den letzten Jahren. Neuerdings kommen mehr Menschen als früher in die Arbeitsagenturen, weil sie ihren Job verloren haben.

Woran liegt das?

Wir haben in bestimmten Branchen große Veränderungen. Beispielsweise wird der Tabakkonzern Phillip Morris in Neukölln schließen. Aber auch in der Digitalwirtschaft sehen wir das, etwa bei PayPal. In den Berliner Arbeitsagenturen haben wir deshalb aktuell 2300 Kunden mehr. Aber in der Grundsicherung, also in den Jobcentern, findet weiterhin ein Abbau statt. Deshalb geht die Arbeitslosigkeit insgesamt – zwar moderat - weiter zurück.

Finden denn die Menschen, die jetzt ihren Job verlieren, neue Stellen?

In der Regel ja. Das ist uns bei Air Berlin gelungen oder bei Germania. Nicht jeder wird immer sofort einen Job finden, wenn man jahrelang dasselbe in einem Betrieb gemacht hat. Wir versuchen zwar, sofort zu vermitteln. Wo das nicht klappt, geht es dann zeitnah um Qualifizieren und Fitmachen. Aktuell haben wir in Berlin 27.000 offene Stellen, und es kommen immer wieder neue als Zugänge hinzu.

Derzeit haben wir 7,8 Prozent Arbeitslosenquote. Schafft Berlin es noch unter die sieben Prozent in diesem Jahr?

Da bin ich zurückhaltend. Es kommt zwar die Herbstbelebung mit einem frühen Ferienende. Aber wir werden eher in den Siebenern bleiben.

Das Solidarische Grundeinkommen als neues Element ist gestartet. Der Regierende Bürgermeister hat das sehr hoch gehängt als Mittel, um Hartz IV zu überwinden. Was erwarten Sie davon?

Wir haben gute Vereinbarungen dazu getroffen. Es gilt zunächst, das neue Teilhabechancengesetz des Bundes umzusetzen. Das richtet sich ebenfalls an Langzeitarbeitslose. Bevor wir geeignete Kandidaten für das Solidarische Grundeinkommen vermitteln, müssen Prioritäten in der richtigen zeitlichen Reihenfolge abgearbeitet sein: Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt und – wo erforderlich – berufliche Qualifizierung für den ersten Arbeitsmarkt sowie das Teilhabechancengesetz mit seinem Fokus auf die Berliner Unternehmen. Wenn das nicht zum Erfolg führt, dann kann die Vermittlung auf Jobs des Solidarischen Grundeinkommens bei den Landesbetrieben, Bezirken oder gemeinnützigen Trägern für Menschen sinnvoll sein, um den Wiedereinstieg zu finden, zumal sie auch dort begleitet und gecoacht werden. Es bleibt bei unserer gemeinsamen Sicht, dass die Menschen am besten vor Altersarmut geschützt werden, wenn sie sozialversicherungspflichtig am ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind und dort gutes Geld verdienen.

Gelingt Ihnen das denn besser als früher?

Trotz Beitragssenkung haben wir dafür das nötige Geld. Qualifizieren und Fitmachen ist das Gebot der Stunde, um die Menschen schnellstmöglich wieder einzugliedern oder überhaupt zu befähigen, damit sie Chancen bekommen. Unser Budget für die Eingliederung liegt in den Arbeitsagenturen bei 142 Millionen Euro und damit um zehn Prozent über 2018. Die Jobcenter haben dafür 468 Millionen, das sind neun Prozent mehr. Qualifizierung oder gar Nachholen von Berufsabschlüssen machen Sinn. So hatte zum Beispiel mehr als ein Drittel der Geförderten aus der Grundsicherung sechs Monate nach Abschluss der Qualifizierung immer noch eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Diese Aktivitäten haben Vorrang und werden vom Solidarischen Grundeinkommen nicht beeinträchtigt.

Mit dem Teilhabechancengesetz sollen die Menschen nicht nur in öffentlichen, sondern vor allem in privaten Betrieben arbeiten. Wie ist das angelaufen?

Wir fördern in Berlin seit Januar bereits 1900 Menschen im Teilhabechancengesetz, in Brandenburg über 500. Sie alle waren mindestens sechs Jahre arbeitslos im Leistungsbezug bei den Jobcentern und haben jetzt für fünf Jahre eine von uns zunächst zu 100, später auf 70 Prozent Förderung sinkende Stelle in Betrieben. Dazu kommen weitere 200 ehemalige Arbeitslose, die mindestens zwei Jahre Grundsicherung erhalten hatten. Es gibt ein zunehmendes Interesse von Handelsketten, Gebäudemanagern, Sicherheitsunternehmen sowie Pflegediensten, und es melden sich die ersten Handwerksbetriebe. Wir hoffen, dass diese Menschen auch nach der Förderung mit Coaching und Weiterbildung in den Unternehmen bleiben werden.

Wie viele Vermittlungen von Langzeitarbeitslosen in solche Jobs könnten Sie anbieten?

Wenn wir im ersten Jahr bis zu 5000 schaffen könnten, wäre das gut zu finanzieren. Auch über fünf Jahre hinweg. Unsere Erfolge sprechen sich herum und machen Mut – bei Arbeitgebern und den betroffenen Menschen, die in der neuen Umgebung nicht allein gelassen werden, da gegenseitiges Vertrauen am Arbeitsplatz entscheidend ist. Der Auswahlprozess ist gut vorbereitet. Die Teilnahme am Programm ist freiwillig, es gibt keine Sanktionen, die hier auch gar keinen Sinn machen würden.

Über Sanktionen wird ja generell diskutiert. Herr Müller will die vor allem für junge Leute abschaffen. Wie stehen Sie dazu?

Da haben wir eine glasklare Meinung: Es bleibt eine politische Entscheidung. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für Jugendliche – das wäre nämlich eine Grundsicherung ohne Sanktionen – wäre jedoch angesichts der Demografie und des Fachkräftebedarfs äußerst zweifelhaft. Solidarität ist keine Einbahnstraße. Wer hart arbeitet und die Grundsicherung durch Steuern mitfinanziert, hat wenig Verständnis dafür, wenn junge Leute sagen, sie hätten keine Zeit, sich mit Ausbildung oder Arbeit auseinanderzusetzen. 27.000 offene Stellen führen natürlich zu mehr Einladungen zu Gesprächen, um diese Chancen anzubieten. Bei aktuell 7000 noch unbesetzten Ausbildungsstellen gibt es gerade kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres noch viel mit den Jugendlichen zu besprechen, zu beraten und zu erklären. Fernbleiben muss dann schon nachvollziehbar erklärt werden. Trotzdem gilt auch: Härtere Sanktionen für Jugendliche im Vergleich zu anderen, wie derzeit gesetzlich vorgeschrieben, sind unnötig.

Aber trotz Sanktionen sind immer noch 8,5 Prozent der Berliner Jugendlichen unter 25 arbeitslos …

Die Jugendarbeitslosigkeit ist weiter schmerzlich hoch. Berlin ist in Deutschland schon länger Schlusslicht unter den 15- bis 20-Jährigen mit 10,3 Prozent. Bei den 20- bis 25-Jährigen sind wir das mit 8,1 Prozent nicht mehr. Weil in den Berliner Arbeitsagenturen und Jobcentern konsequent mit den Jugendlichen an deren Potenzialen gearbeitet wird, um aufzuholen, was vorher versäumt wurde. Jedes Jahr mehrere Tausend Jugendliche ohne Schulabschluss oder Ausbildungsreife, an manchen Schulen jeder vierte Jugendliche ohne Schulabschluss birgt ein hohes Risiko von Bildungsarmut und Einstieg in einen Teufelskreis: prekäre Jobs, Langzeitarbeitslosigkeit, Altersarmut. Auch die Jugendberufsagentur, die nicht als Reparaturbetrieb für die Schule konzipiert ist, ist dann überfordert.

Wie bewerten Sie die Bereitschaft der Unternehmen, junge Leute auszubilden?

Wir haben jedes Jahr 22.000 ausbildungsreife Bewerber. Aber es werden nur 15.600 betriebliche Ausbildungsverträge abgeschlossen. Dadurch müssen wir mit Alternativen Wartezeiten überbrücken, da später ausbildungslos häufig arbeitslos bedeuten würde. Auch wenn in den letzten drei Jahren fast 1000 Plätze mehr angeboten wurden, würden wir uns wünschen, dass mehr Ausbildungsplätze gemeldet würden. Viele Berliner Betriebe verlassen sich noch lieber auf den Zuzug, als selber auszubilden.

Berlin gilt ja als Hauptstadt der prekären Beschäftigung. Steigen mit dem Beschäftigungsboom auch die Löhne?

Ja. Wir haben in den letzten Jahren den Abstand zum Durchschnitt des Bundes verringert. Wir liegen bei den durchschnittlichen Monatseinkommen nur noch 62 Euro zurück. Auch in den unteren Lohngruppen ist Bewegung. Aber es gilt unverändert: Wer keine Ausbildung hat, verdient wenig. Das Forschungsinstitut IAB hat errechnet: Der Unterschied zwischen einem Facharbeiter und Ungelernten beträgt am Ende eines Arbeitslebens 300.000 Euro.

Die Bundesregierung gibt auch mehr Geld aus für Qualifizierung und Weiterbildung. Wie wird das hier angenommen?

Das „Qualifizierungschancengesetz“ gilt seit Januar. Es ist aus meiner Sicht sehr relevant für die nächsten Jahre. Es zielt primär darauf ab, Menschen fit im Job zu halten oder sie bestmöglich auf einen Wechsel vorzubereiten, falls dies unabdingbar ist. Risiken der Arbeitslosigkeit als Folge von Strukturwandel können so frühzeitig – noch im Job – begegnet werden. Kleine Betriebe unter zehn Mitarbeitern, also 90 Prozent aller Berliner Unternehmen, bekommen Weiterbildungskosten zu 100 Prozent erstattet. Zudem erhalten die Betriebe 75 Prozent des Arbeitsentgeltes als Kompensation für den Arbeitszeitausfall. Bei großen Firmen ist die Förderung niedriger. In Berlin verzeichnen wir eine steigende Nachfrage, es sind bereits über 300 Personen im Programm. Wir müssen dieses Instrument bekannter machen. Aber vor allem benötigen gerade die kleinen Unternehmen noch Orientierung, wohin sie qualifizieren sollen. Wir sehen ja gerade mehrere Branchen in einer Phase starker Umbrüche und Unsicherheiten.

Bald sollen verstärkt ausländische Fachkräfte nach Deutschland zuwandern dürfen. Wie sind Sie darauf vorbereitet?

Wir sind dabei, mit Partnern den „Business Immigration Service“ zu etablieren – übrigens die erste Fachkräfteeinwanderungsbehörde eines Bundeslandes. Dort soll unter einem Dach „Hand in Hand“ für den Zuzug von nicht EU-Ausländern so zügig und eng zusammengearbeitet werden, dass wir in Konkurrenz zu anderen Regionen attraktiv bleiben. Das Zuwanderungsgesetz wird ab Januar 2020 in Kraft treten. Bisher hat sich Berlins Arbeitsmarkt ohnehin bereits internationalisiert. In 2018 betrug der Anteil der ausländischen Beschäftigten 214.000, das sind fast 15 Prozent, er ist seit 2014 um 95.000 Menschen gewachsen – ein stärkerer Anstieg als im Bundesgebiet. Das bleibt hoffentlich so.

Wie läuft die Integration der Flüchtlinge?

Wir haben inzwischen zirka 15.000 Geflüchtete in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Im dritten Jahr nach der großen Flüchtlingswelle 2015 haben wir rund 30 Prozent integriert. Dazu haben viele beigetragen. Das Forschungsinstitut IAB hatte berechnet, dass wir nach fünf Jahren die Hälfte der Arbeitsfähigen integrieren könnten, wenn wir die Herausforderung gut managen. Wir liegen also auf Kurs. Immer mehr Flüchtlinge gehen auch in die Ausbildung, inzwischen sind 850 Jugendliche in einer Ausbildung. In Brandenburg sind wir übrigens mit 5000 integrierten Geflüchteten und 550 geflüchteten Jugendlichen in Ausbildung genauso erfolgreich. Ich würde mir wünschen, dass dieser wertvolle Beitrag zur Arbeitskräftesicherung in einem durch die Demografie risikoreichen Arbeitsmarkt noch bekannter wird und Populisten weniger Gehör finden.

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