Nachtzüge bei den ÖBB

„Der neue Zeitgeist gibt uns perspektivisch recht“

Während die Deutsche Bahn seit 2016 keine Nachtzüge mehr fahren lässt, bauen Österreichs Bahnen ihr Angebot sogar noch weiter aus.

Kurt Bauer, Leiter Fernverkehr der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

Kurt Bauer, Leiter Fernverkehr der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

Foto: Thomas Fülling

m Jahr 2016 hat die Deutsche Bahn den traditionellen Nachtzugverkehr mit Schlaf- und Liegewagen komplett aufgegeben. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) setzen gleichzeitig auf eine andere Strategie. Sie bauen ihr Angebot aus – auch in Deutschland. Zuletzt wurde von ihnen die zuvor eingestellte Nachtzug-Verbindung von Berlin nach Wien und Budapest wiederbelebt. Die Berliner Morgenpost sprach mit Kurt Bauer, dem Leiter Fernverkehr der ÖBB Personenverkehrs AG, über den Nachtzug und die weiteren Pläne.

Herr Bauer, seit Dezember 2018 fährt der „Metropolitan“ wieder – ein Nachtzug, der die deutsche Hauptstadt Berlin mit den Hauptstädten der Nachbarländer Österreich, Ungarn und Slowakei verbindet. Wie wird denn das Angebot angenommen?

Kurt Bauer: Wir liegen da im Business-Plan. Vor allem an den Wochenenden und zu den Ferienzeiten sind die Züge gut ausgelastet. Aber ich kann noch keine Jubel-Meldung verkünden. Man muss sehen, dass gerade von und nach Wien viele Billigfluggesellschaften fliegen. Das macht uns zu schaffen. Verkehrspolitisch ist das mehr als fragwürdig, was da passiert.

In Europa gibt es aktuell aber eine breite gesellschaftliche Debatte über mehr Klimaschutz. Auch das gewohnte Reiseverhalten steht dabei auf dem Prüfstand. Bahn statt Flug ist etwa das Motto, das inzwischen nicht nur in Schweden viel Zustimmung findet. Eine Reise in einem Nachtzug etwa zwischen Berlin und Wien oder Berlin und Zürich wäre doch eine echte Alternative zum Flugzeug?

Noch schlägt sich diese Diskussion nicht ganz in unseren Reisenden-Zahlen nieder. Wie schon 2017 haben wir 2018 mit unseren Nightjets rund 1,4 Millionen Fahrgäste befördert. Die Auslastung unserer Züge liegt zwischen 55 und 60 Prozent. Da gibt es noch Potential, aber es reicht für ein ausgeglichenes Ergebnis. Der neue Zeitgeist gibt uns perspektivisch aber recht. Wir gehen davon aus, dass künftig mehr Menschen auch innereuropäisch umweltbewusst reisen wollen. Mit unserem Nightjet-Netz haben wir ein gutes Angebot dafür.

Ihre Schlafwagenflotte ist inzwischen auch schon etwas in die Jahre gekommen. Das könnte einige Reisende abschrecken, den Nachtzug zu nehmen …

Ja, das ist so. Einige Liegewagen, die wir 2016 von der Deutschen Bahn übernommen haben, sind mittlerweile 35 Jahre alt. Die ÖBB werden in den kommenden Jahren aber kräftig investieren. Wir haben Siemens einen Großauftrag mit einem Gesamtwert von 365 Millionen Euro erteilt. Ab 2021 werden 21 neue Züge geliefert, darunter 13 Züge speziell für den Nachtzugverkehr. Mit ihnen werden wir das Angebot für die Reisenden spürbar verbessern. So wird etwa im Schlafwagen künftig jede Kabine mit einer Dusche ausgestattet sein, heute gibt es das nur in Deluxe-Abteilen. In den neuen Liegewagen wird es nur noch Abteile mit vier statt derzeit sechs Liegen geben. Ein Angebot, das vor allem für Familien mit Kindern interessant sein dürfte. Völlig neu werden die Mini-Suiten sein, das sind kleine Abteile mit nur einem Bett. Mit dieser neuen Zwischenklasse wollen wir der Nachfrage der zunehmenden Zahl von Einzelreisenden besser gerecht werden.

Wo sollen denn die neuen Züge eingesetzt werden?

Zunächst werden wir altes Rollmaterial rasch ausmustern und durch die neuen Züge eins zu eins ersetzen. Das wird die bestehenden Verbindungen aufwerten. Aber wir werden auch die Möglichkeit haben, neue Strecken anzubieten. In Diskussion sind mehrere mögliche Verbindungen wie zum Beispiel in die Niederlande oder nach Schweden, voraussichtlich ab dem Fahrplanwechsel 2021/22. Unser großer Vorteil ist: Wir haben mit Siemens einen großen Rahmenvertrag. Wenn es die Verkehrspolitik ernst meint mit dem Ausbau des Nachtzugverkehrs in Europa sind wir die ersten, die das auch umsetzen können.

Sind da auch neue Verbindungen von und nach Deutschland geplant? Die Deutsche Bahn hatte ja einst einen sehr beliebten Autoreisezug, der von Berlin bis nach Villach in Kärnten fuhr.

Der Nachtzug ist ein komplexes Angebot, die Nachfrage sehr saisonabhängig. Wir konzentrieren uns in Deutschland darauf, die bestehenden Verbindungen rentabel zu machen. Der Autoreisezug ist dabei ein interessantes Angebot, wird er doch vor allem von einer sehr zahlungskräftigen Kundengruppe genutzt. Etwa von Oldtimer-Besitzern, die mit ihrem Auto oder ihrem Motorrad zu einer Rundreise nach Italien wollen. Allerdings ist das ein Geschäft, das sich nicht das ganze Jahr über trägt. Zudem macht uns derzeit zu schaffen, dass die Deutsche Bahn massiv die Preise für die Autoverlade-Terminals in Hamburg und Düsseldorf anheben will. Wir müssen aber wirtschaftlich arbeiten. Für eine Wiederbelebung des Autoreisezuges Berlin–Villach fehlen uns schlicht die Wagen für den Autotransport. Wir müssten sie woanders wegnehmen, das wollen wir aber nicht.

Wie sind die weiteren Aussichten für die Nachtzugverbindung Berlin-Wien?

Es wird sie auf jeden Fall auch im kommenden Fahrplan 2019/20 weiter geben. Allerdings sind in Polen im nächsten Jahr mehrere große Baustellen geplant, dadurch wird die Fahrzeit etwas länger. Das hilft nicht gerade der Produktivität. Aber wir haben ja auch noch eine tägliche ICE-Verbindung mit einer attraktiven Fahrzeit zwischen Berlin und Wien, die über die Neubaustrecke durch den Thüringer Wald führt. Mit dieser Verbindung sind wir sehr zufrieden. Und wir planen eine dritte Verbindung von Wien nach Berlin, die über Prag führt. Wir hoffen, diese rasch umsetzen zu können.

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