Reisen mit der Bahn

Im Schlaf Europa entdecken - eine Hommage an den Nachtzug

Nachtzüge können viel Verspätung haben. Trotzdem gibt es keine bessere Art des Reisens. Eine Liebeserklärung von Martin Nejezchleba.

Martin Nejezchleba ist großer Fan des Nachtzugs

Martin Nejezchleba ist großer Fan des Nachtzugs

Foto: Reto Klar/dpa/BM Montage

Berlin. Eins vorneweg: Dies ist eine Liebeserklärung an den Nachtzug. Und wie das in einer guten Beziehung so ist: Es gibt auch mal Ärger. Aber dazu später mehr. Erstmal das große Ganze.

Wir leben in Zeiten von Klimawandel und Flugscham. Gibt es da eine attraktivere Form des Reisens, als CO2-arm durch die Nacht geschaukelt zu werden, den innereuropäischen Grenzübertritt einfach zu verschlafen, in Paris, Zürich oder Mailand aufzuwachen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Und ich weiß, wovon ich schreibe.

Ich habe viele Jahre in Prag gelebt, habe von dort aus im Schlaf Teile Osteuropas erkundet. Allein diese Zugnamen: Mit dem EN Bohemia von der Moldau in die Hohe Tatra in der Slowakei. Im EN Metropol in Prag einschlafen, in Budapest aufwachen. Von dort tagsüber nach Belgrad. Von Belgrad mit dem EN Hellas in die nordmazedonische Hauptstadt Skopje.

Mit dem Nachtzug durch Europa: Entspannter geht es nicht

Glauben Sie mir: Entspannter geht es nicht. Mit Sicherheit nicht auf einer 24-stündigen Fahrt in einem Bus voll mit mannsgroßen Plastiktaschen und Wanderarbeitern, von Prag ins moldawische Chisinau. Auch nicht, wenn einem nach neun Stunden auf nächtlichen Autobahnen nach Slowenien die Augen brennen. Vielleicht im Flugzeug. Wären da nicht die Warteschlangen, überfüllte Flughafenbusse – und ein ökologischer Fußabdruck gigantischen Ausmaßes. Entsprechend entspannt begann meine letzte Nachtzugfahrt in Bratislava.

Zugegeben, der Plan war ambitioniert: Für 49 Euro wollte ich um 22.10 Uhr ein- und um 9.16 Uhr in Berlin aussteigen. Bleiben 45 Minuten für den Weg zur Arbeit.

Meine Schenkel brennen noch von den Skitouren im slowakischen Hochgebirge. Ich bin erschöpft. Sturmtief Eberhard ist das egal. In Deutschland hat es schon den halben Zugverkehr lahmgelegt. Mein Nachtzug fährt mit einer halben Stunde Verspätung in den Bahnhof ein. Es ist ein bunter Waggonmix aus slowakischen, ungarischen und österreichischen Zugteilen. Später in der Nacht sollen noch tschechische und polnische hinzugekoppelt werden. Die rollende europäische Einigung sozusagen.

Mein Liegeplatz ist reserviert, ich gebe mein Zugticket bei der ungarischen Reisebegleiterin ab. Sie wird sich in der Nacht um diverse Fahrkartenkontrollen kümmern. Mein Bett hat sie dankenswerterweise auch schon gemacht. Zähneputzen in der Waschecke auf dem Gang. Dann falle ich in einen traumlosen Schlaf. Dass der Raum im billigen Sechser-Abteil sehr knapp bemessen ist, kriege ich nicht mehr mit.

Fünf Stunden Verspätung im Nachtzug: Meiner Liebe hat das nicht geschadet

Um kurz nach 8 Uhr morgens schrecke ich auf. Sonst weckt einen schon mal das Poltern auf osteuropäischen Schienen oder das Umkuppeln in Rangierbahnhöfen. Heute nicht. Wir stehen. Durch die Gardinen blinzelt die Sonne. Dahinter platte, braune Heide. Brandenburg, denke ich. Dann setzte ich die Brille auf und merke: Selbst für Brandenburg klingt der Ortsname auf dem Bahnsteig etwas sehr Polnisch. Die Zugbegleiterin erklärt: Wir sind kurz hinter Katowice. Gute 300 Schienenkilometer von Berlin entfernt. Und da werden wir noch eine Stunde stehen.

Es gibt Kaffee und einen gummiartiges Croissant aus der Plastiktüte. Eine Weile ärgert man sich gemeinsam mit den Mitfahrern. In meinem Waggon ist das eine Sozialarbeiterin aus Berlin, Ende 40. Und ein Ungar, der in Berlin als Software-Entwickler arbeitet, Anfang Dreißig. Und irgendwann beschließt man, dass einen das Ärgern auch nicht näher ans Ziel bringt. Wir klappen die Liegen zu Sitzen um. Reden über Berlin, über unsere Kinder, über Start-ups, soziale Brennpunkte, Journalismus, unsere Mieten. Über Orbán und die Abschottung von der Europäischen Union. Über Familienstreitigkeiten. Man kann sagen: Drei fremde Berliner, geboren in drei verschiedenen europäischen Ländern, reden über Stunden über Gott und die Welt.

Am Ende komme ich mit fünf Stunden Verspätung in Berlin an. Und denke: Meiner Liebe zu Nachtzügen hat das nicht geschadet. Im Gegenteil.

Mehr zum Thema:

Für den Klimaschutz auf die Schiene - Comeback des Nachtzugs

„Der neue Zeitgeist gibt uns perspektivisch recht“