Sicherheit in Berlin

Barbara Slowik - Polizeipräsidentin am Scheideweg

Seit über einem Jahr ist Barbara Slowik Berlins Polizeichefin. Schon jetzt hat sie mehr auf den Weg gebracht als ihre Amtsvorgänger.

Barbara Slowik hat als Berlins Polizeipräsidentin schon einiges bewirkt.

Barbara Slowik hat als Berlins Polizeipräsidentin schon einiges bewirkt.

Foto: Reto Klar

Berlin. Dass die Juristin Barbara Slowik, die seit diesem Sommer gut ein Jahr im Amt ist, schon sehr viel länger mit der Arbeit der Berliner Polizei vertraut ist, als ihre Kritiker ihr zugestehen wollen, erfährt man im Soldiner Kiez in Gesundbrunnen. Dort, im Abschnitt 36 an der Pankstraße, hängt im Flur eine Pinnwand mit vielen Fotos.

Auf einem der Bilder – es ist aus dem Jahr 2014 und schon leicht vergilbt – sieht man Polizisten gemeinsam mit dem damaligen Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der sich in dem Problemviertel mehrere Präventionsprojekte anschaute. Klein, in der zweiten Reihe, hinter dem Innenminister und den Polizisten, sieht man halb verdeckt Barbara Slowik. Damals arbeitete sie noch als Referatsleiterin für Grundsatz- und Rechtsangelegenheiten der Terrorismusbekämpfung im Innenministerium. In den vergangenen Jahren entwickelte sich der ehemalige Problemkiez durch Projekte wie dem Kiezbezogenen Netzwerkaufbau zum Vorzeigeprojekt der Präventionsarbeit. Jugendliche, die sich früher ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei lieferten, spielen heute mit den Polizisten Fußball. Polizisten sagen, Barbara Slowik habe die Chance, die in dieser Arbeit liegt, weit vor vielen anderen erkannt. Sie gilt als eine der größten Unterstützerinnen der Präventionsprojekte im Viertel.

Warum ist diese Geschichte so wichtig? Sie steht symptomatisch für die Arbeit der Polizeipräsidentin, die bekannt dafür ist, dass sie sich vor Ort gern selbst ein Bild macht und keine Angst vor Veränderungen hat. Regelmäßig, meistens an einem Donnerstag, besucht die 53-Jährige die Polizei-Abschnitte in Berlin und sucht Kontakt zu den Polizisten. Schon jetzt, nach einem Jahr, hat sie bei der Berliner Polizei mehr Reformen auf den Weg gebracht als andere Polizeipräsidenten in ihrer gesamten Amtszeit. Kritiker von Slowik sagen aber, dass sie, im Gegensatz zu ihren Vorgängern, auch volle Kassen und den politischen Rückhalt des Innensenators habe. Gerade bei Klaus Kandt, ihrem Vorgänger im Amt, sei das nicht der Fall gewesen. Obwohl Kandt zuweilen als unterkühlt und wenig volksnah galt, nehmen viele Polizisten dem Innensenator Andreas Geisel (SPD) den würdelosen Rauswurf von Kandt bis heute übel.

Polizeipräsidentin Barbara Slowik: Die Strukturreform ist das wichtigste Projekt

Für Polizeipräsidentin Barbara Slowik ist der absolute Rückhalt aus der Innenverwaltung indes ein zweischneidiges Schwert. Das sieht man an ihrem größten Projekt – der Polizeistrukturreform. Der Umbau der 25.000-Mann-Behörde ist ihr Mammut-Vorhaben, das gelingen muss, und ihr in der Behörde zum ersten Mal seit ihrer offiziellen Amtseinführung vor einem Jahr auch viel Gegenwind beschert. Der kommt vor allem von Beamten aus der Direktion 3, die zerschlagen und zu großen Teilen in einer „Direktion City“ aufgehen soll. Beamte befürchten, dass kleinteilige Strukturen, die zur Bekämpfung von Alltagskriminalität wichtig sind, zugunsten prestigeträchtiger Großprojekte geopfert werden. Das heißt im Klartext: Die Polizei richtet ihr Augenmerk künftig auf die Brennpunkte, vernachlässigt aber die Bekämpfung kleinerer Delikte in den weniger bekannten Kiezen. Alltagskriminalität würde dadurch vernachlässigt, lautet einer der Vorwürfe.

Für Slowik ist das ein Problem. Zwar tragen viele Teile der Reform ihre Handschrift – etwa, wenn es um eine strategischere Ausrichtung der Polizeiführung oder um eine Neu-Organisation der Abteilung für Terrorismusbekämpfung beim Landeskriminalamt (LKA) geht. Aber gerade die Umstrukturierung der Direktionen sehen Polizisten, Innenpolitiker und Gewerkschaften bis heute kritisch. Hinter vorgehaltener Hand wird gesagt, dass dieser Teil der Reform vor allem der Wunsch des Innensenators und weniger der der Polizeipräsidentin gewesen sei. Slowik selbst sei in der „Radikalität“ der Strukturreform überrascht worden, heißt es. Denn es gab durchaus auch andere Modelle.

Berliner Polizei soll jünger und internationaler werden

In diesem Konflikt muss sich Slowik, so heißt es in ihrem Umfeld, durchsetzen. Sie steht am Scheideweg, denn sie muss sich jetzt auch von der Senatsinnenverwaltung emanzipieren. Das ist nicht leicht. Einer, dem das gelungen ist, war Dieter Glietsch. Er wurde als letzter Polizeipräsident noch vom Abgeordnetenhaus gewählt und nicht wie seine Nachfolger Kandt und Slowik vom Innensenator ernannt. „Das schafft natürlich Beinfreiheit“, sagt ein Beamter. Hinzu kommt, dass Innensenator Geisel und sein Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD), der Slowik aus seiner Zeit beim Innenministerium kennt, die Berliner Sicherheitsarchitektur umgebaut haben. Berlin hat einen neuen Verfassungsschutz-Chef, einen neuen Feuerwehr-Chef und eine neue Polizeipräsidentin bekommen.

Andere Polizeibeamte sagen, es gebe einfachere Aufgaben, als eine Behörde, die gerade in den Führungspositionen noch sehr männlich geprägt sei, als Frau und dazu noch als Quereinsteigerin zu führen. Es sei klar, dass altgediente Polizisten, die zwar viele Sterne auf der Schulter haben, naturgemäß Probleme mit Veränderungen haben. Und genau in diesem Punkt liegt die große Zukunftsvision von Barbara Slowik, die in Berlin geboren, aber in Ravensburg in Baden-Württemberg aufgewachsen ist. Gemeinsam mit der Leiterin der Polizeiakademie, Tanja Knapp, die durch Slowiks Strukturreform noch einmal in der Hierarchieebene nach oben gerückt ist, will sie die Berliner Polizei jünger, moderner, weiblicher und internationaler machen. Und es sieht so aus, dass dem Duo Slowik und Knapp dies auch gelingen könnte.

Beispiel Polizeiakademie: Die Ausbildungszahlen steigen wieder deutlich an. Nach den Skandalen in der Polizeiakademie ist es um die Schule zuletzt ruhiger geworden. Dort gibt es natürlich weiterhin auch Probleme, aber Knapp und Slowik gehen offener damit um als ihre Amtsvorgänger – und sie haben die Strukturfehler analysiert. Dazu zählt etwa, dass die Polizeischüler am Morgen wieder antreten müssen und dass bei der Ausbildung wieder mehr Disziplin, Strenge und Ordnung herrscht.

Schon bei ihrem Amtsantritt hatte Slowik erklärt, dass man in der Berliner Polizei eine neue Diskussionskultur schaffen müsse. Dazu gehöre auch, eigene Fehler zu identifizieren und aus ihnen zu lernen. Und Slowik hat erkannt, dass die Polizei mehr tun muss, wenn sie in Zukunft junge Menschen für diesen Beruf gewinnen möchte. So will sie etwa, dass ihre Behörde in den Wohnungsmarkt einsteigt und günstigen Wohnraum für Polizeischüler bereitstellt. Barbara Slowik möchte auch, dass Polizisten besser bezahlt werden und machte das zuletzt immer wieder deutlich – auch gegenüber Innensenator Geisel.

Anders als ihre Vorgänger hat es Barbara Slowik in einem Punkt leichter: Glietsch und Kandt hatten mit Finanz- und Innensenatoren zu tun, die bei der Polizei sparen mussten und wenig investieren konnten. Denn der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (beide SPD) setzten einen Sparkurs durch, um den Schuldenberg in Berlin in Griff zu bekommen. Die Zeiten sind besser geworden, die Einnahmen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. So kann Slowik investieren und die Behörde fit für die Aufgaben der Zukunft machen.

Dass sie das kann, hat sie schon einmal bewiesen. Damals, 2014, als viele Polizisten das Präventionsprojekt im Soldiner Kiez belächelten, hatte sie das Potenzial dahinter längst erkannt.

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