Berlin Brettspiel Con

Berlin wird zum Paradies für Brettspiel-Freunde

Die Brettspiel Con startet in der Station. 10.000 Besucher erwarten die Veranstalter. Auch Spieleverlage aus der Hauptstadt zeigen Neuheiten.

Axel Kaldenhoven ist Chef von Schmidt Spiele in Neukölln. 1914 brachte die Firma das erste „Mensch ärgere Dich nicht“ auf den Markt.

Axel Kaldenhoven ist Chef von Schmidt Spiele in Neukölln. 1914 brachte die Firma das erste „Mensch ärgere Dich nicht“ auf den Markt.

Foto: David Heerde

Berlin.. Wenn Axel Kaldenhoven am Firmensitz von Schmidt Spiele in Neukölln Besuch empfängt, bleibt er häufig vor der Glasvitrine im Flur stehen. Kaldenhoven erzählt dann gerne die eine Geschichte, die den Grundstein für den Erfolg des Unternehmens gelegt hat: Schmidt-Spiele-Gründer Josef Friedrich Schmidt brachte 1914 „Mensch ärgere Dich nicht“ nach Deutschland. Zunächst verkaufte sich das Spiel aber schlecht. Erst während des Ersten Weltkriegs, als Schmidt 3000 Spiele an Lazarette verschickte, gelang der Durchbruch.

Seitdem ist „Mensch ärgere Dich nicht“ aus deutschen Wohnzimmer nicht mehr wegzudenken. Noch immer gehen jedes Jahr 400.000 Exemplare des Gesellschaftsspiels über den Ladentisch, sagte Kaldenhoven. Insgesamt 480 Spiele und Puzzles hat Schmidt Spiele im Sortiment. Seit 1997 sitzt das einst in München gegründete Unternehmen in Neukölln. Der Jahresumsatz liegt bei rund 40 Millionen Euro. Trotz der seit Jahren wachsenden Konkurrenz durch Video- und Computerspiele wachse der Brettspielmarkt, erzählt Kaldenhoven. „Das Spielen von Brettspielen ist der Gegentrend zur Digitalisierung“, sagt Kaldenhoven. Im Vordergrund stehe, etwas in der Gemeinschaft zu machen und auch, für einen Moment abschalten zu können von den digitalen Medien, so der Schmidt-Spiele-Chef.

80 Brettspielverlage präsentieren neue Kreationen

Ein Teil der Brettspiel-Magie lässt sich in den kommenden Tagen auch in Berlin erleben. Am heutigen Freitag startet in der Station am Gleisdreieck die Berlin Brettspiel Con. Schmidt Spiele ist einer von neun Ausstellern aus Berlin. 2015 fand die Premiere der Messe statt. Seitdem hat sich die Brettspiel Con zu den größeren Treffen der Branche entwickelt. Mehr als 80 Brettspiel-Verlage präsentieren neue Kreationen – und natürlich alte Klassiker. Im Vordergrund der Brettspiel Con stehe allerdings nicht der Verkauf, sagt Organisator Johannes Jaeger. „In einer großen Halle können Spiele ausprobiert werden, viele Besucher kommen nur deswegen“, sagt Jaeger. Bis einschließlich Sonntag wird die Station so zum Paradies für Brettspiel-Freunde.

In den vergangenen Jahren fand die Branchentreffen im benachbarten Kühlhaus statt. Mit dem Umzug in die Station hat sich die Ausstellerfläche auf 7000 Quadratmeter verdoppelt. Veranstalter Jaeger will in diesem Jahr die Marke von 10.000 Besuchern knacken. Im vergangenen Jahr hatte die Brettspiel Con lediglich 5000 Gäste angezogen. Mut macht den Organisatoren vor allem die neue Lust der Deutschen auf Brettspiele.

Deutsche Brettspielbranche hat Jahresumsatz auf 550 Millionen Euro gesteigert

Nach Angaben des Interessenverbands Spieleverlage e. V. hat die inländische Brettspielbranche in den vergangenen fünf Jahren ihren Umsatz um 40 Prozent auf rund 550 Millionen Euro steigern können. Etwa 20 kleinere und 100 größere Verlage bringen jedes Jahr mehr als 1000 Neuheiten auf den Markt. Fast ein Drittel der Deutschen spielt nach Angaben des Verbands regelmäßig, also wöchentlich oder mindestens zwei- bis dreimal mal im Monat ein Brett- oder Kartenspiel. Jährlich werden in Deutschland rund 50 Millionen Spiele verkauft.

Die Entwicklung zeige, dass Menschen in Deutschland immer mehr spielen und viel Spaß dabei haben, sagt der Verbandsvorsitzende Hermann Hutter. „Digitale Spiele und Apps sind kein direkter Wettbewerber, da diese Angebote zumeist alleine gespielt werden. Die Märkte entwickeln sich unabhängig voneinander“, erklärt er. Das hat auch Jens Junge beobachtet. Der 55 Jahre alte Berliner Wissenschaftler hat 2014 das Institut für Ludologie in der deutschen Hauptstadt gegründet. Seitdem erforscht er, was die Deutschen spielen und vor allem wie. „Seit einiger Zeit stehen weniger Spiele im Vordergrund, bei der es Gewinner und Verlierer gibt“, sagt Junge. Gefragter seien stattdessen verstärkt kooperative Brettspiele. Ein Kassenschlager der vergangenen Jahre sei etwa „Pandemic Legacy“ gewesen. Dabei müssten die Spieler gemeinschaftlich den Ausbruch einer Pandemie verhindern, erzählt Junge.

Brettspiele sind auch Spiegelbild der Gesellschaft

Schon früher seien Spiele stets auch Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen gewesen. „Beim Skat etwa waren die Bauern plötzlich wichtiger als der König. Das gab einen Aufschrei“, sagt der Professor. Einen der größten Umbrüche sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft, den digitalen Wandel, spürt die Branche allerdings kaum. Vereinzelt kommen, so Junge, Hybrid-Spiele auf den Markt. Dabei würden etwa Ereigniskarten nicht mehr auf Papier beigelegt, sondern mithilfe einer App angezeigt. Zudem würden einige Spieleverlage Lizenzen an App-Entwickler vergeben, die zum Beispiel Klassiker wie „Mensch ärgere Dich nicht“ für das Smartphone umsetzen.

Auch Schmidt Spiele aus Neukölln erzielt mittlerweile einen geringen Teil des Umsatzes mit diesen Lizenzgebühren. Im Vordergrund steht aber die Konzeption von neuen Spielen. 50 Neu-Entwicklungen bringt das Unternehmen jedes Jahr auf den Markt, bis zu fünf davon sind größere Gesellschaftsspiele wie etwa „Die Quacksalber von Quedlinburg“, das 2018 zum „Kennerspiel des Jahres“ gewählt wurde. Der Preis ist so etwas wie der Oscar der Gesellschaftsspiele-Branche.

Kein Geheimtipp für ‘Mensch ärgere Dich nicht’

Der Klassiker von Schmidt Spiele, ‘Mensch ärgere Dich nicht’, hat sich seit der Erstveröffentlichung hingegen kaum verändert, sagt Geschäftsführer Axel Kaldenhoven. Lediglich zur letzten Bundestagswahl vor zwei Jahren habe es eine Sonderausgabe gegeben. Bei „Politiker ärgere Dich nicht“ konnten sich – passend zu den Farben der Spielsteine – die Parteivorsitzenden von CDU, SPD, FDP und Grünen gegenseitig rausschmeißen. Rund 60.000 Stück der Spezial-Edition seien damals verkauft worden, so Kaldenhoven. Tipps, wie man „Mensch ärgere Dich nicht“ in jedem Fall für sich entscheiden kann, hat aber auch der Schmidt-Spiele-Chef nicht. „Es gibt kein Geheimrezept, weil das Glück, die richtige Zahl zur würfeln, entscheidend ist“. sagt Kaldenhoven.

Brettspiel Con, Station Berlin, Luckenwalder Straße 4-6, Eröffnungsveranstaltung am Freitagabend (nicht öffentlich), Publikumstage am Sonnabend (10 bis 2 Uhr) und Sonntag (10 bis 19 Uhr). Wochenendticket 28 Euro, ermäßigt 12 Euro.