Mord im Wettbüro

Rockermord-Prozess: Kein Ende in Sicht

Seit fünf Jahren wird gegen elf Hells Angels verhandelt. Am Dienstag hörte das Gericht am 289. Verhandlungstag den 345. Zeugen.

Bereits 2014 hat der Prozess gegen die elf Rocker begonnen. Im Bild: Verteidiger im Gericht

Bereits 2014 hat der Prozess gegen die elf Rocker begonnen. Im Bild: Verteidiger im Gericht

Foto: Matthias Balk / dpa

Auch fünf Jahre nach seinem Beginn bleibt der Prozess um den Rockermord in einem Reinickendorfer Wettbüro eine unendliche Geschichte. Eigentlich wollte das Gericht am Dienstag die Beweisaufnahme abschließen. Doch kaum war die Befragung des mittlerweile 345. Zeugen in diesem Mammutverfahren beendet, stellten die Verteidiger einen neuerlichen Befangenheitsantrag gegen Thomas Groß, den Vorsitzenden der Schwurgerichtskammer. Über den muss jetzt bis zum nächsten Verhandlungstag am 6. August entschieden werden. Wie es dann weitergeht – unklar, wie so vieles in diesem Verfahren.

Bereits 345 Zeugen gehört

289 Verhandlungstage hat das Gericht inzwischen hinter sich gebracht. Dabei wurden nicht nur 345 Zeugen gehört, sondern auch Protokolle über 150 Stunden Telefonüberwachung verlesen, zudem mussten die Richter über Dutzende von Befangenheits- und nachträglich eingereichten Beweisanträgen entscheiden. Die Akten, die die Ermittler von Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt (LKA) zusammengetragen haben, füllen bequem einen Lkw, die bislang angefallenen Prozesskosten beziffern Experten mit einem Betrag im zweistelligen Millionenbereich.

An nahezu jedem Verhandlungstag spielen sich seit nunmehr fünf Jahren die gleichen Szenen ab. Die Staatsanwaltschaft präsentiert ihre Beweise und Indizien, die Verteidigung moniert, diese seien unzulässig. Folgt das Gericht dem nicht, kommt der nächste Befangenheitsantrag. So schleppt sich das Verfahren dahin.

Angeklagte werden den Hells Angels zugerechnet

In den Kabinen aus schusssicherem Glas im großen Verhandlungssaal 500 des Landgerichts in Moabit sitzen seit Prozessbeginn elf Angeklagte, zehn von ihnen werden den Hells Angels zugerechnet. Davor versammeln sich an jedem Verhandlungstag zwei Dutzend Verteidiger, dazu kommen noch die Anwälte der Angehörigen des Getöteten als Nebenkläger. Für den Prozess gilt die höchste Sicherheitsstufe, wer in den Saal will, muss durch zwei Schleusen, auch die akkreditierten Journalisten werden penibel kontrolliert, mehr als einen Schreibblock und einen Kugelschreiber darf niemand mit in den Saal nehmen. Und an allen Verhandlungstagen unterstützt ein größeres Polizeiaufgebot die Justizwachtmeister bei ihren Sicherungsmaßnahmen.

Opfer wurde mit acht Schüssen getötet

Gemeinschaftlichen Mord wirft die Staatsanwaltschaft den Angeklagten vor. Zehn von ihnen sollen Anfang 2014 in das Wettbüro an der Residenzstraße in Wedding marschiert sein, Dort soll Recep O., der Erste in der Reihe das völlig überraschte Opfer Tahir Ö. (26) mit acht Schüssen getötet haben, ein Mord aus Rache, sagt die Staatsanwaltschaft. Mit auf der Anklagebank sitzt Kadir P. der Boss der Berliner Höllenengel, er soll den Mord in Auftrag gegeben haben.

Nach der Tat übernahm eine Mordkommission die Ermittlungen, doch schon lange vor den tödlichen Schüssen hatte eine LKA-Fachdienststelle für Organisierte Kriminalität (OK) die Angeklagten im Visier. Deren Observationen und die Telefonüberwachung sind in diesem Verfahren ein wichtiges Glied in der Beweiskette der Staatsanwaltschaft, sie bescherten den Polizei aber auch zwischenzeitlich ernsthafte Probleme.

Verdacht auch gegen die Ermittler

Im vergangenen Jahr wurde der Verdacht laut, die OK-Ermittler hätten den Mord womöglich verhindern können, es aber unterlassen, das spätere Opfer zu warnen. Die Vorwürfe wurden bald so konkret, dass der Vorsitzende Richter sich verpflichtet sah, in einem rechtlichen Hinweis vom Verdacht des „Totschlags durch Unterlassen“ gegen einzelne Beamte zu sprechen. Gegen sie wurden inzwischen Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet. auch hier gilt: Ende offen.