Nach Angriffen

FDP: Polizei soll für Sicherheit in Schwimmbädern sorgen

Nach Schlägereien: FDP-Politiker Luthe will, dass Polizisten in Freibädern für die Sicherheit sorgen. Die Bäderbetriebe lehnen das ab.

Im Juni dieses Jahres: Polizisten stehen vor dem Eingang zum Sommerbad Pankow. Das wurde wegen „aggressiver  Stimmung“ geräumt.

Im Juni dieses Jahres: Polizisten stehen vor dem Eingang zum Sommerbad Pankow. Das wurde wegen „aggressiver Stimmung“ geräumt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen

Berlin. Sommerferien, ein Tag im Freibad: Das verspricht unbeschwerte Stunden. Mit Abkühlung, Pommes und Eis am Stiel. Dass die Polizei wegen ausartender Konflikte anrückt und dem Badespaß bei brütender Hitze ein abruptes Ende setzt – das war bisher meist nicht an der Tagesordnung. Doch im Juni häuften sich Vorfälle in vollen Bädern: Mal gab es Massenstreit, mal eine Attacke gegen Bademeister, mal kletterten die Menschen über Zäune in schon überfüllte Bäder.

Braucht es zum Badengehen künftig also Polizeischutz? Diese Vorstellung ist keineswegs abwegig für den Berliner Innenpolitiker Marcel Luthe (FDP).

Er will, dass sich in der Hauptstadt über den Sommer eine eigene Einsatzhundertschaft um die Sicherheit in den Bädern kümmert. Zu diesem Schritt fordere er den Senat auf, sagte Luthe. Bisher würden die Beamten draußen gehalten – der Senat überlasse die Konfliktführung privaten Sicherheitsdiensten. Unter diesen Voraussetzungen seien Konflikte programmiert, so Luthe weiter.

Tatsächlich erinnern die Vorfälle aus dem Juni an Szenen, die sich vor Jahren in Freibädern in Kreuzberg und Neukölln abspielten. Massenschlägerei, Jugendliche besetzten den Sprungturm, Badelatschen-Schläge für Bademeister – das gab es alles schon. Mehrmals wurden Bäder geräumt, weil die Stimmung wegen nichtiger Anlässe gekippt war. So dramatisch die Vorkommnisse klingen: Es sind Einzelfälle, wenn man sich die Zahl der Einrichtungen (rund 60, mit Hallenbädern) und der Badegäste (2018: 6,7 Millionen) vor Augen hält.

Sicherheitskonzept wurde auf einzelne Bäder zugeschnitten

In den vergangenen Jahren sei die Situation friedlicher geworden, sagt Bädersprecher Matthias Oloew. Grund sei, dass die Bäderbetriebe „hinreichend viel“ für die Sicherheit unternähmen. So fließe jedes Jahr zum Beispiel ein hoher sechsstelliger Betrag in Sicherheitsdienste. Das Sicherheitskonzept sei nicht mehr pauschal für alle Bäder, sondern auf die einzelnen Einrichtungen zugeschnitten worden, sagt Oloew. Details dazu will er nicht publik machen, um den Erfolg nicht zu gefährden.

Zu beobachten sind seit mehreren Jahren in den Freibädern in Neukölln und Kreuzberg vermehrt Wachleute von privaten Firmen. Die Männer in Polohemden mit der Aufschrift „Security“ stehen am Eingang, am Becken und laufen öfter mal in Zweier-Gruppen über die Wiesen. Präsent sein und Konflikte frühzeitig erkennen und entschärfen, so lautet wohl die Devise. Die Männer kontrollieren auch Taschen am Eingang – selbst Melonen-Liebhaber müssen auf ihre Obstmesser verzichten.

Viele der stämmigen Männer haben, wie häufig bei Angestellten privater Wachfirmen in Berlin, türkische oder arabische Wurzeln. Was den Vorteil hat, dass Diskussionen am Beckenrand auch mal auf Türkisch geführt werden können. Außerdem sind in mehreren Bädern noch Konfliktlotsen des Projekts „Cool am Pool“ im Einsatz, die in mehreren Sprachen deeskalierend auf Streithähne einwirken sollen. Sollte all das nicht helfen, sei die Polizei sofort vor Ort, betont Oloew. Luthes Idee lehnt er ab.

In den Bädern ist „mehr Reibungsflächen“ entstanden

Auch der Berliner Metropolenforscher Wolfgang Kaschuba findet eine Schwimmbadpolizei „unsinnig“, wie er sagt. Und er widerspricht der These mancher Kommentatoren, dass vor allem junge Migranten für die Probleme sorgten. „Es betrifft alle“, sagt er. In seinen Augen ziehen Bäder heute im Unterschied zu früheren Jahrzehnten Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersklassen an. Angesichts der individualisierten Lebensstile seien so natürlich auch mehr Reibungsflächen entstanden, sagt der Kulturwissenschaftler. „Das Schwimmbad verändert sich mit der Gesellschaft.“

Selbstbewusster und vielleicht auch tatsächlich etwas rücksichtsloser als früher träten die Menschen für ihre eigenen Interessen ein, sagt Kaschuba. „Der Streit geht heute darum, was legitim ist: welche Musik und wie laut, Nacktheit oder Burkini.“ Das Freibad sei da auch eine Bühne zur Selbstinszenierung. Kaschuba wertet all das als Zeichen einer lebendigen Gesellschaft – auch wenn mehr ausgehandelt werden müsse. Falls nötig eben mit Konfliktlotsen.

Personalmangel als Kernproblem

Markus Wittich, Vorsitzender des Landesverbands Brandenburg/Berlin beim Bundesverband Deutscher Schwimmmeister, sieht Personalmangel als das Kernproblem. Leider sei die Personaldecke in Bädern wegen Stellenabbaus und Fachkräftemangels so dünn geworden, dass oft die Zeit fehle, um sich ausreichend um „Problemfälle“ zu kümmern, erklärt er. So könnten sich Konflikte hochschaukeln.

In den Bädern, in denen es bundesweit zuletzt Probleme gab, fielen die Konsequenzen unterschiedlich aus: Manche wollen es jetzt mit Security probieren oder deren Zahl erhöhen. Im süddeutschen Kehl an der Grenze zu Frankreich schickt die französische Stadt Straßburg nach Streitereien Vermittler in die Bäder. Dort wurde – den Berliner Luthe dürfte es freuen – auch mehr Polizeipräsenz angekündigt. Und dazu noch Stacheldraht für die Zäune.

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