Stadtführungen

Wie Berlins Mitte entstand: Ein Besuch auf der Museumsinsel

Kunsthistoriker Michael Jelkmann schlägt bei seiner Tour über die Museumsinsel einen Bogen von den Preußen bis zur James-Simon-Galerie.

Stadtführer und Kunsthistoriker Michael Jelkmann bei seiner Tour über die Museumsinsel, hier am Alten Museum – seine Gäste sind meist Berliner.l

Stadtführer und Kunsthistoriker Michael Jelkmann bei seiner Tour über die Museumsinsel, hier am Alten Museum – seine Gäste sind meist Berliner.l

Foto: Reto Klar

Berlin.. Respekteinflößend sieht das Alte Museum aus. Riesige Säulen, breite Treppen. Wer davor steht, bestaunt die altehrwürdige Architektur. Noch gewaltiger wirkt der Berliner Dom am Lustgarten, und erst recht der Nachbau des Schlosses. Der Kunsthistoriker Michael Jelkmann belässt es nicht beim Staunen, wenn er eine Gruppe Interessierter über die Museumsinsel führt. „Alle Architektur, egal wann sie gebaut wurde, ist auch politisch“, sagt er seinen Zuhörern.

Architekt des Alten Museums war Karl Friedrich Schinkel. In der Schinkelzeit, so erklärt es Jelkmann, bildeten Schloss, Dom, Museum und Zeughaus – heute Deutsches Historisches Museum – ein Forum. Die Säulen der Gesellschaft spiegeln sich an diesem Platz wider. Herrscher, Kirche und Militär werden repräsentiert durch Schloss, Dom und Zeughaus. 1830 kommt das Museum hinzu. Ein Ort, in dem Bildung für alle vermittelt wird. „Wir sind hier am Beginn des Bildungsbürgertums. Dafür steht das Museum“, sagt der Kunsthistoriker. Kunst und Kultur in diesem Gebäude sollten nicht der fürstlichen Repräsentation dienen, wie bislang üblich, sondern der Bildung. „Das ist ein gravierender Unterschied.“

Schinkel war nicht begeistert von der Granitschale

Während er spricht, sitzen seine Zuhörer auf der steinernen Umrandung im Lustgarten. Touristengruppen sammeln sich in der Nähe, werden lautstark auf Italienisch von ihren Stadtführern dirigiert. „Könnten Sie ein bisschen weiter gehen?“, bittet Jelkmann freundlich. „Wir machen hier auch eine Führung.“ Er setzt seine Erläuterungen zur Baugeschichte des Hauses fort. Schinkel habe auf Fenster im Obergeschoss der Südfassade verzichtete, weil dort Bilder ausgestellt werden sollten. „Das hat etwas mit Konservieren zu tun“, sagt Jelkmann. „In den fürstlichen Galerien war es ziemlich egal, ob die Sonne auf die Bilder schien. Doch nun wollte man die Kunst schützen für die zukünftigen Generationen. Das war ein bürgerlicher Gedanke.“

Die Granitschale vor dem Museum: Sie wurde per Schiff auf der Spree antransportiert und von den Berlinern jubelnd begrüßt. „Nur einer war nicht begeistert“, erzählt Jelkmann, so, als habe er selbst dabeigestanden. „Schinkel.“ Denn der Architekt hatte eine kleinere Schale bestellt, die in der Rotunde des Museums Platz finden sollte. Weil sie zu groß geraten war, bekam sie draußen ihren dauerhaften Platz.

„Unesco-Weltkulturerbe Museumsinsel“ heißt die kunsthistorische Führung, die Michael Jelkmann zwei Mal in der Woche anbietet. Stationen sind neben Altem und Neuem Museum auch die Alte Nationalgalerie, Bodemuseum, Pergamon-Museum und die neue James-Simon-Galerie. Jelkmann, 57 Jahre alt, stammt aus Nordrhein-Westfalen, hat in Süddeutschland, Berlin und in Rom studiert. „Geführt habe ich schon als Jugendlicher“, erzählt er. Die Berlin-Touren, die er seit 2002 anbietet, werden vor allem von Berlinern besucht.

Es geht weiter zur eisernen Gittertür des Alten Museums. „Das hier ist unglaublich fein gegossen.“ Eisen sei das Thema in Preußen seit der Annexion Schlesiens Mitte des 18. Jahrhunderts gewesen. „Doch der Eisenguss war damals sehr, sehr grob.“ Führend auf diesem Gebiet waren die Engländer. „Aber Schinkel, der Architekt dieses Museums, entwarf auch kunstgewerbliche Produktionen für Fabrikanten. Das publizierte er.“ Er gab Anregungen, „und binnen kurzer Zeit war der Eisenguss so verfeinert, das man in Preußen um 1830 mit England konkurrieren konnte.“ Das sollte natürlich auch am Museum sichtbar sein. Deshalb habe man auf eine Vergoldung der Tür verzichtet.

Eine versteckte Kuppel auf dem Alten Museum

Dann lotst der Kunsthistoriker seine Gruppe auf den Rasen vor dem Museum. Ein Stück weg vom Gebäude. Damit er zeigen kann, dass die Kuppel des Alten Museums, die im Inneren beeindruckt, von außen kaum wahrnehmbar ist. Schinkel ließ sie durch eine kubischen Aufsatz verschalen. „Sie hätte zu sehen sein können, wenn er es gewollt hätte. Aber sie ist absichtlich versteckt. Und das im sparsamen Preußen.“

Sparsamkeit ist das Stichwort, um zum preußischen Herrscher überzuleiten, der das Museum bauen ließ. Er habe kein ausschweifendes Leben geführt, sagt Jelkmann. „Wenn Friedrich Wilhelm III. Geld ausgab, tat er es für seine Gemahlin. Sonst wurde gespart.“ Der König habe nur zur Repräsentation wirklich einwandfreie Kleidung getragen. „Ansonsten trug er auf.“ Nach dem Tod seiner Gattin habe Friedrich Wilhelm III. nur noch in einem Feldbett geschlafen. Nicht im Schloss, sondern im Kronprinzenpalais.

„So viele Details, so viele Geschichten“, sagt eine ältere Dame, die gespannt zuhört. Sie ist selbst Architektin, kommt aus Berlin, besonders interessieren sie die Veränderungen auf der Museumsinsel. Der Kunsthistoriker sucht vor dem Neuen Museum eine Sitzbank für seine Teilnehmer. Friedrich Wilhelm IV., in dessen Zeit das Museum erbaut wurde, sei erst mit 45 Jahren auf den Thron gekommen, sagt er. „Er hatte also viel Zeit, sich vorher mit anderen Dingen zu beschäftigen, mit Kultur, mit Architektur. So ähnlich wie Prinz Charles.“ Er habe selbst einen riesigen Tempelbau entworfen. „Ein gigantisches Bauwerk, im Stil der römischen Antike.“ Doch als er auf den Thron kam, war das Gelände bereits weitgehend bebaut. Ihm blieb nur noch eine schmale Parzelle übrig. „Da ließ er diesen Riegel errichten.“ Dabei wurde eine Blickachse vom Neuen Museum zur Bauakademie geschaffen, damals Ausbildungsstätte für Baumeister und oberste Baubehörde Preußens. „Die Sichtachse musste beim Neubau der James-Simon-Galerie gewahrt werden.“

Chipperfield hätte fast die Sichtachse zerstört

Architekt David Chipperfield habe ursprünglich für die Galerie einen großen Block geplant, der die Sichtachse zerstört hätte. Die Unesco, die die Museumsinsel 1995 zum Welterbe erklärt hat, lehnte dies ab. Chipperfield musste umplanen. Der britische Architekt habe mit modernen Materialien die alten Kolonnaden fortgesetzt, sagt Jelkmann. Die Architektin kann sich mit der Galerie nicht richtig anfreunden. Im Gegensatz zum Neuen Museum. „Das hat Chipperfield wunderbar gemacht.“ Warum die neuen Kolonnaden so hoch geworden sind, fragt sie den Stadtführer. Jelkmann erklärt es so: „Chipperfield staffelt sie über verschiedene Etappen auf die Traufe des Pergamon-Museums. Das ist eine gute Einbindung.“

Weniger angetan ist vom unterirdischen Gang, der künftig vier Museen verbinden wird. „Jetzt soll der schnelle Massentourist in internationalen Gruppen hier eingeschleust werden und kommt immer nur zu den Highlights hoch – Nofretete, Pergamonaltar, Ischtartor.“ Bildung stehe dabei nicht mehr im Vordergrund, meint der Kunsthistoriker, sondern Kommerzialisierung.

Etwa zwei Stunden dauert seine Führung. Die Zuhörer sind beeindruckt vom Gang durch die Kunstgeschichte. „Ganz schön, was er in diese zwei Stunden hineingepackt hat“, sagt auch die Architektin. „Ich habe eine Menge neuer Informationen bekommen.“

Mit Historkern durch Berlin und Brandenburg

Die Führung „Unesco-Welterbe Museumsinsel“ in Mitte findet sonntags um 11 Uhr und donnerstags um 15 Uhr statt. Der Preis beträgt 12 Euro pro Person, ermäßigt 10 Euro. Der Kunsthistoriker Michael Jelkmann und sein Team bieten weitere öffentliche Führungen in Berlin an, darunter zu den Themen Reichstag und Regierungsviertel, Karl-Friedrich Schinkel, Königin Luise sowie Bauten der Wilhelmstraße. In Brandenburg sind Touren zu Dorfkirchen und zu den Zisterzienser-Klöstern Zinna und Lehnin möglich.

Alle Themen und Termine sind auf der Internetseite www.bellevue-berlin.de zusammengestellt, auf der man sich auch anmelden kann. Es sei das Anliegen, nicht nur grundlegende Fakten zu vermitteln, sondern auch die Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen, schreibt Jelkmann auf der Homepage. Mehrere Themen sind auch zu einer Tagestour kombinierbar. Individuelle Führungen können auch zu einem Wunschtermin gebucht werden. Kontakt per E-Mail: info@bellevue-berlin.de oder telefonisch: 0160 - 785 25 01.

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