Nachtgestalten

Himmel und Hölle zugleich

Warum der 30. Geburtstag meiner Tochter für mich ein Grund ist, vielen Menschen sehr dankbar zu sein.

Dieter Puhl

Dieter Puhl

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Hoffentlich liege ich heute nicht zu lange in den Federn.

Michael arbeitete schon 13 Jahre in dem Job, allen Empfehlungen zuwider, die besagten, nach spätestens acht Jahren sollte man wechseln, sonst wäre man platt, würde ein Burn-out drohen. Man ist dann aber auch professionell und erfahren genug, um Leben zu retten.

Bianca war immer aufgeschlossen und fröhlich und das steckte an, oft half das sehr, denn das war alles schon sehr grauenhaft.

Barbara war immer gründlich und ordentlich und gewissenhaft, das hielt vieles zusammen.

Dr. Fenske arbeitete drei Tage und Nächte durch und ich fragte ihn, warum er es macht. „Wissen Sie, ich habe vier gesunde Kinder, und ich halte das ganze Glück zuhause einfach nicht aus.“

Meine Tochter war vier und Patientin in der Kinderkrebsklinik

26 Jahre ist das her, der Ort des Geschehens war eine Kinderkrebsklinik in Wedding und meine Tochter war vier, sie war dort Patientin. Ein böses Jahr. Vieles wird in Krankenhäusern statistisch erfasst und Lavinia hatte eine Überlebenswahrscheinlichkeit von zwei Prozent. Wie er denn diese zwei Prozent bewerten würde, fragte ich Dr. Fenske, er war der leitende Stationsarzt. „Eine faire Chance“, war seine Antwort. Und daran klammerten wir uns als Eltern.

Meine Tochter war ein Engel, das ist meine tiefste Überzeugung, alle Eltern sollten das ja über ihre Kinder sagen, ich könnte das sogar begründen, nur wäre das eine andere Geschichte.

Rooming In, wir lebten wohl ein Jahr lang in dem Krankenhaus, wechselten uns als Eltern ab, nach zwei Monaten war für mich an Arbeit nicht mehr zu denken, das hätte mich alles zerrissen. Mein Arbeitgeber, die Berliner Stadtmission, stellte mich frei. Bitte glauben sie mir, nach diesem Jahr kannte ich jedes Zimmer in der Hölle – meine Tochter aber war da als kleines Mädchen etwas geschützter. Heftig war das in erster Linie natürlich für sie. Sterben zu können, gut so, das begriff und verstand sie damals nicht.

Ich wäre danach mit 160 gegen einen Brückenpfeiler gefahren

Sechs Ärzte und ich um das Bett eines kleinen Mädchens und eigentlich war zu vermuten, in zwei Minuten hätte sie tot sein müssen. Und ich eine Stunde später auch, denn mir war klar, ich wäre danach mit 160 gegen einen Brückenpfeiler gefahren.

Etliche Kinder mit guten, besseren Heilungschancen starben in diesem Jahr, die mit den schlechten Prognosen überlebten. Wie haben das alle überhaupt ausgehalten, die Kinder, die Eltern, die Ärzte, die Schwestern und Pfleger, die Erzieher und Psychologinnen dort? Ein Hightech-Apparat, alles hochgradig professionell, gut so – aber auch alle enorm menschlich zugewandt, überwiegend optimistisch, sehr, sehr liebevoll.

Das ist kaum zu begreifen und auch schwierig zu erklären, Himmel und Hölle zugleich, das war auch ein Ort der Zuversicht, an dem viel gelacht wurde.

Wir vertrauten.

Jesus und ich fingen wieder an, miteinander zu reden

Und dann waren da noch die Wunderheiler, die mich nachts anriefen, die guten Ratschläge vieler. Wäre es nach ihnen gegangen, hätten wir jeden Tag eine neue Therapie begonnen. Das hatte etwas mit Stress und Überforderung zu tun, ich musste immer an mich halten, fast hätte ich alle erschlagen.

Jesus gab es aber auch noch, und wir fingen im Krankenhaus wieder an, miteinander zu reden. Zuvor hatten wir über Jahre Sendepause. Kontroverse Gespräche waren das, denn mit seiner Allmacht hätte Gott doch alles anders gestalten können. Stehe ich ihm eines Tages gegenüber, ein paar Fragen habe ich. 50 Gemeinden beteten übrigens sonntags und darüber hinaus für die Genesung unserer Tochter. Auch das kam, man spürt und erfährt das und es rettete.

Viele Menschen machen einen guten Job, bei Aldi an der Kasse, als Feuerwehrmann oder Sozialarbeiter in der Obdachlosenhilfe, in einem Kiosk kannst du guter Sozialarbeiter sein, viele gehen dabei an Grenzen, einige darüber hinaus.

Lavinia und ihrer kleinen Familie geht es prima

Bei meiner Tochter hätte es mich nervös gemacht, wenn damals jemand auf die Uhr geschaut hätte.

Gestern wurde Lavinia übrigens 30, ihr und ihrer kleinen Familie geht es prima und die Feier ist einfach schön gewesen. Danke! Vielen. Dem Leben.

Und für mich ist das Reichtum.


Wenn denn nur dieser blöde Kater nicht wäre.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.