Studie

Die Gründungseuphorie in Berlin ist verflogen

Seit 2011 mussten 74 Finanz-Start-ups in Berlin ihr Geschäft wieder einstellen, zeigt eine Studie.

Scheitern gehört dazu: In Berlin mussten bislang 74 Fintechs wieder aufgeben.

Scheitern gehört dazu: In Berlin mussten bislang 74 Fintechs wieder aufgeben.

Foto: Boris Roessler / dpa

Berlin. Im August des vergangenen Jahres gab der Berliner Payment-Dienstleister Cringle auf. „Liebe Nutzer, leider muss unser Service eingestellt werden. Neue Transaktionen sind ab sofort nicht mehr möglich“, schrieb das Team des Fintechs auf seiner Homepage. Bereits ein paar Wochen zuvor hatte Cringle bei dem zuständigen Amtsgericht einen Antrag auf Insolvenz gestellt. Zuvor hatte das Finanz-Start-up noch nach Investoren gesucht. Als aber auch der letzte potenzielle Geldgeber absagte, zog die Geschäftsführung vier Jahre nach dem Start die Notbremse.

Das Scheitern des Berliner Fintechs Cringle steht exemplarisch für die noch junge Branche. Muss ein Finanz-Start-up wieder aufgeben, ist das im Schnitt 3,8 Jahre nach der Aufnahme des Geschäftsbetriebs der Fall. Bei vielen Start-ups stelle sich dann nicht nur die Frage nach weiteren Geldgebern. Viele hätten zudem die Kosten für die Akquise von Kunden unterschätzt, sagt der Fintech-Experte Sascha Demgensky von der Beratungsgesellschaft PwC. „Den Start-ups ging finanziell die Luft aus“, so Demgensky.

2019 gaben deutschlandweit bereits 34 Fintechs auf

PwC hat nun erstmals Zahlen zu gescheiterten Fintechs erhoben. 233 Pleiten junger Finanz-Start-ups hat die Beratungsagentur in Deutschland seit 2011 gezählt. 34 Firmen dieser Branche mussten allein in den ersten Monaten dieses Jahres aufgeben – so viele wie nie zuvor zu diesem Zeitpunkt. Vor gut zwei Jahren hatte die Schließungswelle von Fintechs laut PwC begonnen: 2017 machten 62 Fintechs dicht. Im Jahr darauf verschwanden dann schon 74 der Finanz-Start-ups. Das sei auch eine Folge der Gründungseuphorie aus den Jahren 2015 und 2016, so PwC.

Die verschwundenen Fintechs hatten ihren Sitz jeweils dort, wo zuletzt besonders viele gegründet wurden – also in der Start-up-Hauptstadt Berlin (74). Dahinter folgen nahezu gleichauf München (25), Hamburg (21) und Frankfurt (20). 48 Prozent der gescheiterten Fintechs wandten sich mit ihren Produkten und Services direkt an den Endverbraucher. Nahezu gleichauf verfolgten 44 Prozent ein B2B-Geschäftsmodell – also Geschäftsbeziehungen zwischen mindestens zwei Unternehmen – , bei acht Prozent war keine klare Zuordnung zu einer der beiden Rubriken möglich.

Pop: Scheitern gehört zum Start-up-Geschehen dazu

Nach Angaben der Berliner Wirtschaftsverwaltung arbeiten momentan 363 Fintechs in der Stadt. Das sei deutlich mehr als an anderen Standorten, so Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Dass manche Gründungen in Berlin gescheitert sind, ist im Einzelfall bedauerlich, gehört aber zum Start-up-Geschehen dazu. Wichtig ist, dass die Gründer nicht aufgeben, sondern aus dieser Erfahrung lernen. Hierfür bietet das Start-up Ökosystem in Berlin beste Voraussetzungen“, so Pop weiter.

PwC erkennt aus den erhobenen Zahlen dennoch Muster, woran Fintechs scheitern und woran nicht. Dass seit 2017 die Zahl der Schließungen deutlich zunimmt, liege zum Beispiel daran, dass viele Start-ups „2013 oder 2014 auf den Zug aufspringen wollten – und dann feststellen mussten, dass es in ihrem Segment schon Wettbewerber gibt, die schlicht früher dran waren“, sagt Sascha Demgensky. Auch die Art der Geldgeber ließe laut PwC Rückschlüsse auf den künftigen Erfolg der Firmen zu. Der Großteil der geschlossenen Fintechs war mit Geld der Gründer, von Familien oder Freunden finanziert worden. Finanz-Start-ups, die hingegen mithilfe von professionellen Risikokapital-Firmen aufgebaut wurden, machten demnach nur elf Prozent der bis heute geschlossenen Fintechs aus.

Berliner Fintech-Schmiede Finleap hat bislang 16 Unternehmen entwickelt

Das hat auch Ramin Niroumand beobachtet, der mit dem Berliner Start-up-Entwickler Finleap junge Firmen im Finanzwesen aufbaut. „Was wir häufig sehen, ist, dass die Finanzierung der Unternehmen nicht nachhaltig aufgestellt ist“, sagt Niroumand. Finleap selbst hat in den vergangenen fünf Jahren 16 Unternehmen entwickelt, darunter zum Beispiel die digitale Inkasso-Firma Pairfinance.

Doch auch bei Finleap läuft nicht immer alles nach Plan ab. „Da viele Innovationen in unserem Ökosystem entwickelt werden, können wir Technologien in andere Portfoliounternehmen integrieren oder Strategien schnell anpassen, wenn eine Geschäftsidee alleine nicht wie erwartet angenommen wird“, erklärt Niroumand. Auch seien schon Unternehmen mit strategischen Partnern fusioniert worden, um mit einem breiteren Angebot weitere Geschäftsfelder erschließen zu können. Generell benötige der deutsche Markt aber noch mehr Kooperationen. „Besonders mit Hinsicht auf die Konkurrenz aus den USA und China ist es wichtig, dass die Branche gemeinsam agiert und nicht jeder für sich“, so der Finleap-Chef.