Stadtführung

Die „Tour de Toilette“ durch Berlin

Anna Haase führt zu den Toiletten der Hauptstadt und vermittelt nebenbei ein Stück Berliner Geschichte.

Stadtführerin Anne Haase stellte ihre ungewöhnliche Tour ursprünglich für ihre Kollegen zusammen, Thema: Oasen der Ruhe.

Stadtführerin Anne Haase stellte ihre ungewöhnliche Tour ursprünglich für ihre Kollegen zusammen, Thema: Oasen der Ruhe.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Wissen Sie, was ein „Café Achteck“ ist? Es ist der Berliner Spitzname der achteckigen, grünen Toilettenhäuschen, die früher gang und gäbe waren. „Weil man da seinen Kaffee hinbringt“, sagt Anna Haase. Es ist eine der vielen Berliner Anekdoten, in deren Genuss man während der rund zweistündigen Tour mit der Stadtführerin kommt.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Tour, mittlerweile eine ihrer beliebtesten, kam ihr vor zwölf Jahren. „Jedes Jahr findet der Welttag der Gästeführer statt, an dem ich immer teilnehme. Einmal hatte er das Motto ,Oasen der Ruhe’, und weil ich mich von den anderen abheben wollte und mir sicher war, dass alle durch Kirchen und Parks führen würden, habe ich diese Tour ersonnen.“

Dabei geht es natürlich nicht nur um öffentliche Toiletten an sich – vielmehr bietet sich so ein Einblick in die Geschichte der Stadt und deren Soziologie. Schließlich ist nichts alltäglicher als der Gang auf den Abort. „Ein normaler Mitteleuropäer muss täglich sechs bis elf Mal auf die Toilette. In Berlin haben wir einen großen Mangel an öffentlichen Klos. Im vergangenen Jahr kamen 13,5 Millionen Touristen in die Stadt, es gibt aber nur rund 250 öffentliche Toiletten, das ist deutlich zu wenig“, sagt Haase, die ihre erste „Tour de Toilette“ an Verwandten und Freunden testete, die zunächst entsetzt waren. Heute hat sie aber alle auf ihrer Seite.

Die alten Griechen saßen gemeinsam auf Holzbänken

Gegenüber vom Treffpunkt am Gendarmenmarkt folgt ein historischer Exkurs: Im alten Griechenland war der Klo-Gang weniger mit Tabus behaftet als heute, man saß gemeinsam auf langen Holzbänken mit Löchern darin, freute sich, wenn der andere „gut konnte“ und besprach private Angelegenheiten sowie Berufliches. „Deswegen sagt man auch heute noch ,sein Geschäft verrichten’ dazu“, sagt Haase. Damals habe man statt Toilettenpapier einen Holzstab mit Mittelmeerschwamm verwendet, den Sklaven reinigen mussten. „Unter den Holzbänken waren Gräben, das Ganze war sehr hygienisch. So tabulos war es nie wieder“, sagt die Stadtführerin.

Haase, in Böhmen geboren, kam als Spätaussiedlerin nach Deutschland, wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf und machte schließlich in Ost-Berlin ihr Diplom zur Bekleidungsingenieurin. Als sie einen Ausreiseantrag stellte, degradierte sie ihr Arbeitgeber zur Garderoben- und Toilettenfrau, vier Jahre blieb sie das, bis sie einige Monate vor dem Mauerfall 1989 nach West-Berlin ausreisen konnte. Heute arbeitet sie mit 69 Jahren immer noch als freiberufliche Stadtführerin. „Ich mag es, ständig neue Menschen kennenzulernen und mir immer wieder Themen zu erschließen, über die ich noch nichts weiß“, sagt Haase.

Die Toilettentour, sagt sie, wird queerbeet von Touristen aller Art gebucht, aber auch von Arztpraxen, Abteilungen des Umweltministeriums oder auch Berufschullehrern, die Gas-Wasser-Installateure ausbilden.

„Unratweiber“ sammelten Fäkalien aus den Rinnsteinen

Lange Zeit gab es in Städten wie Berlin keine öffentlichen Toiletten. Die Menschen verrichteten ihre Notdurft auf der Straße oder in Eimern, die auf die Straße entleert wurden. Sogenannte „Unratweiber“ sammelten die Fäkalien aus den Rinnsteinen. „Es muss damals an heißen Sommertagen in der Stadt exorbitant gestunken haben“, sagt Haase. Ebenfalls interessant: Die Pelerinenmänner, die mit Eimern durch die Stadt zogen und Passanten gegen ein kleines Entgelt anboten, sich in einer stillen Ecke zu erleichtern. Erst ab 1900 gab es in Berlin Kanalisation.

Aus einem „Café Achteck“ wurde eine Pizzeria

Den Entwurf, nach dem die „Café Achtecks“ gebaut wurden, reichte der damalige Stadtbaurat Carl Theodor Rospatt im Jahr 1878 ein, wenig später entstanden die ersten öffentlichen Bedürfnisanstalten. Sie bestanden aus sieben grün lackierten, gusseisernen Wandelementen. Ihre Wände und Lüftungsschächte waren mit Ornamenten verziert und der achteckige Grundriss diente zur Inspiration des Spitznamens, der, typisch Berliner Schnauze, bald folgte. Die ersten Häuschen dieser Art wurden 1879 auf dem Weddingplatz und auf dem Moabiter Arminiusplatz aufgestellt. Bis 1997 war die BSR für die Anlagen zuständig, danach die Wall AG. Noch in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts gab es rund 140 der dunkelgrünen Toilettenhäuschen, heute sind nur noch rund 30 erhalten geblieben.

Übrigens: Diese ersten öffentlichen Toiletten waren Männern vorbehalten. Frauen, so Haase, hatten sich den drei Ks zu widmen: „Kinder, Kirche, Küche“. Und so war die Einführung von öffentlichen Toiletten für Damen um die Jahrhundertwende 1900 auch ein Stück weit Emanzipationsgeschichte.

Heute sind viele der alten „Café Achtecks“ in Berlin andersartig in Betrieb – in einem davon am Wittenbergplatz ist heute eine Pizzeria untergebracht. Und unter den U-Bahngleisen am Schlesischen Tor in Kreuzberg kann man heute beim Schnellimbiss „Burgermeister“ in einem ehemaligen Toilettenhäuschen Hamburger und Fritten bestellen. Die Menschentrauben vor der Trend-Imbissbude sind allerdings derart groß, dass die einstige Nutzung nur wenigen Besuchern auffallen dürfte. Wer genau hinschaut, entdeckt an den Seiten noch Schilder.

Anna Haase beklagt Mangel an öffentlichen Toiletten

Den Mangel an öffentlichen Toiletten beklagt Anna Haase seit Jahren, schließlich sei es ein Menschenrecht, seine Notdurft verrichten zu können. Sie setzt sich dafür ein, dass die Stadt in diesem Punkt ihrer Bringpflicht nachkommt. Sie arbeitete für den 1. Berliner Toilettengipfel einen Bericht über den Ist-Zustand aus, der ihrer Meinung nach arg verbesserungswürdig ist. „Auch für die Obdachlosen ist es zusätzlich degradierend, wenn es kaum Orte gibt, wo sie kostenlos eine Toilette nutzen können“, sagt Haase, und referiert schließlich noch über das Dixie-Klo, das der in Deutschland stationierte Soldat Fred Edwards 1973 erfand, weil ihm beim Klo-Gang mit Kameraden bei Manövern die Privatsphäre fehlte.

Außerdem von Interesse: Versenkbare Toiletten, wie es sie vor allem in Amsterdam und London, aber auch in Hamburg schon gibt und die Abhilfe schaffen, wenn vor allem abends Partygänger ihre Notdurft auf den Amüsiermeilen verrichten. Ob es diese nach Berlin schaffen, ist unklar – was nicht zuletzt am hohen Anschaffungspreis von bis zu 100.000 Euro liegt.

Haase, die sagt, sie habe zuhause „ein ganz normales Klo“, hat auch eine Lieblingstoilette in Berlin. Die befindet sich in der Erlebniskneipe „Das Klo“ in der Leibnizstraße. Hier endet ihre Tour auch – mit einem Absacker. In der Damentoilette findet sich eine japanische „Toto-Toilette”, die einen beheizten Sitz hat, den Körper duscht und anschließend reinigt. „Das ist etwas ganz Besonderes und einmalig in Berlin“, sagt Haase. Gleiches gilt für ihre kuriose Tour.

„Tour de Toilette“: Führungen durch Berlin

Anna Haase bietet seit zwölf Jahren die beliebte „Tour de Toilette“ mindestens einmal im Monat an. Die Tour kostet 15 Euro pro Person, ermäßigt 12 Euro, möglich ist auch eine Buchung als Gruppe. Start ist am grünen Toilettenhäuschen am Gendarmenmarkt (auf der rechten Seite des Französischen Doms, von der Markgrafenstraße aus gesehen). Von dort geht es einmal quer durch Berlin, teilweise mit der BVG, weswegen ein Ticket AB erforderlich ist.

Stationen sind unter anderem eine Toilette, die heute eine Pizzeria beherbergt, ein ehemaliges öffentliches Klo, in dem man heute Burger essen kann und sie endet in der Erlebniskneipe „Das Klo“, in der man gegen ein kleines Entgelt von 50 Cent eine japanische High-Tech-Toilette testen und die Tour alkoholisch ausklingen lassen kann. Wer noch mehr über Berlin wissen will, ist bei Anna Haase richtig. Sie hat Führungen zu mehr als 90 Themen im Angebot – von Spionen und Geheimdiensten damals und heute über Kreuzberg, das jüdische Berlin bis hin zu Mode, Gentrifizierung und sogar einer Führung mit Drehorgelbegleitung. Mehr Informationen: www.annahaase.de.

Stadtführungen in Berlin: Hier lesen Sie alle Teile der Serie