Bus und Bahn

365-Euro-Ticket - Müllers Vorschlag erschüttert den VBB

Die Idee einer Jahreskarte für 365 Euro kommt in Brandenburg nicht gut an. Einige sehen bereits den Verkehrsverbund in Gefahr.

Für einen Euro am Tag alle Bahnen und Busse, wie den 100er, in Berlin nutzen können, das ist die Idee des 365-Euro-Tickets.

Für einen Euro am Tag alle Bahnen und Busse, wie den 100er, in Berlin nutzen können, das ist die Idee des 365-Euro-Tickets.

Foto: Reto Klar

Berlin. Mit seinem Vorstoß zur schrittweisen Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets für den Nahverkehr hat Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nicht nur seine Koalitionspartner überrascht. Auch im Land Brandenburg fühlen sich viele Politiker von Müller überrumpelt. Denn gerade bei den dort ansässigen kommunalen Verkehrsunternehmen ist die Interessenlage derzeit eine ganz andere.

Statt einer starken Senkung der Ticketpreise wollen die Träger des öffentlichen Nahverkehrs nach drei Jahren Abstinenz endlich wieder eine Fahrpreiserhöhung durchsetzen, um mehr Geld zum Ausgleich der stark gestiegenen Kraftstoff- und Personalkosten zu erhalten. Inzwischen gibt es bereits erste Stimmen, die wegen der Berliner Alleingänge ein Ende des gemeinsamen Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) fordern.

+++ Kommentar: 365-Euro-Ticket bringt den Verkehrsverbund in Gefahr

38 Anbieter in der Region erkennen die VBB-Tickets an

Der Verbund war im Dezember 1996 von den beiden Bundesländern sowie den Landkreisen und kreisfreien Städten gegründet worden. Er gilt nach der gescheiterten Länderfusion als eines des Musterbeispiele für eine länderübergreifende Zusammenarbeit.

Kernstück ist die gemeinsame Tarifpolitik, die es Hunderttausenden Pendlern aus beiden Ländern ermöglicht, ohne ein zweites Ticket zu kaufen, zum Arbeitsplatz oder zur Erholung zu fahren. Neben den großen Nahverkehrsanbietern der Hauptstadt, den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der S-Bahn Berlin, erkennen 36 weitere Anbieter die VBB-Tickets an. Mit einem Einzugsgebiet von 30.546 Quadratkilometern ist der VBB aktuell der flächengrößte Verkehrsverbund Deutschlands und einer der größten Verkehrsverbünde in Europa.

VBB-Jahreskarte für Berlin kostet zwischen 728 und 761 Euro

Genau diesen Verbund stellt Müller mit seinem nicht abgestimmten Vorstoß nun infrage. Wie berichtet, hatte der Berliner Senatschef nach einem Treffen mit seinen Amtskollegen aus Wien und Zürich in einem Interview verkündet, Schritt für Schritt das Ziel zu verfolgen, ein Jahresticket für den öffentlichen Personennahverkehr für 365 Euro anbieten zu können.

Das würde unterm Strich mehr als eine Halbierung des aktuellen Preises einer VBB-Jahreskarte für Berlin bedeuten, die je nach Zahlweise zwischen 728 und 761 Euro kostet.

In Brandenburg gehen aktuell die Bestrebungen genau in die andere Richtung. „Wir brauchen ein verbindliches Signal aus Berlin, dass es in diesem Jahr zu einer Tariferhöhung kommt“, zitiert die „Märkische Oderzeitung“ den Landrat von Dahme-Spreewald, Stephan Loge (SPD). Loge ist wegen seiner Genehmigungshoheit über den Großflughafen BER in Schönefeld nicht nur einer der mächtigsten Politiker in der Region, sondern auch stellvertretender Vorsitzender des VBB-Aufsichtsrats.

Auch der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt (SPD), betont, dass die brandenburgischen Unternehmen eine Tariferhöhung bräuchten. Hintergrund sind die stark gestiegenen Kosten für die kommunalen Busunternehmen, deren Defizite dann in der Regel von den Landkreisen ausgeglichen werden müssen.

Gehaltserhöhungen von zehn Prozent für die Brandenburger

Erst zu Jahresbeginn hatte die Gewerkschaft Verdi Gehaltserhöhungen von zehn Prozent für die rund 3000 Brandenburger Beschäftigten des öffentlichen Nahverkehrs beschlossen, die refinanziert werden müssen. Hinzu kommt die Personalknappheit, weil bundesweit Busfahrer gesucht werden. Hans-Jürgen Hennig, Geschäftsführer von Regiobus Potsdam-Mittelmark, stellt den Verkehrsverbund infrage, falls seitens der Hauptstadtpolitiker weiter Tariferhöhungen blockiert werden.

Der VBB-Aufsichtsrat wird im September über mögliche höhere Ticketpreise beschließen. Eine Sprecherin verweist auf die 2015 getroffene Vereinbarung beider Länder, nach der die Fahrpreise nicht mehr nach politischen Erwägungen, sondern entsprechend der Entwicklung der Verbraucherpreise sowie der Kosten für Strom und Diesel angepasst werden. Der Index lag in den vergangenen zwei Jahren nur knapp über Null. Welchen Erhöhungswert die VBB-Experten für 2019 errechnet haben, wollte die Sprecherin nicht sagen. Zu hören ist aber, dass Kostensteigerungen von mehr als vier Prozent geltend gemacht werden.

Igeb: Müllers Idee könnte zur Sackgasse werden

Nach dem Müller-Vorstoß gilt es inzwischen als ausgeschlossen, dass der VBB eine Erhöhung des Jahreskartentarifs für Berlin beschließen wird. Stattdessen könnten die Preise für Einzeltickets sowie für Fahrscheine in Brandenburg überdurchschnittlich steigen. Der Berliner Fahrgastverband Igeb warnt jedoch vor einem weiter Auseinanderdriften der Fahrscheinpreise. Es könnte dazu führen, dass noch mehr Brandenburger als bisher mit dem Auto nach Berlin fahren. „Wenn nicht länderübergreifend gehandelt wird, führt Müllers Vorschlag in die Sackgasse“, sagt Igeb-Sprecher Wieseke.