Unter dem Grunewald

Erdgasspeicher könnte grüne Batterie für Berlin werden

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Gasspeicher-Chef Holger Staisch will unter dem Grunewald Methangas herstellen.

Gasspeicher-Chef Holger Staisch will unter dem Grunewald Methangas herstellen.

Foto: Maurizio Gambarini

Die Gasag wollte die Anlage stilllegen. Doch nun könnten Forschungsprojekte den Speicher zum Baustein für die Energiewende machen.

Berlin. Um zu zeigen, wie das Gas unter der Berliner Erde gespeichert wird, bleibt Holger Staisch (56) im Eingangsbereich der Berliner Erdgasspeicher GmbH neben einer Vitrine stehen. Hinter dem Glas liegt eine Gesteinsprobe. Irgendwann in den 80er-Jahren, als man sich in West-Berlin Gedanken um den Aufbau der Energie-Versorgungsinfrastruktur machte, haben Geologen unter dem Grunewald tief gebohrt und die feste Gesteinsmasse zu Tage befördert.

Staisch will erklären, wie der Speicher funktioniert. Da unten sei ja kein Hohlraum, sagt er. Entscheidend für die Aufnahme des Gases ist die Sandsteinschicht etwa 800 bis 1000 Meter unter der Erde. Das Speichern des Gases funktioniere dann im Grunde wie bei einem Schwamm, sagt Staisch, der Geschäftsführer des Speichers ist. „Der Sandstein an sich sieht kompakt aus. Erst bei der Betrachtung unter einem Mikroskop, erkennt man zwischen den Sandkörnchen die Hohlräume, die zur Speicherung des Gases genutzt werden können“, erklärt er.

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Staisch hat seit 2009 am Standort das Sagen. Er hat auch schwere Zeiten hinter sich. Das Berliner Energieunternehmen Gasag, zu dem auch die Erdgasspeicher GmbH gehört, hatte 2016 beschlossen, den Speicher stillzulegen. Bis 2023 soll die Infrastruktur vom Netz genommen werden. Der Hauptgrund: Wegen der Entwicklung der Gaspreise hatte die Gasag in den Jahren zuvor schlichtweg kein Geld mehr mit der Einlagerung des Gases verdient. Zuvor hatte die Gasag den Speicher vor allem als Puffer genutzt. Im Sommer, wenn der Preis günstig war, kaufte man große Mengen Erdgas und verbrauchte diese im Winter. Mittlerweile allerdings unterscheiden sich die Preise für Erdgas in Sommer und Winter nicht mehr groß voneinander. Das entzog dem Speicher die Geschäftsgrundlage. In vier Jahren sollte Holger Staisch als letzter Mann gewissermaßen das Licht ausmachen. Doch nun könnte alles anders kommen.

Die Gasag hat erkannt, dass der Speicher ein Baustein für die Energiewende sein kann. Wenn Deutschland in den nächsten Jahrzehnten tatsächlich klimaneutral Strom erzeugen oder heizen will, könnte der Weg dorthin auch mithilfe der Infrastruktur unter dem Berliner Grunewald gelingen. Staisch freut das: „Es geht nicht darum, dass wir uns erhalten, sondern einen wichtigen Beitrag zur Zukunft der Energiewirtschaft zu liefern. Wenn uns das gelingt, hat das auch eine Bedeutung für die Gaswirtschaft insgesamt“, sagt der Gasspeicher-Chef.

Vorbild für das Verfahren ist ein Projekt in Österreich

Staischs Hoffnungen nähren zwei Projekte, die die Gasag in den nächsten Jahren zunächst im kleineren Maßstab testen will und dann möglicherweise im Erdgasspeicher zur Anwendung bringt. Das größere der beiden Vorhaben ist das sogenannte Power-to-Gas-Verfahren. Dabei könnte die Berliner Erdgasspeicher GmbH mit überschüssigem Ökostrom aus dem Umland der Hauptstadt zunächst Wasserstoff herstellen und dann, über ein weiteres Verfahren, Methangas. Anschließend könnte der Stoff wieder als grünes Gas ins Netz eingespeist oder auch verstromt werden. So würde der Speicher im Grunewald zu einer großen grünen Batterie.

Für das Power-to-Gas-Projekt hat die Gasag ein Vorbild. Der österreichische Erdgasförderer Rag Austria hat in einer ehemaligen Gaslagerstätte in Oberösterreich einen ähnlichen Plan. Ein, zwei Jahre seien die Österreicher dem Berliner Vorhaben voraus, sagt Holger Staisch. Die Gasag hat den Prozess der Rag analysiert und nimmt nun an, das Ganze auf den Berliner Untergrund übertragen zu können. Sicher ist das jedoch nicht, deswegen will die Gasag das Verfahren erst in einem kleineren Rahmen untersuchen. Dafür will das Unternehmen auch Fördermittel des Bundes beantragen.

Ziel sei es zunächst ein Labor aufzubauen, sagt Staisch. „Wir müssen herausfinden, ob der Prozess hier unter unseren Bedingungen funktioniert, und ob wir daraus ein Verfahren entwickeln können, das auch industriell anwendbar ist“, erklärt Staisch. Denn anders als in Österreich hat der Berliner Untergrund einen höheren Salzgehalt. Das könnte hemmend wirken auf die dortigen Bakterien, die unter der Erde für die Umwandlung von Wasserstoff in Methan sorgen. Etwa zweieinhalb Jahre Zeit wollen sich Gasag und die Erdgasspeicher GmbH nehmen. Dann soll klar sein, ob die Zukunftsperspektive für den Speicher nahe dem Olympiastadion das Power-to-Gas-Verfahren sein kann.

Derzeit wäre mit dem Verfahren aber ohnehin noch kein Geld zu verdienen, sagt Gasspeicher-Chef Staisch. „Der Marktrahmen ließe es derzeit nicht zu, den hohen Aufwand für ein solches Projekt in irgendeiner Weise finanziell zu refinanzieren“, erklärt er. Das liege vor allem an den noch immer vergleichsweise günstigen Preisen für fossile Energieträger. Auch deswegen lässt sich die Gasag Zeit. Wenn der Labortest erfolgreich ist, wäre die nächste Stufe ein sogenanntes Technikum. Dort könnten pro Jahr rund eine Million Kubikmeter Methan erzeugt werden. Berlin habe derzeit etwa einen jährlichen Methan-Verbrauch von rund 90 Millionen Kubikmetern, schätzt Staisch.

Gasag will auch die Erdwärme nutzen

Losgelöst davon arbeitet die Gasag aber noch an einer geothermischen Nutzungsmöglichkeit für den Erdgasspeicher. Dabei soll die Wärme helfen, die sowieso schon im Untergrund vorhanden ist. Staisch hat dafür bereits einen Bereich unter der Erde im Auge: In rund 500 Metern Tiefe ist das Berliner Erdreich etwa 28 Grad warm. Die Temperatur könnte die Gasag verwenden, um etwa Hausbesitzern die Wärmeversorgung zu erleichtern. Das Unternehmen würde die Wärme aus dem Untergrund dann bis an die jeweiligen Immobilien fördern. Dann müsste die Energie über Wärmetauscher aufgenommen und auf das notwendige Temperaturniveau erhitzt werden. Abnehmer könnten Immobilienbesitzer, aber auch Schulen oder Krankenhäuser in der Gegend sein.

Staisch will in den nächsten Jahren zunächst den Untergrund untersuchen lassen. „Wir brauchen mehr Erkenntnisse, was die geothermische Nutzbarkeit angeht“, sagt er. Vielleicht gibt es in dem muschelkalkhaltigen Untergrund Berlins auch an anderen Standorten Potenzial für Geothermie.

Realisiert die Gasag beide Projekte, plant das Unternehmen mit Ausgaben im niedrigeren zweistelligen Millionenbereich. Geht alles gut, könnten die Berliner möglicherweise so auch Vorreiter für eine ganze Branche werden. Deutschlandweit existieren etwa 50 weitere Speicheranlagen, gut die Hälfte davon sind wie die Infrastruktur in der Hauptstadt Porenspeicher. Doch wegen der Entwicklung der Gaspreise geht es vielen Betreibern wirtschaftlich schlecht. Noch sitzt ein Großteil der Anbieter die finanziell herausfordernde Zeit aus. Doch Branchenexperten rechnen bereits damit, dass in den kommenden Jahren weitere Speicher den Weg der Stilllegung beschreiten werden.

Speicher sollte West-Berlin versorgen

Der Erdgasspeicher unter dem Berliner Grunewald ist ursprünglich ein Kind des Kalten Krieges: 1982 hatte der alliierte Kontrollrat den Aufbau des Speichers beschlossen, um die Gasversorgung West-Berlins sicherzustellen. Geplant war damals, die Stadt ein Jahr lang autark mit Gas versorgen zu können. Genutzt wurde die Infrastruktur aber erst nach dem Fall der Mauer.

Der Speicher ist drei mal vier Kilometer groß, in 800 Metern Tiefe und liegt westlich des Olympiastadions. Die Anlage ist als Porenspeicher konzipiert, aus dessen Gesteinsschichten Wasser durch Erdgas verdrängt wird. Eine Deckschicht aus Tonstein und Salz hält den Speicher dicht. Die Gasag hatte 2016 die Stilllegung beschlossen. Das Verfahren soll bis 2023 beendet sein.