Gedenkstätte

Wolf Biermann singt im Stasi-Gefängnis

Am Tag der offenen Tür im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gibt Wolf Biermann ein Konzert.

Für Sänger Wolf Biermann (l.) und die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, ist der Tag der offenen Tür ein Grund zum Feiern.

Für Sänger Wolf Biermann (l.) und die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, ist der Tag der offenen Tür ein Grund zum Feiern.

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Services

Berlin. Die Haare und der Schnurrbart sind weiß, die Gestalt leicht gebeugt. Doch die Stimme von Wolf Biermann ist kräftig. Bis in die Nebenstraßen sind seine Lieder zu hören, die er am Sonntagnachmittag auf dem Hof der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen singt. Es ist das Gelände des ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnisses. Bis zum Fall der Mauer wurden hier Tausende verhört, bedroht, gefangen gehalten. Der Liedermacher, der 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde, tritt zum ersten Mal an diesem Ort auf. Anlass ist der Tag der offenen Tür, zu dem die Gedenkstätte eingeladen hat.

Zeitzeugen berichten an diesem Tag, wie sie ins Untersuchungsgefängnis kamen, was sie durchmachen mussten, wie ihr Leben weiter verlief. Zu sehen sind Fahrzeuge, in denen Gefangene transportiert wurden. Zu besichtigen ist auch das Haftkrankenhaus mit seinen Zellen. Hinter der Bühne ist der Wachturm zu sehen, an der Mauer mit Stacheldraht, die das Areal an der Genslerstraße abgrenzte, das seit 1994 eine Gedenkstätte ist.

Biermann will seine „politisch aggressivsten“ Lieder singen

Jährlich sehen sich mehr als 450.000 Menschen das einstige Stasi-Gefängnis an. An diesem Sonntag sind mehr als 600 Menschen gekommen, um Wolf Biermann zu hören. Sie sitzen auf Bänken und Stühlen vor der Bühne, auf dem Rasen und auf Treppenstufen und hören ihm zu.

Er werde seine „politisch aggressivsten“ Lieder singen, kündigt der 82-Jährige an. Es sind die Lieder, die der Künstler auf seinem legendären Konzert in Köln 1976 nicht darzubieten wagte, um nicht den Rauswurf aus der DDR zu riskieren. „Weil ich klug sein wollte.“ Dennoch konnte er nach dem Auftritt nicht mehr in die DDR zurückkehren. Hier in Hohenschönhausen „darf ich und muss ich sie singen“.

„Ich weiß nicht, ob ich das hier durchgestanden hätte“

Biermann wirkt fröhlich, selbstbewusst, nachdenklich und kraftvoll. Vor dem Konzert sagt er: „Das ist ein magischer, trauriger, großer Ort für mein Leben. Viele junge Leute in der DDR, die meine Lieder gesungen und verbreitet haben, sind hier gelandet und von der Stasi kaputt gemacht worden.“ Er, der sie geschrieben habe, sei nicht eingesperrt worden. „Weil ich schon zu bekannt war. Das hätte meine Lieder noch mehr verbreitet.“ Mit Blick auf das Gefängnis fügt er hinzu: „Ich weiß nicht, ob ich das hier durchgestanden hätte.“

Wer sich nicht wehrt, hat überhaupt keine Chance

Am Tag der offenen Tür ist auch Marianne Birthler in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Sie war von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen. Die 71-Jährige führt am Nachmittag ein kurzes Bühnengespräch mit Biermann. „Hunderte sind hier“, sagt sie, „die kommen und gehen können, wie sie wollen. Und Wolf Biermann singt an diesem Ort, den früher kein normaler Mensch zu Gesicht bekommen hat.“ Dies sei ein Grund zum Feiern und „symbolisiert das, was vor 30 Jahren passiert ist, am allerbesten“.

„Wenn man sich nicht wehrt“, sagt Biermann, „hat man überhaupt keine Chance.“ Er singt die „Populär-Ballade“ – über Parteifunktionäre der SED: „Heut’ sitzt ihr noch im Speck als dicke deutsche Maden. Ich konservier’ euch als Insekt im Bernstein der Balladen.“

„Gesund übersteht man das nicht“

Seine Liedertexte, die Biermann auf der Bühne vor sich liegen hat, werden manchmal vom Wind ins Publikum geweht. Und schnell wieder zurückgereicht. Unter den Zuhörern ist auch der Schauspieler Michael Mendl. Auf der Schauspielschule habe er 1964 in Essen sämtliche Biermann-Lieder gesungen. „Er war für mich der große politische Hero“, sagt er. Nun wolle er Biermann erstmals live erleben, so der 75-Jährige.

Die Besucher nutzen indes an diesem Tag auch die Möglichkeit, das Haftkrankenhaus und das Untersuchungsgefängnis zu besichtigen. Einer, der mehrere Monate hier verbringen musste, ist Andreas Mehlstäubl, Jahrgang 1965. Er berichtet, wie er Mitte der 80er-Jahre versuchte, über die tschechische Grenze nach Bayern zu fliehen, und dabei von Grenzsoldaten festgenommen wurde. Er erzählt von der zermürbenden Zeit als 21-Jähriger in der Einzelzelle in Hohenschönhausen: „Gesund übersteht man das nicht.“ Man müsse sich damit auseinandersetzen, „sonst wird man nicht froh“. Die, die ihre Sprache nach der Haft wiedergefunden haben, meint Mehlstäubl, sollten agieren, „stellvertretend für die, die das nicht mehr könnten“.