Online-Therapie

Britta Steffen: „Robustheit ist wichtiger als Talent“

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Erfolg ist Kopfsache – diese These von Start-up-Gründerin Farina Schurzfeld (l.) bestätigt Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen.

Erfolg ist Kopfsache – diese These von Start-up-Gründerin Farina Schurzfeld (l.) bestätigt Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen.

Foto: Thomas Schubert

Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen wirbt für mentale Gesundheit. Und unterstützt den Pankower Onlinetherapie-Anbieter „Selfapy“

Berlin. Sie war in Höchstform, hatte die Entwicklungsmöglichkeiten ihres Körpers bis zur letzten Muskelfaser ausgereizt. Sie war im Training Bestzeit geschwommen. Und im Wettkampf? Da gab es etwas, das Britta Steffen bremst. Die Versagensangst hing an ihren Schultern wie ein unsichtbares Gewicht.

Heute, zehn Jahre später, sitzt die Doppel-Olympiasiegerin an Konferenztischen und erzählt anderen Leistungsträgern, wie es gelang, diese Last abzuwerfen. Die Spitzenschwimmerin berichtet ganz offen davon, wie ihr eine psychologische Behandlung zum Durchbruch verhalf, den auch das härteste Training nicht zu bewirken vermochte. „Ich musste erst lernen, anders zu denken, wenn die Angst kommt“, weiß Steffen heute.

Es ist die Lebensweisheit einer Frau, die nach dem Bezwingen dieser Angst 2008 zweimal Gold bei den Olympischen Spielen in Peking gewann und bis zum Karriereende 23 Medaillen erringen konnte. Einer Frau, die Sportjournalisten im Alter von nur 35 Jahren süffisant als „Schwimm-Oma“ bezeichnen. Aber bis sie tatsächlich Großmutter wird, hat Steffen noch eine Mission. Sie will jetzt anderen helfen, ihre mentalen Probleme zu überwinden. Steffen glaubt zu wissen, was über Erfolg und Niederlage in den wichtigsten Disziplinen des Lebens entscheidet und sagt: „manche stürzen, weil sie nicht hart genug sind. Die geistige Robustheit entscheidet. Sie ist wichtiger als Talent.“

Online-Behandlung soll Wartezeit zur Therapie füllen

Weil diese Robustheit nicht jedem gegeben ist, unterstützt Britta Steffen nun als Schirmherrin ein Start-up, das Betroffenen den Gang zum Psychologen ersparen soll – oder zumindest die Wartezeit auf einen Termin verkürzt. „Selfapy“ nennt sich das junge Unternehmen aus Prenzlauer Berg. Hier ist der Name, zusammengesetzt aus den englischen Worten „self“ und „therapy“ buchstäblich Programm. Es geht darum, Menschen mit psychischen Problemen eine Selbstbehandlungsmöglichkeit im Internet zu bieten.

Depressionen, Ängste, Schlaf- oder Essstörungen – Gründerin Farina Schurzfeld und ihr 30-köpfiges Team wollen für weit verbreitete Leiden eine professionelle Verhaltenstherapie auf digitalem Wege anbieten. Mit einer Sofortmaßnahme könne das Start-up auf die Knappheit an Therapieplätzen in traditionellen Praxen reagieren, lautet das Versprechen. Weil die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt, müssen Patienten in Deutschland monatelang auf Termine warten. Laut der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung ist je nach Region mit einem Behandlungsstart von 15 Wochen zu rechnen.

Hemmschwellen für psychologische Behandlungen senken

„Unser Angebot soll helfen, die Wartezeit bis zur Verhandlung auszugleichen. Und bei leichteren Erkrankungen kann es eine klassische Therapie sogar ganz ersetzten“, beschreibt Schurzfeld die Ziele von „Selfapy.“ Über einen Zeitraum von etwa 12 Wochen sei es möglich, mit einen fünf- bis zehnminütigem Verhaltenstraining und einem wöchentliche Telefongespräche mit einem Psychologen die Beschwerden spürbar zu lindern.

Eine klassische Therapie für schwere Fälle wird und will die Plattform auch nicht ersetzen. „Unser Angebot kann aber die Hemmschwelle senken, sich in Behandlung begeben“, meint Schurzfeld.

Britta Steffen lag jeden Mittwoch „auf der Couch“

Dass die Standards einer herkömmlichen Therapie auch im Internet gelten, das soll die wissenschaftliche Begleitung und eine Zusammenarbeit mit der Charité garantieren. Am Anfang steht ein Selbsttest, der dazu dient, den Patienten in den geeigneten Therapieverlauf einzuordnen. Dann sollen individuelle Verhaltensübungen dabei helfen, die seelische Balance wieder herzustellen. 4500 Patienten sind bei „Selfapy“ nach Angaben des Unternehmens derzeit in Behandlung. Seitdem sich Krankenkassen die Behandlung unterstützen, habe man einen Anmeldungsschub bemerkt, erzählt Farina Schurzfeld.

Auch sie erlebte Zeiten psychischer Anspannung. Nach dem Studium zog die junge Frau nach Australien und trug dort Verantwortung für einen Ableger Rabattportals Groupon. Aber als ihre Mutter schwer erkrankte, brach Schurzfeld ihre ehrgeizige Laufbahn ab, schaltete einen Gang zurück und wagte schließlich 2016 als eine von drei Gründerinnen von „Selfapy“ einen Neuanfang.

Sie hält es mit den Lebenserfahrungen der Vergangenheit ähnlich wie Britta Steffen. Die nimmt ihre eigene Biografie als Beleg und sagt: Was im Spitzensport psychische Probleme abbaut, kann in jedem Lebensbereich helfen, das Wohlbefinden zu steigern. Während ihrer psychologischen Behandlung verbrachte Steffen jeden Mittwoch eine Stunde „auf der Couch“. Dort lernte sie, etwas, das man in keiner Schule vorgelebt bekomme. Selbstreflexion, das Auflösen von „negative Glaubenssätzen“. „Man lernt nirgends, mit seinen Gedanken umzugehen“, bedauert die Olympiaheldin, die heute mit ihrer Familie in Pankow lebt.

Beruhigungsübungen lösen die Hemmungen

Dass man sich trotz einer Spitzenform allein fühlt und ins Grübeln kommt, könne wiederum ein Zeichen des Erfolgs sein. Die Schwimmerin lernte, dass Erfolg tatsächlich einsam machen kann, weil andere sich durch das Glück zurückgesetzt fühlen können. „Positives Normbrechen“, nennt es Steffen, wenn man andere unabsichtlich überstrahlt.

Und wie bekam sie nun die Last von ihren Schultern? Durch Weglassen. Weniger Training, weniger Druck vom Trainer, dafür ein kurzer Mittagsschlaf und regelmäßige Beruhigungsübungen. Durch einen kleinen Schritt zurück machte Steffen im Wasser einen Satz nach vorn. Heute ist sie sicher: Wer zu viel leisten will, wer Körper und Geist überfordert, der bringt sich um den Erfolg. Und raubt sich ein Stück vom Lebensglück.