Stadtführung

Berlin mit einem ehemaligen Odachlosen neu entdecken

Wenn Dieter Bichler die Stadt aus der Sicht von Obdachlosen erklärt, lernt man Berlin mit anderen Augen zu sehen.

Dieter Bichler, hier am Savignyplatz, hat früher selbst auf der Straße gelebt – heute bietet er Stadtführungen an.

Dieter Bichler, hier am Savignyplatz, hat früher selbst auf der Straße gelebt – heute bietet er Stadtführungen an.

Foto: Foto: Jörg Krauthöfer

Am Treffpunkt Hardenbergstraße/Ecke Hardenbergplatz warten 16 junge Menschen aus Nordrhein-Westfalen auf Dieter Bichler (50). Die Ecke am Bahnhof Zoo ist für Obdachlose eine Art Ballungsraum: Die Bahnhofsmission bietet kostenlose Mahlzeiten und die Möglichkeit, sich zu duschen, die Ambulanz der Caritas behandelt auch Menschen, die nicht krankenversichert sind. Die Führungsteilnehmer, ein Sozialarbeiter und 15 junge Männer und Frauen, die gegenwärtig ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Roten Kreuz Düsseldorf machen, haben über Bichlers Führung von einer Kollegin schon viel Gutes gehört. Für sie sind die zwei Stunden durch Berlin mit „Querstadtein“ gleichzeitig eine Art Seminar, viele von ihnen planen, später in sozialen Berufen zu arbeiten.

Bichler, dunkle Jeans, dunkles Hemd, dunkle Lederschuhe, verspiegelte Sonnenbrille und Armeerucksack, beginnt an der Jebensstraße mit ein paar einfachen Fragen. Wie viele Menschen leben in Berlin? Und wie viele davon sind ohne festen Wohnsitz? Die erste Frage können die FSJ-ler noch beantworten (rund 3,6 Millionen), bei der zweiten wird es schwierig. „Schätzungen zufolge sind davon rund 10.000 obdachlos, und die Tendenz ist steigend“, sagt Bichler. „Die meisten treiben Süchte, finanzielle Probleme oder psychische und physische Probleme in die Obdachlosigkeit.“ Bichler, der im Herbst 2012 in Berlin strandete, nachdem er seine Wohnung in Thüringen verloren hatte, erzählt von einer Gruppe Obdachloser, auf die er gleich am ersten Tag in Berlin traf und die ihn sofort unter ihre Fittiche nahmen.

Von sieben Weggefährten lebt nur noch einer

Von den sieben Personen, mit denen er in den neun Wochen, die er in Berlin auf der Straße lebte, durch dick und dünn ging, sind mittlerweile sechs gestorben. „Drei starben an den Folgen exzessiven Alkoholkonsums, eine an ihrer Crystal-Meth-Sucht, einer ist erfroren und einer starb unter mysteriösen Umständen“, sagt Bichler. In der Jebensstraße komme an 14 bis 18 Stunden am Tag warme Luft aus einem Lüftungsgitter, deswegen hätten er und seine sieben Kameraden sich hier gerne aufgehalten, bis eine Beschwerde des gegenüberliegenden Oberverwaltungsgerichts dafür sorgte, dass sie von Sicherheitsmitarbeitern der Deutschen (Bank?) des Platzes verwiesen wurden. Grund: Man wollte den Mitarbeitern des Gerichts ersparen, das Elend in ihrer Mittagspause zu sehen. Als Bichler beschreibt, dass er und seine Kameraden sich gerächt hätten, indem sie ihre entblößten Allerwertesten für 20 Minuten in die am Gebäude angebrachten Überwachungskameras hielten, lachen alle. Und können diese Aktion angesichts der menschlich kalten Aussage der Behördenleitung verstehen.

Neben Bichler lebt noch ein zweiter der Gruppe, Boris, den es ursprünglich aus Litauen nach Berlin verschlug und der aufgrund seines schweren Alkoholproblems mit 36 schon stark gealtert ist. „Boris war früher Boxer im Schwergewicht, 2,05 Meter groß und wenn er böse geschaut hat, sind die meisten gleich wieder abgezogen und haben uns in Ruhe gelassen“, erklärt Bichler die Dynamik in der Gruppe. Billy, die fünf Sprachen fließend beherrschte, dolmetschte, wenn es nötig war. Ein anderer war dafür zuständig, Dinge „auszuleihen” wie Bichler es umschreibt, und er selbst habe die Rolle eines Schiedsrichters gehabt.

Bauliche Maßnahmen gegen Obdachlose?

Nächster Stopp: Eine moderne Skulptur aus schwarzem PVC des verstorbenen Künstlers Hans Nage, die auf dem Vorplatz des Konzertsaals der Universität der Künste steht. Bichler führt aus, warum wir ausgerechnet hier halten. Er deutet auf das Kunstwerk, das sich aufgrund seiner schwarzen Farbe schnell aufheizt. „Im Winter haben wir hier unsere Wäsche zum Trocknen aufgehängt, das hier ist, wenn man so will, Berlins teuerster Wäschetrockner“, sagt Bichler. Einer von vielen Momenten dieser Führung, in denen man beginnt, die Stadt mit anderen Augen zu sehen.

Wir laufen weiter zum Steinplatz. In der prallen Sommerhitze ist es ein unwirtlicher Ort, es gibt kaum Bäume, die vor der Sonne schützen und trotz der großen Rasenfläche in der Mitte hat der Platz etwas von einer Betonwüste. Bichler hat Fotos dabei, wie der Steinplatz vor seiner Sanierung aussah – eine Hecke und diverse Bäume mussten der Umgestaltung weichen, die ehemals ebenen Bänke sind nun so gerundet, dass man nicht mehr auf ihnen schlafen kann und die Beton-Sitzflächen seien im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt, um sich dafür zu eignen. „Der Steinplatz ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Verwaltung versucht, Obdachlose durch bauliche Maßnahmen aus dem Stadtbild zu entfernen“, sagt er.

Nach der Tour geht man mit anderem Blick durch die Stadt

Inwiefern das stimmt, sei dahingestellt – fest steht: Wer sich Berlin unter dem Aspekt ansieht, wo es sich bei Minusgraden auf der Straße überleben lässt, der merkt schnell, wie schwer das schiere Durchkommen von Tag zu Tag für diejenigen ist, die keinen Platz in einer Notunterkunft bekommen haben oder dies aus verschiedenen Gründen nicht möchten.

„Ich finde die Führung total interessant, der Stadtführer ist sympathisch und erzählt sehr anschaulich”, sagt Teilnehmerin Dagmara Aliev. Die 20-Jährige aus Neuss macht derzeit ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten, wird ab Herbst soziale Arbeit studieren. „Ich habe Obdachlosen zwar öfter Geld gegeben, aber noch nie mit einem von ihnen geredet. Irgendwie hat man ja auch Hemmungen, einen Menschen einfach so auszufragen“, sagt Aliev. Auch den anderen scheint die Führung zu gefallen: Sie votieren nahezu einstimmig dafür, eine längere Version der Tour zu machen, als Bichler in die Runde fragt, wie es weitergehen soll.

„Schon wieder so ein Penner“

Kurzer Fußmarsch zum Savignyplatz, hier der Gegenschlag: „Die Bänke am Savignyplatz eignen sich gut zum Schlafen, sie sind eben, aus Holz und im Boden verankert, was Obdachlose davor schützt, mitsamt der Bank umgestoßen zu werden“, erzählt Bichler. Dann folgt die Geschichte seiner Obdachlosigkeit – die wir an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchten. „Das Schlimmste während der Obdachlosigkeit waren für mich die Gewalterfahrungen und die Nichtachtung. Für die meisten Menschen ist man kein Mensch, sondern ein notwendiges Übel, und natürlich hört man es, wenn sie im Vorbeigehen sagen: ‘Schon wieder so ein Penner’, erinnert sich Bichler. Davon ist er heute weit entfernt. Er hat eine eigene Wohnung in Karlshorst und ist seit vier Jahren schuldenfrei. „Heute verdiene ich mein eigenes Geld und beziehe lediglich einen Zuschuss vom Jobcenter. Ich kann mir kaufen, was ich möchte, nicht nur, was ich unbedingt brauche. Das ist ein enormer Unterschied“, sagt er. Und ruft damit etwas ins Bewusstsein, das man sich viel öfter klarmachen sollte.

Wie schützen sich Obdachlose?

Zur Grundausstattung jedes Obdachlosen gehören laut Bichler eine Isomatte, ein Schlafsack und mindestens eine Wolldecke. Mit Iso-Matte und Schlafsack schützt man sich gegen die Kälte, die von unten kommt. Die Wolldecke wird zu einem großen Schal gefaltet und um die Hüften geschlungen, damit man sich durch die Kälte keine Nierenschäden zuzieht.

Führungen mit dem Verein Querstadtein

Unter dem Motto „Obdachlose zeigen ihr Berlin“ bietet der Verein Querstadtein verschiedene Führungen an, die auch für Kinder ab zehn Jahren geeignet sind. Dabei geht es um individuelle Perspektiven der Menschen, über die viele reden, ohne einem von ihnen jemals persönlich begegnet zu sein.

Es gibt sowohl offene Touren am Wochenende als auch Führungen für geschlossene Gruppen. Die Führungen mit Dieter Bichler, Titel: „Obdachlos auf schicken Straßen“, beginnen am S-Bahnhof Zoologischer Garten, gut erreichbar mit der U2, der U9 sowie mehreren S-Bahnlinien. Der nächste offene Termin findet am 14. Juli um 14 Uhr statt, ein Ticket kostet 13 Euro (8,50 Euro ermäßigt). Außerdem bietet Uwe Tobias mit „Draußen schlafen ist eine Kunst“ ebenfalls eine Stadtführung mit dem Schwerpunkt Obdachlosigkeit an. Der nächste Termin für diese ist am 7. Juli um 14 Uhr.

Informationen zu den Führungen gibt es unter querstadtein.org. Dort kann man auch Tickets für die einzelnen Touren buchen.