Stadtführungen

Die Krimitour führt zu Mord und Totschlag an der Spree

Diese Tour führt zu den Tatorten der größten Kriminalfälle Berlins. Es geht auch um Leichenteile in Koffern und Menschfleisch in Dosen.

Kerstin Wittig führt ihre Gäste auf die dunkle Seite der Großstadt Berlin. Eine Station ihrer Tour ist auch der Pariser Platz.

Kerstin Wittig führt ihre Gäste auf die dunkle Seite der Großstadt Berlin. Eine Station ihrer Tour ist auch der Pariser Platz.

Foto: Sergej Glanze

In den zahllosen Kaschemmen, Kabaretts, Bars und Tanzcafés Berlins tanzt und trinkt sich die Bevölkerung durch die unruhigen Zeiten der Weimarer Republik. Mit Kokain und Morphium puscht sie sich auf und betäubt die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Zwischen 1919 und 1933 wächst Berlin zu einer Vier-Millionen-Metropole. Sie wird zu einer der modernsten Städte der Welt und lockt Menschen aus allen Herren Länder an. Und auch die Kriminalität wächst an der Spree. Viele suchen das „schnelle“ Geld, oft mit zwielichtigen Methoden und mit Gewalt. Morde, Tunnelgangster, Hinrichtungen, Fassadenkletterer und Betrüger, davon erzählt Kerstin Wittig auf ihrer Kriminalführung durch Berlin.

Es geht um Wurst aus Menschenfleisch, Leichenteile in Koffern, organisierte Kriminalität und um einen Mann, der die Mordermittlungen in Berlin revolutionierte. Die Stadtführerin zieht ihre Gäste auf die dunkle Seite der Stadt, entführt erzählerisch in ein anderes Jahrhundert und berichtet von spektakulären Kriminalfällen aus der Zeit der Teilung. Etwa zweieinhalb Stunden dauert die Tour vom Hauptbahnhof bis zum Adlon am Pariser Platz.

Die Bedeutung von „Vor Wut im Dreieck springen“

„Es gibt viele Gäste, die buchen die Tour im Winter, wenn es grau und nebelig ist“, sagt Kerstin Wittig. „Vielleicht brauchen sie den Novembernebel für den Gruseleffekt.“ Davon ist an diesem Sonnabend nichts zu sehen. Im Gegenteil. Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein begrüßt die 52-Jährige ihre Gruppe von 18 Personen am „Rolling Horse“-Denkmal am Hauptbahnhof.

Dort erzählt Wittig vom ersten Preußischen Zellengefängnis, das in unmittelbarer Nähe an der Lehrter Straße gebaut wurde. Jeder Gefangene war in einer Einzelzelle untergebracht. Durch die sternförmige Anordnung der Gebäude entstanden dreieckigen Innenhöfe. In diesen etwa zehn Quadratmeter großen dreieckigen Höfen machten die Insassen isoliert Hofgang. Wurde die Enge einem der Gefangenen zu viel, sprang er vor Wut in diesem kleinen Dreieck herum. Daher der Begriff „im Dreieck springen“. Das Gefängnis wurde 1957/ 58 abgerissen. Bevor sich die Gruppe in Bewegung setzt, berichtet die Kunsthistorikerin noch von der Leichenschauhalle der Gerichtsmedizin in der Charité. Bis 1933 wurden dort nicht identifizierte Leichen öffentlich ausgestellt, damit sie möglicherweise von den Besuchern erkannt werden konnten. Die Nationalsozialisten beendeten das öffentliche Leichen schauen.

Im Ofen verkohlte Überreste von Händen

Mit dem ersten großen Fall der Krimitour schockt Wittig ihre Gäste. Sie erzählt vom Serienmörder Carl Großmann. Im Mai 1921 fand man nahe seiner Wohnung zwischen der Schillingbrücke und dem Engelbecken immer wieder Leichenteile von Frauen. Im August 1921 wurde er schließlich auf frischer Tat in seiner Wohnung ertappt. Als die alarmierten Beamten seine Wohnung aufbrachen, konnten sie Großmann am Selbstmord hindern, und in seinem Ofen fanden sie verkohlte Überreste von Händen. Er gestand zwei Morde an Frauen. Die geschätzte Zahl der von ihm begangenen Taten liegt zwischen 23 weiteren ungeklärten Mordfällen und 100 verschwundenen Personen im Raum Berlin.

„Großmann sprach rund um den Andreasplatz überwiegend alleinreisende Frauen und Prostituierte an und lockte sie zu sich nach Hause“, erzählt die Stadtführerin. In Zeiten großer Armut stellte er ihnen eine Anstellung als Wirtschafterin in Aussicht oder versprach ihnen Essen. „Es gibt Vermutungen, dass er seine Opfer zu Wurst- und Dosenfleisch verarbeitet hat, da er am Schlesischen Bahnhof einen Wurststand besaß“, erzählt Wittig. Es wurde auch spekuliert, er habe Teile seiner Opfer selbst verspeist. „Diese Vermutungen wurden aber nie bewiesen.“ Der 58-Jährige erhängte sich vor seinem Gerichtsprozess an seinem Bettzeug in seiner Zelle.

Ernst Gennat revolutionierte die Mordermittlungen

„So eine Tour ist eine völlig andere Möglichkeit, eine fremde Stadt zu erkunden, man bekommt einen komplett anderen Einblick“, sagt Stephanie Jungwirth aus Neuss. Gemeinsam mit Sohn Julius und Ehemann Gunnar verbringt sie das Wochenende in der Stadt. Julius habe diese Tour für die Familie ausgesucht und war auch begeistert. „Als wir in Paris waren, haben wir eine Stadtführung gemacht, bei der uns die Orte der Französischen Revolution gezeigt wurden“, erzählt er.

Auf dem Weg zu den nächsten Stationen berichtet Kerstin Wittig von den Ringvereinen, in denen sich ehemalige Strafgefangene und Kriminelle organisiert hatten. Zum einen, um sich gegenseitig zu unterstützen, zum anderen, um weitere Verbrechen zu planen. Etwa 80 dieser Vereine gab es in den 20er-Jahren in Berlin. Auch Ernst Gennat, der legendäre Kriminalkommissar, ist Thema der Tour. Der Mann, der die Mordermittlungen revolutionierte. Er galt schon zu Lebzeiten als Legende. Dank seiner Bemühungen wurde aus einem „Mordbereitschaftsdienst“ innerhalb der Kriminalpolizei eine fest eingerichtete „Zentrale Mordkommission“, die weltweit Beachtung fand. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Kriminalistik erkannte Gennat als einer der ersten die Wichtigkeit der exakten Spurensicherung am Tatort. Er legte feste Richtlinien für die Arbeit am Tatort fest.

„Vor seiner Zeit war es üblich, dass die ersten Schutzmänner am Tatort erst einmal für Ordnung sorgten“, erzählt Wittig. „Sie haben die Leiche schon mal ordentlich auf das Bett oder das Sofa gelegt, bevor die Mordkommission kam.“

Ein weiterer Fall führt in das Jahr 1939 und acht ermordeten Frauen. Immer wieder verschwanden Frauen, die in der S-Bahn in Richtung Karlshorst unterwegs waren.

Motiv für die Taten: „Ich habe Frauen gehasst“

Nach zweijährigen Ermittlungen, Polizisten verkleideten sich sogar als Frauen, kam man dem Reichsbahnmitarbeiter Paul Ogorzow auf die Spur. Er vergewaltigte 31 Frauen und ermordete acht von ihnen. Fünf Leichen warf er zwischen Rummelsburg und Rahnsdorf aus dem fahrenden Zug. In Reichsbahnuniform gekleidet fand er seine Opfer abends in den meist leeren und dunklen Zugabteilen. In der Vernehmung nannte er als Grund: „Ich hasse Frauen.“

Der Spaziergang mit „Gruseleffekt“ führt nahe dem Reichstag hinunter an das Spreeufer. Dort erzählt die Stadtführerin von einer drogenabhängigen Krankenschwester und gemeinsamen Ermittlungen in Ost und West. Kinder fanden beim Spielen Leichenteile in Koffern. Um an Geld für Drogen zu gelangen, tötete die Krankenschwester 1950 ihre männlichen Opfer mit Arsen und warf sie dann in die Spree. Die Frau wurde zu zweimal Lebenslang verurteilt. Vor dem Hotel Adlon am Pariser Platz endet die Tour mit der Geschichte eines mörderischen Hochstaplers. Als Baron von Winterfeld stieg er im Adlon ab, erdrosselte dort einen Geldbriefträger. Seine Beute: knapp 280.000 Mark. Gefasst wurde er dreieinhalb Jahre später in Dresden.

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