Arbeitsmarkt

Berliner Wirtschaft befürchtet Konjunkturdelle

Die Arbeitslosigkeit in Berlin ist im Juni nur leicht gesunken. Firmen hoffen nun auf das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz.

Firmen in Berlin fehlen rund 141.000 Fachkräfte.

Firmen in Berlin fehlen rund 141.000 Fachkräfte.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Berlin. Politik und Wirtschaftsverbände in Berlin haben unterschiedlich auf die neuen Arbeitsmarktzahlen reagiert. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin erklärte, dass der Arbeitsmarkt in der deutschen Hauptstadt schwerer prognostizierbar werde. „Denn es ist nicht abzusehen, ob die stagnierenden Beschäftigungszahlen Vorboten eines Klimawandels sind oder es sich nur um eine Sommerpause handelt“, sagte Jörg Nolte, Geschäftsführer für Wirtschaft und Politik am Montag.

Die nachlassende Konjunktur hinterlasse ihre Spuren, sagte hingegen der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck. „In Berlin stagniert die Arbeitslosenquote – das Land bleibt weiterhin auf dem vorletzten Platz im Ranking der Bundesländer“, so Amsinck weiter. Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) sprach in einer Mitteilung hingegen von einer „insgesamt guten Beschäftigungslage“.

152.615 Menschen waren im Juni in Berlin arbeitslos gemeldet

Am Montag veröffentlichte Zahlen zeigen, dass die Arbeitslosigkeit in Berlin im vergangenen Monat weiter leicht zurückgegangen ist. 152.615 Menschen waren im Juni arbeitslos gemeldet und damit 816 weniger als noch im Mai, wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sank die Zahl um 854. Die Arbeitslosenquote blieb mit 7,8 Prozent allerdings unverändert. Verglichen mit dem Juni des vergangenen Jahres ging sie leicht um 0,1 Prozentpunkte zurück.

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Den Arbeitsagenturen und Jobcentern wurden im Juni 6576 neue Arbeitsstellen gemeldet. Das waren 530 mehr als im Vormonat. Insgesamt waren im vergangenen Monat im Land Berlin 27.418 freie Arbeitsstellen gemeldet, 2019 mehr als im Juni 2018. Erstmals hatte laut UVB aber die boomende Baubranche im Juni weniger offene Stellen angegeben. Hauptgeschäftsführer Amsinck nannte die Entwicklung „besorgniserregend“. Der Senat müsse nun für ein positives Investitionsklima sorgen. „Dazu gehören Anreize für den Neubau von Wohnungen, Bürokratie-Abbau, eine Liberalisierung der Bauordnung sowie Bauförderprogramme“, erklärte Amsinck.

Laut IHK-Monitor fehlen 141.000 Fachkräfte in Berlin

In Berlin bleibe die Nachfrage nach Fachkräften insgesamt aber hoch, so die IHK. Laut Fachkräftemonitor der Kammer liegt der aktuelle Fachkräfteengpass in Berlin bei 141.000 Beschäftigten. „Dies ist ein klarer Beleg dafür, dass allein mit inländischen Beschäftigten der Fachkräftebedarf der Betriebe künftig nicht gedeckt werden kann. Wir freuen uns daher, dass nach einer zu langen Zeit des Wartens endlich ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz kommt“, sagte IHK-Geschäftsführer Jörg Nolte. Eine entsprechende Vorlage der großen Koalition hatte der Bundestag Anfang Juni beschlossen, Ende des Monats hatte noch der Bundesrat zugestimmt. Zur Arbeitssuche können qualifizierte Fachkräfte demnach für ein halbes Jahr nach Deutschland kommen, wenn sie ausreichend Deutsch sprechen. Anspruch auf Sozialleistungen haben sie dabei nicht. Die Neuregelung soll den Fachkräftemangel in Deutschland eindämmen.

Mit Blick auf die praktische Umsetzung stellten sich jedoch weiter viele Fragen, sagte Nolte. „Aus Sicht der Berliner Betriebe besonders wichtig ist ein schnelles, überschaubares und unbürokratisches Zuwanderungsverfahren“, so der IHK-Geschäftsführer. Kaum ein Unternehmen könne es sich leisten, monatelang mit der Stellenbesetzung zu warten, weil Prozesse wie beispielsweise die Visaerteilung zu lange dauerten, sagte er.

Arbeitssenatorin Breitenbach hält wenig vom neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Insgesamt blieben die Regelungen der neuen Gesetze zu kompliziert und unübersichtlich, sagte auch Berlins Arbeitssenatorin Breitenbach. „Auch für Experten sind sie kaum noch zu überblicken. Es wird nach wie vor an der strikten Trennung zwischen humanitärer und Erwerbsmigration festgehalten. Die Chance, auf den Fachkräftemangel proaktiv zu reagieren und Menschen, die bereits im Land sind, erleichterte Bleibeperspektiven zu schaffen, ist vertan worden“, kritisierte sie. Letztlich bleibe das Fachkräfteeinwanderungsgesetz mutlos hinter den Erwartungen zurück und bringe auch nicht den von vielen erhofften Spurwechsel, so Breitenbach.

Die Opposition sieht mit Blick auf den Fachkräftemangel aber auch den Senat in der Pflicht. Neben verbesserten Arbeitsbedingungen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf müsse auch die Wertschätzung der verschiedenen Berufsgruppen mehr in der Vordergrund gerückt werden, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Florian Swyter. „Dazu gehört, dass der Berliner Senat endlich mit einer verstärkten Kampagne dafür zu sorgen hat, direkt für Handwerks,- und Sozialberufe oder auch das Personalwesen zu werben. Erst wenn diese Berufe in Ihrer Attraktivität gesteigert werden können, kann auch das Problem Fachkräftemangel behoben werden“, sagte Swyter.

Noch fast 7800 freie Ausbildungsplätze in Berlin

Gute Aussichten bestehen laut Regionaldirektion der Arbeitsagentur derzeit für junge Menschen, die noch einen Ausbildungsplatz suchen. „Jugendliche, die eine Ausbildung beginnen wollen, haben derzeit in beiden Ländern gute Chancen auf eine Stelle“, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Bernd Becking. „Noch immer sind in Berlin fast 7800 Ausbildungsplätze offen.“