Prozess in Berlin

Blutige Clan-Fehde erneut vor Gericht

Die tödliche Fehde zwischen zwei Clans wird neu verhandelt. Die Staatsanwaltschaft will eine Verurteilung wegen Mordes erreichen.

Eine Nachbildung der Justitia (Symbolbild).

Eine Nachbildung der Justitia (Symbolbild).

Foto: Volker Hartmann / dpa

Berlin. Dreieinhalb Jahre nach einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Großfamilien in Wedding wird der Fall erneut vor dem Berliner Landgericht verhandelt. Im ersten Prozess 2017 waren die beiden mutmaßlichen Haupttäter wegen Totschlags zu 13 und elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Staatsanwalt zeigte sich mit dem Urteil nicht einverstanden, sie hatte eine Verurteilung wegen Mordes angestrebt. Der Bundesgerichtshof gab der Anklagebehörde Recht, seit Montag wird erneut verhandelt.

Das blutige Geschehen mit einem Toten und zwei Schwerverletzten hatte sich am 26. Dezember 2015 vor einem Lokal an der Hochstädter Straße abgespielt. Vor den Augen entsetzter Passanten stürmten mehrere Personen auf eine Gruppe auf dem Gehweg wartender Männer los, nachdem sie zuvor in mehreren Autos auf die Ankunft der Kontrahenten gewartet hatten.

Verletzte Familienehre als Streitursache

Das Ergebnis der Auseinandersetzung, bei der geschossen, zugestochen und zugeschlagen wurde, war verheerend. Ein Opfer erlitt einen Bauchschuss sowie einen Messerstich in den Rücken und verblutete wenig später noch am Tatort. Drei weitere Männer wurden durch Messerstiche und Schläge lebensgefährlich verletzt, einer von ihnen trug schwere Lähmungen davon.

Eine Mordkommission arbeitete, unterstützt durch szenekundige Beamte schnell und präzise. Schon wenige Tage später waren die Angreifer gefasst. Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass die beiden aus Bosnien stammenden Familien viele Jahre eng befreundet waren, bevor aus der Freundschaft abgrundtiefer Hass wurde. Der Grund waren offenbar wechselseitige Beleidigungen und Verletzungen der Familienehre geschuldet, die in diesem Milieu einen extrem hohen Stellenwert hat.

Anklage sieht alle Merkmale von Mord erfüllt

Die Staatsanwaltschaft ging von einem Racheakt aus und sah die notwendigen Mordmerkmale (Heimtücke, niedere Beweggründe) als erfüllt an. Das Gericht erkannte bei den beiden Haupttätern im ersten Prozess jedoch „nur“ auf den Tatbestand Totschlag. In ihrer Revisionsentscheidung gab der Bundesgerichtshof (BGH) jedoch der Staatsanwaltschaft recht. Das Urteil sei im Hinblick auf die Bewertung der Tatmotive rechtsfehlerhaft, entschied der in der BGH-Außenstelle Leipzig ansässige 5. Strafsenat.

Im ersten Urteil sei nicht hinreichend in Betracht gezogen worden, dass die Tat keine „verständliche Reaktion auf erlittene Schmach“, sondern womöglich eine „besonders verachtenswerte Form der Selbstjustiz“ darstelle. Jetzt muss eine andere Schwurgerichtskammer des Landgerichts neu über die Frage Mord oder Totschlag entscheiden. Für den Prozess sind zehn Verhandlungstage angesetzt, die Fortsetzung ist für den 8. Juli geplant.