Stadtführungen

Im Kreuzberger Bunker, wo die Götter wohnen

Fernab vom Tageslicht zeigt uns der Sammler Désiré Feuerle am Halleschen Uferjahrhundertealte Götterstatuen und zeitgenössische Kunst.

Désiré Feuerle in seinem Kunstbunker vor einer stählernen Skulptur von Anish Kapoor.

Désiré Feuerle in seinem Kunstbunker vor einer stählernen Skulptur von Anish Kapoor.

Foto: Foto: The Feuerle Collection

Knurr. Raschel. Brumm. Fieps. Klonk. Ich sitze in der vollen Straßenbahn M4, rumpelnd heizt sie um die Kurve und spuckt mich am Alexanderplatz aus. Ich versuche, mir die Geräusche von Berlin einzuprägen, als wäre es das letzte Mal. Ein paar Stationen noch, und ich werde diese Welt verlassen. Nun ja: vorübergehend. In ein Zwischenreich ohne Tageslicht und fast ohne Geräusche werde ich hinabsteigen, in eine Unterwelt, in der stille Götter hausen.

Berlin hat seit Herbst 2016 einen neuen Kunstmuseumsbunker, die „Feuerle Collection“. Bei der Eröffnung zeigten sich die meisten Kritiker beeindruckt, raunten von einem „magischen“ Erlebnis, es sei „wie ein Traum“, inszeniert vom Sammler Désiré Feuerle, einem „Zen-Meister der Kunst“. Der Bunker gilt seitdem als einer der erstaunlichsten Kunst-Orte Berlins, manche sagen sogar: weltweit. Es gab auch skeptische Reaktionen: Von einer kalten „Gruft“ war da die Rede, deren „Pharao“, also Feuerle, „Wellness-Esoterik“ betreibe. Ich stelle fest: Dieser Ort verwandelt meine Wahrnehmung schon, bevor ich ihn überhaupt betrete.

Abweisend steht der 1942 erbaute ehemalige Fernmelde-Bunker am Landwehrkanal in der grellen Sonne, von einer Reihe kerzengerader Pappeln bewacht. An einer Ecke der Außenmauer blüht eine Wiese mit duftenden Dolden. Eine schmucklose Eingangstür mit Klingel und Videokamera heißt den Gast diskret willkommen, daneben steht in roten Lettern „Feuerle Collection“. Edel sieht das aus, zurückhaltend. Für Kenner.

Hier geht es nicht ums schnell konsumierte Erlebnis

Ich habe Glück, denn der Sammler selbst ist für ein paar Tage in der Stadt. Viel ist über Désiré Feuerles Wohnort nicht zu erfahren, es heißt, er lebe „in Asien“. Wir sind verabredet an einem Mittwoch, wenn sonst keine Besucher da sind. Führungen in kleinen Gruppen gibt es nur nach vorheriger Anmeldung freitags bis sonntags. Kinder unter 16 Jahren, steht auf der Homepage, mögen bitte draußen bleiben, Fotografieren und Hunde sind nicht erlaubt, Handys seien stumm zu stellen, am besten aber am Eingang abzugeben. Ja, ich verstehe: Hier geht es nicht ums schnell konsumierte und noch schneller gepostete Erlebnis. Die Besucher sind freundlich angehalten, sich auf eine besondere Erfahrung einzulassen.

Freudestrahlend öffnet die Pressereferentin, kurz darauf tritt Désiré Feuerle aus dem Dunkel in die Kreuzberger Sonne, fein lächelnd und gewandet in eine schwarze, fast priesterlich wirkende Robe. Im Schatten des Eingangs frage ich ihn, warum er seine Sammlung von Khmer-Skulpturen des 7. bis 13. Jahrhunderts, kaiserlich-chinesischen Möbeln und zeitgenössischer Kunst ausgerechnet hier zeigt. „Ich habe keinen Bunker gesucht“, sagt er. „Es war zufälligerweise ein Bunker.“ Als er auf seiner weltweiten Recherche nach einem geeigneten Gebäude für sein Privatmuseum schließlich in Kreuzberg fündig geworden sei, habe ihn gereizt, „in diese Räume positive Energie zu bringen“. Mit Bunkern assoziiert man ja eher unangenehme Dinge: Angst. Abschottung. Gefahr.

Nun musste Feuerle nach einem Architekten Ausschau halten, der sich selbst so weit zurücknehmen konnte, dass das Gebäude bei einem Umbau in seiner Anmutung erhalten blieb. Der Brite John Pawson erhielt den Zuschlag. Er dimmte zum Beispiel die Graffiti farblich nur etwas ab und erhielt die zerbrechlichen Stalaktiten an den Decken. Im Vorraum sehe ich einen exotischen Schriftzug. „Ist das Arabisch?“, frage ich. „Vielleicht, ich weiß es nicht“, sagt Feuerle und lächelt.

Figuren, sanft angeleuchtet, tanzen, ruhen, lächeln

Nicht alles wissen wollen. Und trotzdem etwas erkennen. Darum geht es. Und dazu muss zuerst etwas mit einem passieren. Man muss leer werden. Wir schreiten eine Treppe hinab. Ich stehe in totaler Finsternis. Töne schweben um mich, die minimalistischen Klänge einer Komposition von John Cage.

Die Musik verstummt, dann soll ich ein paar Schritte vorwärts gehen, was seltsam ist, weil ich weder den Boden noch meine Füße sehe. Ich soll nach rechts schauen. Das ist dann der Wow-Moment. So muss es sein, wenn man ins All blickt. Vor mir weitet sich ein unermesslicher Raum. Goldene Figuren, sanft angeleuchtet, tanzen, ruhen, lächeln, schweben auf ihren Sockeln mehr als dass sie ausgestellt sind. Sie scheinen hier schon immer zu wohnen und in einer geheimen Beziehung zueinander zu stehen.

Durch diese himmlische Unterwelt geleitet mich Feuerle, hält Abstand, spricht nur, wenn ich eine Frage habe, und überlässt mich sonst ganz meinen eigenen Assoziationen. Er hört gern zu, als gehöre das, was sich der Besucher so denkt, zum Gesamtkunstwerk. So soll das auch bei den regulären Führungen sein: Niemand hält hier Vorträge, es gibt weder Infotafeln noch Audio-Guides. Man dürfe Fragen stellen, aber die meisten Besucher seien „eher still“, sagt Feuerle.

Was bin ich froh, mich für die Sneakers entschieden zu haben, denn das Klackern von lauten Absätzen würde mich jetzt tatsächlich stören. Ganz Ohr bin ich und ganz Auge. Nichts hat Feuerle dem Zufall überlassen. Nicht einmal den Sound der Klimaanlage. „Wir haben mehrere Modelle getestet, nur diese hat genau den Klang, den ich wollte“, erklärt er. Es ist ein tiefes Brummen, eher geheimnisvoll als bedrohlich, wie das Atmen eines riesigen, schlafenden Wesens. Großzügig wirkt das alles und luftig, nicht einschüchternd, trotz der Dimensionen und der strengen Anordnung.

Ein unterirdischer See hinter Panzerglas

Durch eine Panzerglaswand sieht man einen unterirdischen See. Das heißt, man sieht nur minimale Kräuselungen an der Oberfläche, hält die Spiegelung für das Wasser oder umgekehrt, es ist verwirrend und beruhigend zugleich. Feuerle nickt. „Ich wollte, dass man sich in Räumen befindet, die wirklich sind, aber unwirklich erscheinen, dass man jeden Schritt im Raum wahrnimmt. Und dass der Raum nicht überfüllt ist, so dass man die Eindrücke verarbeiten kann.“

Seine „Freunde“ nennt Feuerle seine Skulpturen. Ein bis zwei, nicht mehr, sehe er sich an, wenn er sie besuchen komme. Bei Freundschaften wie in der Kunst, denke ich mir, kommt es ja nicht auf die Menge an, sondern auf Intensität und Vertrauen und das Vermögen, interessiert zu bleiben. Freundschaften verbinden ihn auch mit Künstlerinnen und Künstlern wie Cristina Iglesias, Anish Kapoor oder Nobuyoshi Araki.

Ihre Werke stellt er alten chinesischen Stein- und Lackmöbeln gegenüber, das wirkt frivol und ehrerbietig zugleich. Wie in einem Traum verbinden sich Symbole mit Alltagsgegenständen, Körper mit Dingen, vergeht die Zeit in einem anderen Modus. Hier mögen materielle Werte versammelt sein, doch spiegeln diese Hallen auch einen inneren Zustand: Sammlung. Wieder hinauf. Wie viel Zeit mag vergangen sein? Berlin steht noch und ist laut und hell, und es ist Sommer.

Wie aus dem Bunker ein Museum wurde

Der 1942 erbaute BASA-Bunker („Bahnselbstanschlussanlage“) diente der Telekommunikation und sicherte während des Zweiten Weltkriegs die Logistik von Truppenbewegungen. 1945 ergoss sich nach einer Sprengung das Wasser des Landwehrkanals in den Bunker. 2016 ließ der Kunstsammler Désiré Feuerle das Gebäude durch den Architekten John Pawson in ein privates Museum umbauen.

Désiré Feuerle studierte Kunstgeschichte, arbeitete in New York für Sotheby’s, eröffnete 1990 in Köln seine Galerie und ging acht Jahre später nach Asien. Dort entdeckte er den Reiz chinesischer Stein- und Lackmöbel aus kaiserlichem Besitz. Seit 2016 zeigt er eine Auswahl seiner Stücke im einstigen BASA-Bunker, neben Khmer-Skulpturen aus Kambodscha und zeitgenössischen Werken etwa von Anish Kapoor.

Führungen durch die Feuerle Collection am Halleschen Ufer 70 (U2, Mendelssohn-Bartholdy-Park) gibt es von Freitag bis Sonntag. Sie sind online buchbar unter thefeuerlecollection.org. Der Eintritt kostet 18 Euro.

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