Berliner Wasserbetriebe

„Für die Qualität des Wassers ist die Hitze gut“

Wasserbetriebe-Chef Jörg Simon über Gefahren, Cyber-Attacken auf seine Firma und wie er Überflutungen verhindern will.

Der Vorstandsvorsitzende der Berliner Wasserbetriebe, Jörg Simon, auf dem Dach der Firmenzentrale in Mitte.

Der Vorstandsvorsitzende der Berliner Wasserbetriebe, Jörg Simon, auf dem Dach der Firmenzentrale in Mitte.

Foto: David Heerde

Berlin.  Die Hauptstadt schwitzt. Auch im Büro von Jörg Simon, dem Vorstandsvorsitzenden der Berliner Wasserbetriebe, ist es warm. Simon hat sein Hemd aufgekrempelt und schenkt Leitungswasser ein. Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht er über die Folgen der Hitze für das Trinkwasser, den Kampf gegen Verunreinigungen – und warum Berlin einen Stadtumbau braucht, um Überschwemmungen zu vermeiden.

Berlin steht erneut vor einem Hitze-Sommer. Inwieweit setzt das die Infrastruktur der Wasserbetriebe unter Druck?

Jörg Simon: Das Jahr 2018 hat gezeigt, dass wir mit dieser großen Hitze umgehen können. Wir hatten zu keiner Zeit Versorgungsprobleme. Die Verbrauchswerte jetzt zeigen, dass wir im Jahr 2019 in eine ähnliche Kurve hineinlaufen. Insgesamt ist die Versorgungssituation aber gut. Dazu muss man aber verstehen, dass Berlin indirekt auch von Wasserlieferungen aus anderen Bundesländern abhängig ist. Bis zu 70 Prozent des Berliner Trinkwassers gewinnen wir über Uferfiltration der Flüsse. Mit Brandenburg und Sachsen gibt es etwa die Abmachung, dass pro Sekunde acht Kubikmeter Wasser über die Spree in Richtung Berlin fließen.

Ist eine Situation denkbar, in der Brandenburg und Sachsen sagen, das Wasser behalten wir jetzt und schicken es nicht mehr nach Berlin?

Die Abhängigkeit ist sicher da, das ist nicht zu verleugnen, und es gibt einen gewissen Zielkonflikt. Aber es gibt einen Staatsvertrag, Abmachungen und auch einen runden Tisch der Behörden, an dem die Situation regelmäßig besprochen wird.

Wie sollen sich die Berliner in Dürre-Phasen verhalten?

Wir können das Wasser schon wie gewohnt nutzen. Wenn wirklich etwas Besonderes erforderlich sein sollte, werden wir darauf hinweisen. Wichtig ist, dass ab und zu auch die Bäume Wasser abbekommen. Am besten bei der Hitze morgens oder abends.

Führen Sie bei der Hitze vermehrt Qualitätskontrollen durch?

Nein, das ist nicht nötig. Wir haben ein dichtes System von mehr als 21.000 Trinkwasser-Analysen im Jahr, dazu kommt die Echtzeitüberwachung biologisch mit unseren Flusskrebschen sowie physikalisch. Baustellen werden gesondert überwacht, weil Arbeiten am offenen Herzen natürlich anfällig für Keime sein könnten. Für die Qualität des Wassers ist die Hitze gut, weil das Netz gut durchspült wird. Probleme treten häufig dann auf, wenn wenig oder gar kein Wasser genutzt wird: Dann sind die Fließgeschwindigkeiten niedrig. Die Infrastruktur kann dann verkeimen.

Es gibt auch künstliche Gefahren für das Wasser. Bemerken Sie irgendwelche Veränderungen?

In unseren Klärwerken führen wir derzeit die sogenannte vierte Reinigungsstufe ein. Ziel ist es, zum Beispiel Phosphorreste aus dem Wasser herauszufiltern und das Wachstum von Algen zu verhindern. Seit einiger Zeit stellen wir an einigen Stellen, wenn auch nur in sehr geringen Mengen, Medikamentenrückstände im Berliner Trinkwasser fest. Am Klärwerk Schönerlinde haben wir das jetzt so geregelt, dass es im Wasserwerk Tegel – es liegt im Abstrom des Klärwerks – keine Qualitätsbeeinträchtigungen gibt. Dort entlasten wir den Nordgraben im Moment, indem wir das Wasser über die Panke ableiten. Bis 2022 bauen wir aber eine Anlage, die dann solche Spurenstoffe, die in dem geklärten Abwasser in geringsten Dosen enthalten sind, herausholt. Das wird immer wichtiger. Denn perspektivisch werden die Menschen immer älter und verbrauchen deswegen auch mehr Medikamente.

Wann wollen Sie die vierte Reinigungsstufe umgesetzt haben?

Für die Phosphor-Entfernung wollen wir flächendeckend 2027 soweit sein. Wir machen das Schritt für Schritt. Das ist ja auch nicht ganz billig, sowohl was die Investitionen als auch den Energieverbrauch angeht. Man kann davon ausgehen, dass die vierte Reinigungsstufe die Energiekosten um 30 Prozent anhebt. In Zeiten, wo man über die CO2-Bilanz von einer Stadt nachdenkt, ist das natürlich ein Faktor. Insgesamt wollen wir bis 2027 rund 1,5 Milliarden Euro in unsere Klärwerke investieren.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat gefordert, dass sich auch die Arzneimittelhersteller an der Reinigung des Wassers beteiligen. Wie sehen Sie das?

Genauso.

Bewegt sich da etwas?

Die Pharmaindustrie ist grundsätzlich bereit, mit uns über das Thema zu sprechen. Wenn es um die Kosten geht, ist die Interessenlage natürlich anders. Uns geht es darum, dass man da ansetzt, wo man lenken kann. Es ist zwar einfach zu sagen, dass die Wasserwirtschaft am Ende für die Reinigung des Abwassers zuständig ist. Das machen wir auch. Die Frage ist aber, ob man nicht die Verursacher stärker in die Pflicht nehmen kann. Dafür brauchen die Firmen einen Anreiz. Das von uns vorgeschlagenen Fonds-Modell setzt genau da an.

Wie soll das funktionieren?

Die Pharma-Firmen zahlen in den Topf ein. Werden dann aber umweltverträglichere Medikamente hergestellt, bekommen die Unternehmen Geld zurück. Ich bin dafür, das Ganze nach dem Verursacherprinzip zu betrachten und mit einem Anreizsystem zu versehen, das die Entwicklung wasserverträglicher Alternativen honoriert. Das ist nicht so einfach, weil nicht die Arzneimittelhersteller die Spurenstoffe in das Abwasser bringen, sondern die Menschen, die diese Mittel einnehmen.

Viele Klimaexperten sagen künftig extremere Wetterverhältnisse voraus. Wie bereiten sich die Wasserwerke darauf vor?

Wir haben im vergangenen Jahr verschiedene Analysen durchgeführt, die wir jetzt in einen Masterplan zusammenfügen wollen, um zu sehen, an welchen Stellen noch Handlungsbedarf besteht. Das eine ist die Frage, wie sich in Berlin durch den Bevölkerungszuwachs der Wasserbedarf entwickelt. Das andere ist die Frage, wie flexibel wir mit den Spitzenmengen sind und was bei einem Ausfallszenario passiert. Wir bereiten diese Zusammenhänge derzeit auf, um das System für die nächsten Jahre noch widerstandsfähiger aufzustellen.

Bei Starkregen läuft immer noch die Kanalisation über. Muss da mehr geschehen?

Der Klimawandel hat verschiedene Gesichter. Wir haben als Wasserbetriebe ja schon relativ früh mit dem Thema Regenwassermanagement angefangen, auch gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Umwelt. Da haben wir zum Beispiel Speicher geplant und gebaut. Mittlerweile haben wir in der Innenstadt 245.000 Kubikmeter Speicherraum, in Waßmannsdorf noch einmal 50.000, und weitere Abwasserparkplätze sind im Bau. Die Frage ist, wie man die Versiegelung der Flächen wieder etwas zurückgedreht bekommt. Man hat viel zugebaut und leider nicht so richtig darüber nachgedacht, welche Folgen das hat. Zudem nehmen extreme Starkregen und infolgedessen auch Überflutungen zu. Genau deswegen gibt es jetzt die Regenwasseragentur, die das Thema bei Neubauten adressiert. Viele Bauherren machen sich mittlerweile auch selbst Gedanken darüber, wie sie das Regenwasser wieder dezentral loswerden oder nutzen können. Ansonsten laufen Keller voll, und das kostet dann richtig Geld. Deswegen erstellen wir auch einen Überstau-Atlas. Da werden Daten der letzten Starkregen-Ereignisse eingepflegt, um zu sehen, wo es zu Überflutungen kam und an Lösungen gearbeitet werden kann.

Wie wichtig ist die Digitalisierung für die Berliner Wasserbetriebe?

Digitalisierung ist für uns ein Riesen-Thema. In Zukunft werden wir Daten, die wir an verschiedenen Stellen sammeln, noch intelligenter miteinander verknüpfen und unternehmensübergreifend zur Verfügung stellen. Das kann zum Beispiel auch bei Starkregen helfen, in dem dann Pumpen intelligent reagieren und von sich aus entscheiden, in welche Richtung das Abwasser am besten gefördert wird. Im Bereich Trinkwasser haben wir eine digitale Lösung bereits umgesetzt: Sollten Verschmutzungen eingetragen werden, können wir mit unseren Systemen mittlerweile berechnen, in welche Richtung sich die Stoffe ausbreiten, und entsprechend reagieren. Digitalisierung heißt aber auch, sich verstärkt mit anderen zu vernetzten. Wir machen das innerhalb der Stadt zum Beispiel bei einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit der BVG, der BSR und der Feuerwehr. Dabei geht es darum, zu wissen, wo bei Starkregen eigentlich was passiert. Busse bekommen zum Beispiel Sensoren. Wir wissen dann Bescheid und können schneller reagieren. Das hilft der Feuerwehr, der Verkehrslenkung und uns. Gleichzeitig geben wir auch Daten in das System ein, etwa was Baustellen betrifft. Das hilft dann der BVG.

Was machen eigentlich die Bemühungen, aus Abwasser Energie zu gewinnen?

Das geht voran, ist aber ein schwieriges Thema, weil man eine Quelle und einen nahen Abnehmer braucht. Die Quelle sind unsere Abwasserkanäle oder -druckleitungen, Abnehmer sind Gebäude mit entsprechendem Wärme- oder Kältebedarf. Es sollte am besten mit einer Netzbaumaßnahme zusammenpassen. Da haben wir ein paar Projekte mit fast vier Megawatt möglich gemacht. Das größte davon ist Ikea an der Landsberger Allee. Wir sind jetzt mit der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) im Gespräch, weitere Projekte umzusetzen. Das stößt zunehmend auf Interesse.

Bei der Digitalisierung gibt es immer auch eine dunkle Seite. Unternehmen berichten von Cyberangriffen auf ihre Netzwerke. Sind die Wasserbetriebe damit schon einmal in Berührung gekommen?

Ja, klar. Solche Angriffe gab es. Unsere Automatisierungssysteme sind aber nicht mit dem Internet verbunden, sie können also nicht direkt aus dem Netz angegriffen werden.

Sind Sie als großes Infrastrukturunternehmen regelmäßig Ziel solcher Attacken?

Wir haben natürlich wie alle anderen damit zu tun. Alles, was wir neu in unser Netzwerk einbauen, wird so lange getestet, bis es auf alle möglichen Angriffe vorbereitet ist.

Sie investieren enorme Summen. Haben Sie Schwierigkeiten, Auftragnehmer zu finden?

Ja. Der Markt wird schwieriger. Insgesamt investieren wir bis 2025 2,7 Milliarden Euro. Das geht zu einem großen Teil in die Klärwerke und in die Netze. Wo es wirklich schwierig wird, sind die kleinen Projekte, weil sie für die Unternehmen nicht so wirtschaftlich sind. Deswegen rücken sie nicht so gern an. Das ist insbesondere ein Problem für den Bau von Hausanschlüssen. Hierfür finden sich kaum noch Firmen. Deswegen haben wir jetzt ein eigenes Team mit 30 Mitarbeitern aufgebaut. Für die kleineren Aufgaben brauchen wir wieder eigene Leute, weil, wenn wir Firmen finden, dann nur zu enormen Preisen.

Ist denkbar, dass sie im Baubereich in Zukunft nennenswert Personal einstellen?

Das hängt davon ab, wie sich der Markt entwickelt. Wir beobachten das. Teilweise bekommen wir gar keine Angebote, teilweise bekommen wir Angebote, die 100 Prozent über dem alten Preis liegen. Die Bücher der Unternehmen sind voll. Darauf muss man sich einstellen.

Nun hat Wirtschaftssenatorin Ramona Pop ein neues Vergabegesetz vorgelegt, das neue Öko-Kriterien und einen höheren Mindestlohn vorsieht. Befürchten Sie, dass es noch schwieriger wird, Aufträge zu vergeben?

Ich glaube nicht, dass das den Markt für uns beeinflussen wird. Insgesamt ist der Aufwand vor allem für kleinere Unternehmen groß. Der Mindestlohn wird zu Kostensteigerungen führen, klar. Aber damit kommen wir klar. Das Lohnniveau in der Baubranche muss sich insgesamt enorm erhöhen, sonst bekommen die Firmen kein Personal mehr. Da spielt aus unserer Sicht der Mindestlohn keine Rolle.

Rechnen Sie damit, dass sie Ihr Budget noch einmal erhöhen müssen?

Darin sind schon Preissteigungen enthalten, aber ich kann mir vorstellen, dass die Investitionssumme weiter steigen wird.