Verkehr

Die Siemensbahn kommt ins Rollen

Senat und Deutsche Bahn lassen die historische Trasse wiederherstellen. Aber nicht alle Teile davon sind zu retten.

Freie Fahrt für die Siemensbahn: Michael Müller und Roland Pofalla wollen am S-Bahnhof Wernerwerk wieder Züge vorfahren lassen.

Freie Fahrt für die Siemensbahn: Michael Müller und Roland Pofalla wollen am S-Bahnhof Wernerwerk wieder Züge vorfahren lassen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. An einem Schreibtisch auf dem halb zerstörten Bahnsteig reichen sich zwei Herren gegenseitig die Unterlagen. Im nächsten Moment trocknen unter den Verträgen Unterschriften, die das Ende des Bahnhofs Wernerwerk als illegalen Spielplatz für Street-Art-Künstler und Ruinentouristen bedeuten – und die Wiederbelebung der Siemensbahn besiegeln.

Mit der Vertragsunterzeichnung durch den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Ronald Pofalla, Vorstand für Infrastruktur der Deutschen Bahn, steht nun offiziell fest: Eines nicht allzu fernen Tages fährt an diesem Bahnsteig wieder die S-Bahn vor. Zwischen herausgebrochenen Dachbalken und graffitibeschmierten Stahlständern haben der Regierende und Pofalla entschieden: Der vor 39 Jahren eingestellten Siemensbahn steht ein Comeback bevor – als Lebensader für den künftigen Siemens-Campus mit 3000 Wohnungen und einem High-Tech-Industriepark im kommenden Jahrzehnt. Aber ist die rostige und brüchige Bausubstanz des Viadukts überhaupt zu retten?

Noch gibt es keinen konkreten Zeitplan

Das wird zu klären sein. Noch fehlen ein konkreter Zeitplan und der Kostenrahmen. Was im jetzt unterzeichneten Vertrag festgehalten ist, sind erst einmal nur die Regelungen zur Finanzierung der Planung. 2,3 Millionen Euro stellt das Land Berlin bereit, um diese in Gang zu bringen. Alle weiteren Schritte der Finanzierung sollen „gemeinschaftlich“ geleistet werden, wie es heißt. Verankert ist das Großprojekt im Entwicklungsprogramm i2030, mit dem die Länder Berlin und Brandenburg sowie die Deutsche Bahn gemeinsam die Mobilität für die stark wachsende Region sicherstellen wollen.

Aber die Neuauflage der 1929 gestarteten und 1980 gestoppten Siemensbahn wird nicht ohne Mühen zu haben sein. Und wohl auch kein Schnäppchen werden. „Die Strecke ist einem Zustand, der alle Kraft erfordert, um sie wieder instand zu setzen“, sagt Pofalla. Bei einem Spaziergang an der Trasse, wo brüchige Wände und Einschusslöcher aus dem Krieg nicht zu übersehen sind, wird Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Berlin, noch deutlicher. Er schließt nicht aus, dass Teile des Viadukts abgerissen und völlig neu gebaut werden müssen. Auch die Anbindung an den Bahnhof Jungfernheide dürfte sich schwierig gestallten. Man müsste dort laut Kaczmarek einen Anknüpfungspunkt zur Ringbahn einbauen, dazu die jetzigen Bahnsteige der Ringbahn verändern und eine neue Brücke über den Tegeler Weg konstruieren.

Bahn soll die Anbindung weiterer Quartiere mitplanen

All das soll nun bis Mitte 2020 kalkuliert werden. Vorgesehen sind Umweltstudien, Vermessungen und ein Schallgutachten. Zum Projektumfang für die Wiederherstellung der Siemensbahn gehören die Erneuerung des 800 Meter langen Viadukts, der Aufbau der 4,5 Kilometer langen Trasse, die Verlegung von zehn Kilometern Gleisen und die Reaktivierung der S-Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld als Endstation. Ob die Siemensbahn über diesen Punkt hinaus verlängert wird und damit weitere große Wohngebiete in Spandau erschließt, bleibt offen.

„Die Siemensbahn sollte auf jeden Fall über den Bahnhof Gartenfeld hinaus verlängert werden in die Wasserstadt Waterkant bis nach Hakenfelde“, schrieb Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) kürzlich auf Twitter. Denn allein auf der Insel Gartenfeld sollen 3700 Wohnungen entstehen. Zum Zuge kommen dort die Wohnungsbauunternehmen Gewobag, Buwog und mehrere Genossenschaften. So wäre die Insel das zweite große Zukunftsquartier, neben dem neuen Siemens-Campus, das die Siemensbahn anschließen könnte.

Kosten sind ein Problem

„Wir haben vom Senat die Bitte bekommen, diese Fortsetzung der Siemensbahn mitzudenken“, sagt Kaczmarek. Aber wann kommt sie und wie soll sie verlaufen? Während Stadtplaner Züge gerne unterirdisch nach Gartenfeld führen würden, bangt Kaczmarek um die Kosten. Sie würden im Falle eines Tunnels wohl um 40 Millionen höher ausfallen als bei einer oberirdischen Lösung mit einer Brücke. „Das würde uns finanzielle in ganz andere Regionen katapultieren“, warnt der Bevollmächtigte. Zur Zeitschiene für die Sanierung der Strecke sagt er nur: „Wir wollen vor dem Siemens-Campus fertig werden.“

Wenn das Projekt Siemensbahn Anfang der 2020er Jahre in Gang kommt, stehen den jetzigen Anwohnern unruhige Zeiten bevor - das weiß auch Pofalla. „Wir wollen die Einschränkungen möglichst klein halten“, sagt er. Ob Schallschutzwände den Lärm der S-Bahnen von den Bestandsgebäuden abhalten werden? Auch das wird zu prüfen sein. Alexander Kaczmarek hält es für eher unwahrscheinlich, zumal die Bahnen künftig höchstens mit 60 Kilometern pro Stunde an den Bestandsgebäuden vorüberfahren. So zeigt sich: Als Geisterstrecke konnte die Siemensbahn zwar niemanden ans Ziel bringen. Aber den Nachbarn bescherte sie Ruhe. Ein Komfort, der nach mehr als 39 Jahren ohne Züge zu Ende gehen wird.

Die Siemensbahn in Zahlen

  • Streckenlänge ca. 4,5 Kilometer
  • Verlegung bis zu 10 Kilometer neuer Gleise, Errichtung von Weichen, Installation von Signaltechnik ab Bahnhof Jungfernheide
  • Prüfung der Modernisierung des 800 Meter langen Bestandsviadukts unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes
  • Reaktivierung der Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld
  • Mindestens zwei zu errichtende Brückenbauwerke auf ca. 150 Meter Länge
  • Anbindung der Siemensbahn an den Berliner S-Bahn Ring über den Bahnhof Jungfernheide

Planungsinhalte im Rahmen der Finanzierungsvereinbarung

  • Kosten für die vertragsgegenständliche Planung: 2,3 Millionen Euro
  • Erste Planungsleistungen im Rahmen einer vorgezogenen Vorplanung: Bestandsprüfung, Umweltstudien, Schallgutachten, Vermessung
  • Machbarkeitsstudie Streckenverlängerung: Prüfung der Optionen einer Verlängerung der S-Bahn-Strecke über Gartenfeld hinaus