„Überstunden-Monitor“

Gewerkschaft warnt vor „Überstunden-Berg“

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten warnt vor einem Berg an Überstunden, der sich in der Gastrobranche aufgetürmt hat.

Knapp 2,15 Milliarden Arbeitsstunden haben die Beschäftigten in der Gastronomie in Deutschland im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet – davon 1,01 Milliarden Überstunden ohne Bezahlung (Archivbild).

Knapp 2,15 Milliarden Arbeitsstunden haben die Beschäftigten in der Gastronomie in Deutschland im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet – davon 1,01 Milliarden Überstunden ohne Bezahlung (Archivbild).

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt vor einem Berg an Überstunden, der sich in ganz Deutschland in der Gastrobranche aufgetürmt hat. Im Auftrag der NGG stellte das Pestel-Institut am Donnerstag in Berlin den sogenannten „Überstunden-Monitor“ vor.

Das Ergebnis des Berichts: Knapp 2,15 Milliarden Arbeitsstunden haben die Beschäftigten in der Gastronomie in Deutschland im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet – davon 1,01 Milliarden Überstunden ohne Bezahlung. Umgerechnet leistete jeder Arbeitnehmer im vergangenen Jahr im Schnitt 24,9 „Umsonst-Stunden“. Die Beschäftigten hätten den Unternehmen damit rund 25 Milliarden Euro „geschenkt“, so der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther.

Besonders gravierend sei das Problem im Gastgewerbe: 45 Prozent aller Überstunden seien dort laut Pestel-Institut unbezahlt. Und das, obwohl das Hotel- und Gaststättengewerbe eine der Branchen mit dem höchsten Anteil an Teilzeit- und Minijobs sei. So seien bundesweit fast 50 Prozent aller Arbeitsplätze im Gastgewerbe Minijobs, bei denen offizielle Überstunden kaum möglich seien. Die Hälfte der in der Gastronomie in Vollzeit Beschäftigten verdiene laut Pestel-Institut weniger als 2000 Euro im Monat.

„Es ist fast eine Präsentation des Grauens“, sagte deshalb Günther bei der Vorstellung der Studie. Und an die Forderung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) nach flexibleren Arbeitszeiten gerichtet: „Das Ausmaß an Minijobs und Überstunden ist so, dass man nicht mehr Flexibilität erwarten kann.“ Die Gastgewerbe-Lobby dränge mit ihrer Forderung nach „flexibleren Arbeitszeiten“ die Große Koalition, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Günther mahnte zudem die geringe Kontrolle der Arbeitszeiten an. Das Pestel-Institut berechnete, dass in Berlin nur einmal in 400 Jahren ein Betrieb geprüft werden würde.

2016 gab es 30.000 Arbeitsunfälle im Gastgewerbe

Um auf das Überstunden-Problem aufmerksam zu machen, startete die NGG am Donnerstag die bundesweite Kampagne #fairdient. Mit Plakaten in Berlin und vier weiteren deutschen Großstädten, Gratispostkarten und Visitenkarten wirbt die Aktion für faire Arbeitszeiten im Gastgewerbe. „Wir brauchen klarere, besserer Arbeitsbedingungen“, verkündete der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler bei der Kampagnen-Vorstellung. Denn immer mehr Beschäftigte würden aus der Branche flüchten und denen, die noch da seien, werde es immer schwieriger gemacht.

„2016 gab es 30.000 Arbeitsunfälle und 6.000 Wegeunfälle im Gastgewerbe. Diese Zahlen werden sich dramatisch erhöhen, wenn Aufmerksamkeit und Konzentration in überlangen Schichten weiter abnehmen“, warnte Zeitler. Es gehe deshalb darum, die Branche langfristig attraktiver zu machen – auch um einen Arbeitskräftemangel zu verhindern. Zu den Antworten darauf gehören für Zeitler eine vernünftige Dienstplangestaltung, Tarifbindung und eine dauerhafte Stabilisierung des Rentenniveaus.

Mit der Kampagne will die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten zudem Beschäftigten die Möglichkeit geben, selbst zu Wort zu kommen: Angestellte in der Gastronomie können online von ihren Erfahrungen berichten. Rund 112.000 Menschen arbeiten in Berlin in Hotels und Gaststätten, bundesweit sind es fast 1,7 Millionen.