Virchow-Klinikum

Neue Gen-Therapien für krebskranke Kinder an der Charité

Am Campus Virchow-Klinikum der Charité wenden die Mediziner neuartige Gen-Therapien an. 84 Prozent der kleinen Patienten werden geheilt.

Ein Mitarbeiter zeigt im Institut der Pathologie der Universitätsklinik Charité an einem Computerbildschirm auf eine Darstellung einer eingescannten Probe eines Stück Gewebes aus dem Dickdarm, das bei einer Operation entnommenen wurde.

Ein Mitarbeiter zeigt im Institut der Pathologie der Universitätsklinik Charité an einem Computerbildschirm auf eine Darstellung einer eingescannten Probe eines Stück Gewebes aus dem Dickdarm, das bei einer Operation entnommenen wurde.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Die Erleichterung ist Marcus Padovani (42) anzusehen. Sein jüngerer Sohn Matteo (5) ist nach langen Monaten der Krebserkrankung geheilt. Er litt an Neuroblastomen, einer bösartigen Erkrankung des Nervensystems. In der Klinik für Pädiatrie auf dem Campus Virchow-Klinikum der Charité in Wedding bekam Matteo eine individuelle Therapie. Geheilt ist auch Sanchal Sah, ein Siebenjähriger aus Nepal, der an Leukämie erkrankt war und auf dem Campus behandelt wurde.

Beide Patienten und die medizinische Erfolgsgeschichte konnte Klinikdirektorin Angelika Eggert am Dienstag präsentieren, als Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) das Haus besuchte. Bei Matteo hatten Standardverfahren und Operation nicht zum erhofften Erfolg geführt. Die Klinik für Pädiatrie wandte eine individuelle Therapie an und konnte dabei auf jahrelange Forschung zu molekularbiologischen Mustern zurückgreifen. „Damit ist es gelungen, den Tumor komplett zum Verschwinden zu bringen“, so Klinikchefin Eggert.

Matteos Mutter stellte Knochenmark und Immunzellen zur Transplantation zur Verfügung. Ergebnis: Seit 19 Monaten kommt ihr Sohn ohne Therapie aus. Dies sei ein Zustand, so Eggert, den Kinder mit dieser Erkrankung normalerweise nicht erreichen.

Immunzellen „lernen gentechnisch“, den Krebs zu erkennen

Bei Sanchal Sah, dem kleinen Nepalesen, nutzten die Berliner Mediziner eine neue Therapie, die vor einigen Jahren in den USA entwickelt wurde. „Man entnimmt dem Patienten Immunzellen und verändert sie gentechnisch, sodass sie den Krebs wieder erkennen und besser angreifen können“, erläuterte Professorin Eggert beim Treffen mit der Forschungsministerin. „Dann gibt man dem Patienten die eigenen, veränderten Zellen zurück.“ Eine Mitarbeiterin der Berliner Klinik hatte sich bei einem mehrjährigen Aufenthalt in Seattle mit dem Verfahren vertraut gemacht.

Sanchals Familie habe eine Odyssee hinter sich gebracht, berichtete die Medizinerin. Vier Rückfälle erlebte der Junge, nach Behandlungen in Indien, Zypern und in Berlin. Die Leukämie hatte bereits Beulen an seinen Augen hervorgerufen. „Dann zu sehen, wie diese neue Immuntherapie nach wenigen Tagen wirkte, war sehr beeindruckend“, so Angelika Eggert. „Jetzt ist Sanchal ein fröhlicher Junge, und das freut uns sehr.“ Doch das Verfahren müsse noch in klinischen Studien überprüft werden, bevor es Teil der Standardtherapie werden könne. „Dabei sind wir jetzt.“

Heilungsrate bei Kindern bundesweit bei 84 Prozent

130 neu erkrankte Kinder kommen jährlich in die Klinik. 40 kleine Patienten mit Rückfällen werden von anderen Einrichtungen nach Berlin zur Therapie geschickt. 5000 tagesklinische Besuche und 12.000 ambulante Besuche verzeichnet die Klinik für Pädiatrie im Jahr. „Das Bundesministerium hat uns stark unterstützt“, so Angelika Eggert am Dienstag. „Wir freuen uns, an Beispielen zeigen zu können, wohin diese Unterstützung führt.“

Die Heilungsrate krebskranker Kinder liegt deutschlandweit bei 82 Prozent. In der Berliner Klinik sind es 84 Prozent. „Das reicht uns aber nicht, so die Medizinerin. „Wir wollen 100 Prozent.“ Dazu müsse man forschen, „und das tun wir mit ganzer Leidenschaft.“

Forschungsergebnisse schnell in Praxis überführen

83 Mitarbeiter sind im Kinderkrebs-Forschungslabor tätig. Zehn Arbeitsgruppen gibt es, die an der Verbesserung der Therapien arbeiten. Die beiden geheilten Jungen, die Bundesministerin Karliczek kennenlernte, „sind Patienten, bei denen ich vor fünf Jahren gesagt hätte, sie haben kaum eine Chance“, so die Klinikdirektorin.

In der Kinderonkologie sei die Dramatik des Krebses besonders deutlich, sagte Bundesministerin Karliczek, „bei kleinen Kindern ein ganzes Leben lang Angst haben zu müssen, dass die Krankheit irgendwann wieder ausbricht.“ Mit der „Nationale Dekade gegen Krebs“, die das Ministerium Anfang 2019 startete, solle die Krebsforschung gestärkt werden. „In der Diagnose, der Therapie und der Früherkennung wollen wir weiterkommen.“ Forschungsergebnisse sollten schnell in die Praxis überführt werden.