Stadtführung

Eine Stadttour durch Berlin auf den Spuren David Bowies

Der „Walk“ auf den Spuren des Stars durch die Stadt führt auch zurück ins Berlin des Kalten Krieges.

David Bowie.

David Bowie.

Foto: Andy Kent

Jedes Happy End braucht zuvor etwas Drama. In diesem Fall verlief es so: Nachdem sich Teenager David Bowie ab Mitte der 60er-Jahre in der Londoner Szene zu einem hoffnungslosen Fall herunter gearbeitet hatte, in dieser Zeit alle Genres von Musik veröffentlichte, um irgendwie die Herzen des Publikums zu erobern, und jeder, wirklich jeder Mode hinterher gerannt war, wurde er 1972 über Nacht zum heißesten Ding seit den Beatles. Er schrieb rigoros alle Regeln des Pop um, verwandelte sein Leben zur Dauer-Performance und wurde der erste Musiker im Rockgeschäft, der zum „Künstler“ avancierte. Vom vielen Spaß dabei und den ganzen Drogen drehte er Mitte des Jahrzehnts durch und zog daraufhin zum Ausnüchtern nach West-Berlin. Hier beginnt unsere Geschichte.

Der Parkplatz des Martin-Gropius-Baus ist keine Augenweide. Vor gut 40 Jahren sah es dort im Vergleich sogar richtiggehend gruselig aus. Philipp Stratmann hat den Beleg dabei. Aus seiner Sammlung laminierter Fotos im A4-Format zeigt er das Bild des leerstehenden, kriegsbeschädigten, heutigen Ausstellungshauses, mit verschlissenem Asphalt davor, Absperrungen, auf denen die Abkürzung „Krzbg“ steht, Berliner Mauer, Todesstreifen und Wachturm. Menschenleer, menschenverachtend und genug, um den zwei Betrachtern vor Philipp, Stefan (61) und Regina (52) aus Nordrhein-Westfalen, einen Schauer über den Rücken zu jagen.

„Als David Bowie damals vor seinem Umzug aus Los Angeles gefragt wurde, wie er sich Berlin vorstelle, sagte er, er erwarte eine graue Nachkriegsstadt“ sagt Philipp. Dass die halbierte Metropole ab 1976 in den kommenden zweieinhalb Jahren ihm einen nie gekannten Energieschub geben und seine klapprige Erscheinung einer Art Frischzellenkur unterziehen würde, wusste Bowie da noch nicht. „Aber man hört es den drei Platten an, die als seine Berliner Alben gelten: Die Atmosphäre darauf wird immer unbeschwerter“, sagt Philipp Stratmann.

In den Hansa-Studios nahm er „Heroes“ auf

Auf seinen „Bowie Berlin Walks“, hat der 41-Jährige in den vergangenen fünf Jahren rund 10.000 Teilnehmer von Kreuzberg nach Mitte und von dort nach Schöneberg geführt. Es ist eine rund dreieinhalbstündige Tour zurück in die 70er-Jahre, in die Vorwendezeit und ins Berlin von heute, das Bowie 2013 in seinem Comeback-Stück „Where are we now“ besingt und im Video zeigt. Am Ende der Führung weiß man auch eine Menge mehr über Deutschland, über beide Seiten Berlins im Kalten Krieg, erschrickt ein bisschen über den kompromisslosen Wandel vom hässlichen Mauergewächs zur chromblitzenden Weltmetropole.

Der Kuss am Grenzturm fand Eingang in Bowies Song

Bowies viele Verknüpfungen mit der Stadt bieten Stratmann unerschöpfliches Anekdoten- und Fakten-Material. Er erzählt mit Sensibilität für Zeit und Leute, viel politischer Kenntnis, ein wenig Schmäh, mitreißenden Gesten, lebhafter Mimik und Spaß – es geht immerhin um David Bowie – an Theatralik. Eine Entertainment-Tour über den großen Entertainer.

Nach dem Startpunkt Gropius-Bau, wo vor fünf Jahren die gefeierte Londoner Wanderausstellung „David Bowie is...“ für Menschenschlangen sorgte, geht es 200 Meter hinüber zum Hansa-Studio, in dem der Musiker den neben „Let’s Dance“ berühmtesten seiner Titel aufnahm: „Heroes“.

Stratmann erzählt, wie dessen Text über ein Paar entstand, das sich verstohlen unter dem Grenzturm küsst. Dafür geht es auf den Hinterhof des Studios. Weil es ein modernes Gebäude zur linken damals noch nicht gab, habe man vom Aufnahmeraum, wo Bowie und Co. beim Soundmix gern auch mal ein Berliner Pils zischten, freie Sicht hinüber zu dem Aussichtspunkt der Grenzer und auf die Mauer gehabt. „Bowie saß also da oben und sah, wie sein Produzent Tony – und der war verheiratet – an der Mauer stand und mit einer Musikerin, Antonia hieß sie, knutschte“, sagt Stratmann. „So gelangte die Szene in den Text.“ Später half besagte Antonia, einige Zeilen zu übersetzen, die Bowie in deutsch singen wollte: „Dann sind wir Helden, für einen Tag.“

Zwischen Bowies Studio und Ex-Mauer

Bowie-Experten wie Stefan kennen solche Anekdoten. Aber so zwischen Studio und Ex-Mauer zu stehen, die brutale Nähe zu verstehen, das ist schon etwas Anderes. Die Privatführung ist das liebevolle Geburtstagsgeschenk seiner Frau Regina, es fällt zufällig zusammen mit einem Bryan-Ferry-Konzert am folgenden Tag, für das er wiederum nachts im heimischen Niederkassel am Rechner online Karten geordert hatte. „Wir versuchen, einmal im Jahr nach Berlin zu kommen“, sagt Stefan, der für einen Fan eines so abgehobenen Musikers einen erstaunlich bodenständigen Job hat: Leiter der Geschäftsstelle des Deutschen Pfadfinderverbandes in Köln.

Auf der S-Bahnfahrt gen Reichstag werden vor der nächsten Etappe persönliche Bowie-Erlebnisse ausgetauscht wie Kriegs-Anekdoten. Stratmann erklärt, wie ein Bowie-Auftritt 1997 bei einem Festival, das er wegen ganz anderer Künstler besucht hatte, zu seinem Initiationserlebnis wurde. Bestimmt nicht mit böser Absicht sagt Stefan darauf, er habe Bowie 1974 in der Dortmunder Westfalenhalle gesehen. Das sitzt. Weil das für sie den Rang eines Platzes beim Letzten Abendmahl hat, schweigen Stratmann und der Autor dieses Textes da einfach mal.

In Schöneberg ist Berlin der 70er zu spüren

Nach dem Reichstag und Stratmanns ausführlichem Rückblick auf das Bowie-Konzert, das dort am 6. Juni 1987 für Ausschreitungen auf Ost-Seite sorgte, geht es zur Hauptstraße 155. Hier in Schöneberg ist mehr vom Berlin der 70er-Jahre zu spüren als in Mitte. Auf türkisches Migrantenleben, das Bowie in seinen Berlin-Songs thematisierte, stieß er in den Geschäften und am Kaiser-Wilhelm-Platz, wo unter einer Platane jetzt die Söhne und Töchter derer sitzen, die damals vielleicht Nachbarn Bowies waren.

Der Sänger fuhr mit dem Fahrrad ins Studio

Vor dessen Berliner Miethaus angekommen, zeigt Philipp auf die Torausfahrt: „Nachdem Bowie seinen Mercedes verkauft hatte, schob er jeden Morgen sein Fahrrad dort hinaus und fuhr zehn Minuten zum Studio.“ In solchen Momenten wie selbstverständlich ganz auf sich reduziert in Berlin: „Das erdet“, spekuliert Philipp.

An der Gedenktafel machen Regina und Stefan noch Souvenirbilder von ihrem Stadtführer. Die Tafel hängt seit August 2016 hier, ungewöhnlich schnell nach dem Tod des Stars am 10. Januar 2016 wurde sie enthüllt. Zur Einweihung sprach unter anderem der Regierende Bürgermeister Michael Müller ein Grußwort. Auch Bowies Lied „Heroes” wurde gespielt.

Hinter Regina und Stefan liegt ein Trip durch die Jahrzehnte, durch Kultur und Geschichte. Und bei der Reise in die Erinnerungen ist in diesen Stunden für sie eine weitere entstanden.