Plagiatsexperte zu Giffey

„Zitierstil keine Entschuldigung, Quellen nicht zu nennen“

Ein Gutachten soll die Bundesfamilienministerin von Plagiatsvorwürfen freisprechen. Aber Wissenschaftler halten davon wenig.

Der Jurist Gerhard Dannemann hat Franziska Giffeys Doktorarbeit auf Plagiate überprüft

Der Jurist Gerhard Dannemann hat Franziska Giffeys Doktorarbeit auf Plagiate überprüft

Foto: Anikka Bauer/ Reto Klar

Wissenschaftler und Plagiatsexperten reagieren mit Unverständnis auf den Versuch von Familienministerin Franziska Giffey (SPD), die Plagiatsvorwürfe gegen sie zu entkräften.

Einem Bericht des „Spiegel“ zufolge hat Giffeys Anwalt ein Gutachten zur Doktorarbeit mit dem Titel „Europas Weg zum Bürger“ an der Freien Universität angefertigt. Darin berufe er sich auf Korrespondenzen zwischen Giffey und deren Doktormutter. Die solle der Berliner SPD-Politikerin eine amerikanische Zitierweise vorgegeben haben, bei der Verweise auf andere Werke weniger detailliert ausfallen als im deutschen Stil. Eine Täuschung liege daher nicht vor.

Zitierweise, die es erlaubt, Ideen zu klauen?

„Welche Zitierweise soll das sein?“, fragt Politologe Peter Neumann via Twitter. Er habe sechs Jahre an einer amerikanischen Universität unterrichtet und kenne keine Zitierweise, „die es erlauben würde, anderer Leute Ideen oder Worte als die eigenen auszugeben.“ Neumann hat selbst an der FU studiert und am Kings College London promoviert.

Auch der Jurist am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität und Mitarbeiter des Plagiats-Wikis „VroniPlag“ Gerhard Dannemann hält die Argumentation für gegenstandslos. „So etwas wie eine ‚amerikanische Zitierweise‘ gibt es nicht“, erklärt Dannemann, der selbst an der Überprüfung von Giffeys Doktorarbeit mitgewirkt hat.

MLA-Zitierstil verlangt klare Quellenangaben im Text

Die entspricht der in Geistes- und Sozialwissenschaften verbreiteten Zitierweise der Modern Languages Association (MLA). Statt nur in Fußnoten erfolgen nach MLA Verweise im Text durch in Klammern gesetzte Angaben zu Autor, Jahr und Seitenzahl des zitierten Textes. „MLA-Stil ist jedenfalls keine Entschuldigung dafür, dass man Quellen nicht richtig benennt“, sagt Dannemann. Tatsächlich kennt das MLA-Handbuch klare Regeln: Demnach ist schon das Paraphrasieren fremder Inhalte ohne exakte Quellenangaben ein Plagiat.

„Voraussetzungen für Titelentzug erfüllt“

„VroniPlag“ hat in Giffeys Arbeit Plagiatsfundstellen auf 76 von 205 Seiten dokumentiert. Laut den Prüfern handle es sich um einen „mittelschweren Fall“ – allerdings seien bei Giffey die Voraussetzungen für einen Titelentzug erfüllt.

Eine Kommission der FU prüft seit Anfang des Jahres die Plagiatsvorwürfe. Wann ein Ergebnis vorliegt und ob die Kommission die Argumentation aus Giffeys Gutachten teilt, ist nicht bekannt. In der SPD wird Giffey derzeit als Kandidatin für den Parteivorsitz gehandelt.