Stadtentwicklung

Bürgerstadt Buch: Idee stößt auf zurückhaltende Reaktionen

Die Idee einer Bürgerstadt Buch mit bis zu 40.000 Wohnungen stößt bei Experten auf zurückhaltende Reaktionen.

Eine Gruppe von SPD-nahen Stadtplanern hatte am Donnerstag Pläne vorgestellt, einen neuen Stadtbezirk für 100.000 Menschen zu errichten.

Eine Gruppe von SPD-nahen Stadtplanern hatte am Donnerstag Pläne vorgestellt, einen neuen Stadtbezirk für 100.000 Menschen zu errichten.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Berlin. Der Vorschlag mehrerer Stadtplaner, auf den Rieselfeldern im Nordosten Berlins ein neues Wohnquartier mit 30.000 bis 40.000 Wohnungen zu bauen, ist auf zurückhaltende Reaktionen gestoßen. „Das ist eine nette Idee, aber kaum zu realisieren“, sagte der wohnungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Christian Gräff. „Ich weiß nicht, ob das die Pankower überfordern würde.“ Vor allem müsse das Gebiet rund um Buch zunächst verkehrlich erschlossen werden, bevor Menschen dort hinziehen könnten.

Eine Gruppe von SPD-nahen Stadtplanern hatte am Donnerstag Pläne vorgestellt, einen neuen Stadtbezirk für 100.000 Menschen zu errichten. Dazu sollen drei Quartiere weiterentwickelt beziehungsweise neu entwickelt werden: im Westen die Gartenstadt Buchholz, im Zentrum die Bürgerstadt Buch als vollständig neues Stadtquartier mit 25.000 Einwohnern und 8000 Arbeitsplätzen sowie im Osten die Weiterentwicklung der Gesundheitsstadt Buch.

Hintergrund: Bürgerstadt Buch: Neuer Wohnraum für Tausende Berliner

Konzept legt Planungsstände der 1990er-Jahre zugrunde

Auch der Bürgermeister von Pankow hält Tausende neue Wohnungen im Ortsteil Buch für unrealistisch. Das Konzept „Bürgerstadt Buch“ lege Planungsstände der 1990er-Jahre zugrunde, sagte Sören Benn (Linke) am Freitag dem „RBB“. Bei den von der Initiative vorgeschlagenen Flächen handele es sich zum Teil um Gewerbe- und Landschaftsschutzgebiete, die nicht bebaut werden könnten.

Die FDP sieht ebenfalls Schwierigkeiten, das ehrgeizige Projekt umzusetzen. „Die Idee, in Buch Zehntausende neue Wohnungen zu schaffen, ist sympathisch und nachvollziehbar“, sagt der Wohnungsexperte der Fraktion, Stefan Förster. „Die Umsetzung wird aber an der Uneinigkeit im rot-rot-grünen Senat scheitern. Die SPD will bauen, die Linken wollen das Gegenteil, und die Grünen sitzen irgendwo dazwischen. Dabei ist mehr Neubau die einzige Alternative zum Mietendeckel, der auch noch die letzten Investoren aus der Stadt vertreiben wird.“

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop lehnt das Projekt ab

Auch die Grünen hegen grundsätzlich Sympathie für die Idee einer „Bürgerstadt Buch“, sehen aber ebenfalls große Hürden. „Die Idee, dort Genossenschaften bauen zu lassen, begrüßen wir sehr“, sagte die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion, Daniela Billig. „Aber vielleicht sollten sie zunächst mit 3000 bis 4000 Wohnungen anfangen.“ Zehntausende Wohnungen seien ein wenig viel für die Gegend. Zunächst sollten die Potenziale in der Innenstadt für Wohnungsneubau genutzt werden, fordert Billig.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) lehnt das Projekt ab. „In einer wachsenden Metropole wachsen auch die Nutzungskonflikte um die knapper werdenden Flächen“, sagte Pop am Freitag. „Bei allem Verständnis für die verschiedenen Bedarfe dürfen wir die Arbeitsplatzentwicklung nicht aus dem Blick verlieren.“ Eine wachsende Stadt brauche auch Flächen für Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen. Allein in den letzten zwei Jahren sei die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze um 100.000 gestiegen. „Berlins wirtschaftliche Erfolgsgeschichte darf man nicht aufs Spiel setzen.“

Planer und Architekten sehen 16 neue Quartiere

Das Gebiet Buchholz Nord sei daher bewusst aus der Wohnungsbauplanung ausgenommen worden. Dort entstehe ein Wirtschaftsstandort, „damit wir auch zukünftig ansiedlungsinteressierten Unternehmen Raum für unternehmerisches Wachstum bieten können“, sagte Pop.

Auch die Linke lehnt die Vorschläge der Stadtplaner ab. „Angesichts der Ernsthaftigkeit der Wohnungsfrage überrascht der erstaunlich unseriöse Vorschlag der Bürgerstadt AG und des SPD-Arbeitskreises Stadtentwicklung für neue Wohngroßsiedlungen“, sagt der wohnungspolitische Sprecher der Fraktion, Michail Nelken. Für viele von der Initiative vorgeschlagenen Flächen bestünden bereits Planungen, wie sie entwickelt werden sollen.

Am Donnerstag hatten die Stadtplaner und Architekten ihr Projekt eines neuen Wohnquartiers der Öffentlichkeit vorgestellt. Insbesondere die ehemaligen Rieselfelder böten heute die Chance einer großstädtisch geprägten und nachhaltigen Stadterweiterung mit 16 neuen Stadtquartieren, hieß es bei der Vorstellung. Die Rede ist von insgesamt 750 Hektar Land an der nordöstlichen Stadtgrenze. Das entspricht einer Fläche von 1000 Fußballfeldern.

Die Bürgerstadt Buch soll auf der Fläche des ehemaligen Rieselfeldes Buch VI entstehen. Die entscheidenden Akteure sollen die Bürger Berlins sein, die wieder selbst bauen sollen. Hier sollten nach Auffassung der Initiative die Baufelder zu 80 Prozent für alte und junge Genossenschaften, für Baugruppen und sozial orientierte Unternehmen reserviert werden. Erfolgreiche Vorbilder dafür gebe es in Freiburg, Tübingen, Wien und Kopenhagen.

Kanäle ermöglichen eine Berliner Quartiersstruktur

„Wir wollen keine Schlaf- und keine Satellitenstadt, sondern ein weiteres Stück lebendiges Berlin bauen”, sagte die Berliner Architektin Julia Tophof zu dem Projekt. Das vor 120 Jahren angelegte Raster der Rieselfelder und der Wasserkanäle ermögliche heute eine typische Berliner Quartiersstruktur.

„Das städtebauliche Konzept folgt diesem landschaftlichen Raster und entwickelt ein Netz von miteinander verbundenen Straßen und Wegen, teilweise entlang der Wasserkanäle”, so Julia Tophof weiter. Es entstünden unterschiedliche Quartiere mit jeweils eigenständigem Charakter. „Das städtebauliche Raster lässt ein alle Quartiere übergreifendes Fahrradstraßennetz zu und bietet zudem die Chance, das Wasser als Gestaltungselement der neuen Stadt zu nutzen.“