KMU-Report

Euphorie im Berliner Mittelstand schwindet

Ein neuer Bericht zeigt: Den Berliner Unternehmen scheint es gut zu gehen. Dennoch sehen sie die Zukunft eher skeptisch.

Mehr als die Hälfte der Berliner Betriebe hat im vergangenen Jahr den Umsatz gesteigert (Archivbild).

Mehr als die Hälfte der Berliner Betriebe hat im vergangenen Jahr den Umsatz gesteigert (Archivbild).

Foto: KAI PFAFFENBACH / Reuters

Berlin. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in Berlin sehen ihre wirtschaftliche Situation insgesamt positiv. Knapp 70 Prozent bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut oder sehr gut. Das sind allerdings 3,6 Prozent weniger als 2018. Als mangelhaft oder ungenügend schätzen nur drei Prozent ihre Lage ein, ähnlich wenige wie im Vorjahr.

Diese Zahlen stehen im aktuellen KMU-Report von Investitionsbank Berlin (IBB) und Creditreform Berlin Brandenburg Wolfram KG hervor. Darin sind die Auskünfte von etwa 1000 Firmen mit bis zu 250 Mitarbeitern ausgewertet.

Guter Überblick über die Entwicklung der vergangenen Jahre

Positive Aussagen machen die Unternehmen auch zum Umsatz. Mehr als die Hälfte der Betriebe hat im vergangenen Jahr den Umsatz gesteigert. Im Baugewerbe waren es rund 56 Prozent der Firmen und bei Dienstleistern sogar 61 Prozent. Von Umsatzeinbußen gegenüber dem Vorjahr berichteten 18 Prozent der befragten Handelsbetriebe.

Der KMU-Report wird seit 2011 einmal jährlich erstellt. „Wir haben einen guten Überblick über die Entwicklung der vergangenen acht Jahre“, sagte Creditreform-Geschäftsführer Jochen Wolfram bei der Präsentation der Ergebnisse am Mittwoch. „2018 waren wir sehr euphorisch. Auch in diesem Jahr sagen wir, dass die befragten 1000 Unternehmen weithin zufrieden mit ihrer aktuellen Geschäftslage waren.“ Doch die Euphorie habe nachgelassen.

Junge Firmen sind zurückhaltend bei Einstellungen

Etwa 30 Prozent der befragten Mittelstandsunternehmen haben 2018 ihr Personal aufgestockt. Im Bundesdurchschnitt waren es nur 20 Prozent. Mehr als drei Viertel der Unternehmen stelle fest, dass die Personalsuche schwierig geworden sei, so Jochen Wolfram. „In Berlin ist der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter härter.“

Bei Einstellungen seien insbesondere junge Unternehmen, die erst drei Jahre oder weniger am Markt sind, deutlich zurückhaltender als 2018. Ein wesentlicher Grund dafür: „Es gibt sehr viele etablierte Unternehmen in Berlin, die Arbeitsplatzsicherheit bieten und höhere Gehälter zahlen.“

Beschäftigung in Berlin steigt, Investitionen geplant

Den Unternehmen scheint es gut zu gehen. Dennoch sehen sie die Zukunft eher skeptisch. „Die Umsatzerwartungen des Berliner Mittelstands sind merklich vorsichtiger geworden“, sagte Creditreform-Geschäftsführer Wolfram. „Für 2019 glauben nur noch 41,6 Prozent an ein Umsatzplus.“ Die Euphorie des Vorjahres, als rund 47 Prozent der Firmen steigende Umsätze erwarteten, sei gedämpft. Zu den Ursachen seien die Entwicklung in der EU, der Brexit zu zählen, aber auch die schwächere Konjunkturprognose und der Fachkräftemangel.

Steigende Umsätze erwarten insbesondere die Berliner Hotels und Pensionen. 31 Prozent der Mittelstandsunternehmen planen auch für die Zukunft Neueinstellungen. Nur sechs Prozent wollen Stellen abbauen. „Das deutet auf steigende Beschäftigung.“ Etwas verringert sei die Investitionsbereitschaft des Berliner Mittelstandes, sagte Creditreform-Geschäftsführer Wolfram. 51 Prozent der Unternehmen habe Investitionen angekündigt, dreieinhalb Prozent weniger als 2018.

Beim Handel gehen die Gewinnsteigerungen zurück

Doch eine Trendwende ist aus Sicht von Jürgen Allerkamp, Vorstandschef der IBB, nicht in Sicht. „Trotz der leichten Rückgange sind die Erwartungen in Berlin etwas höher als im Rest der Republik“, sagte er bei der Vorstellung des KMU-Reports am Mittwoch. „Das zeigt, dass Berlin nach wie vor aufholt. Das muss es auch.“ Was die Erträge der Unternehmen angehe, so Allerkamp, „haben wir eine ganz ordentliche Entwicklung.“

Fast 50 Prozent der Berliner Firmen konnten 2018 steigende Erträge verbuchen, ähnlich wie 2017. Dies trifft vor allem für Baufirmen, Dienstleister und Industriebetriebe zu. „Lediglich im Handel ist der Anteil der Firmen mit Ertragssteigerungen deutlich zurückgegangen.“ Ein Drittel der Mittelständler berichte von stabilen Erträgen. Ertragseinbußen mussten nur 16,8 Prozent hinnehmen. „Berlin unterscheidet sich hier deutlich vom Bundestrend, wo die stabilen Erträge dominieren.“ Für die Zukunft erwarten jedoch nur noch 38 Prozent der Berliner Firmen steigende Erträge.

Bedeutung der Industrie nimmt zu

In Berlin gibt es etwa 182.000 Mittelstandsunternehmen (Stand 2017), vor allem im Dienstleistungssektor. „Die Bedeutung der Industrie in Berlin hat erfreulicherweise wieder zugenommen“, sagt Jürgen Allerkamp. Dass sie auch international wettbewerbsfähig ist, zeige die Exportquote von 56 Prozent. Die Zahl der Industriearbeitsplätze war 2009 auf einen Tiefstwert von 87.000 gesunken. Sie liegt jetzt bei 92.000. „Die Politik ist sich der Bedeutung der Industrie bewusst“, so der IBB-Vorstandschef.

Eine Steuerungsrunde sei einberufen worden, an der mehrere Senatsverwaltungen, außerdem IHK, Handelskammer, IBB, Gewerkschaften und Verbände teilnehmen. „Alle ziehen an einem Strang, mit dem Willen, die Standortbedingungen in der Stadt insbesondere für die Industrie zu verbessern.“

Viele Betriebe, die sich vergrößern wollen, suchen nach einem geeigneten Areal in Berlin. Deshalb habe der Steuerungskreis entschieden, dass die Verwaltung einen Flächenatlas erstellen soll. „Damit eine Transparenz über Reserveflächen entsteht.“ Dieses Thema gebe es schon lange, so Jürgen Allerkamp. „Aber jetzt wird’s was.“