Prozess in Berlin

Getötete Studentin: Gysi plädiert auf Mord

Fall Johanna Hahn: Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung halten ihre Schlussplädoyers. Das Urteil erfolgt am 27. Juni.

Am 6. Juni 2018 tötete Milinko P. auf der Flucht vor der Polizei die 22-jährige Johanna Hahn mit seinem Auto an der Kantstraße Ecke Wind­scheidstraße. Bis heute legen ihre Familie und Freunde Blumen am Unglücksort ab.

Am 6. Juni 2018 tötete Milinko P. auf der Flucht vor der Polizei die 22-jährige Johanna Hahn mit seinem Auto an der Kantstraße Ecke Wind­scheidstraße. Bis heute legen ihre Familie und Freunde Blumen am Unglücksort ab.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Berlin. Am vorletzten Verhandlungstag im Prozess um die von einem flüchtenden Autoknacker getötete Studentin Johanna Hahn wurde es noch einmal emotional. Ein letztes Mal in diesem seit sechs Monaten laufenden Prozess erhielten die Mutter und der Bruder der Getöteten als Nebenkläger Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Beide nutzten sie für bewegende Erklärungen.

„Der Alptraum ist noch nicht vorbei, unser Leben hat sich komplett verändert“, sagte die Mutter mit tränenerstickter Stimme. Und schilderte dem Gericht, wie sie immer noch morgens um 4 Uhr wach werde, genau zu der Uhrzeit, als am 7. Juni 2018 die Polizei vor ihrer Tür stand, um ihr die schreckliche Nachricht vom Tod ihrer 22-jährigen Tochter zu überbringen. „Egal, wie das Urteil ausfällt, wir haben lebenslang unseren Schmerz“, schloss die Mutter

Auch der Bruder von Johanna Hahn rang um Fassung, als er sich in seinem Schlusswort direkt an den Angeklagten Milinko P. wandte. „Du bist nach Berlin gekommen, um die Hochzeit deiner Schwester zu feiern, ich werde nie die Hochzeit meiner Schwester feiern können“, sagte der Bruder, bevor er den 27-Jährigen aufforderte, sich seiner Verantwortung zu stellen und die nötigen Konsequenzen für sein weiteres Leben zu ziehen. Die Äußerungen an die Adresse des Serben als versöhnlich zu bezeichnen, wäre fraglos übertrieben, hasserfüllt waren sie allerdings auch nicht.

Große Unterschiede bei der Bewertung des Falles

Zuvor hatten die Verteidiger des Angeklagten als letzte der Verfahrensbeteiligten ihre Schlussplädoyers gehalten. Die Vertreter von Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten bereits in der vergangenen Woche plädiert. Die Schlussvorträge machten dabei noch einmal deutlich, wie groß die Unterschiede in der Bewertung des Falles bei den Prozessbeteiligten waren und sind. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft war von der ursprünglichen Mordanklage abgerückt und hatte unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und vier Monaten für den Angeklagten gefordert. Es könne nach dem Abschluss der Beweisaufnahme nicht mit der erforderlichen Sicherheit festgestellt werden, ob Milinko P. die tödlichen Folgen seiner halsbrecherischen Flucht vor der Polizei erkannt und damit billigend in Kauf“ genommen habe, begründete der Anklagevertreter seinen Antrag.

Rechtsanwalt Gregor Gysi, der die Mutter und den Bruder der getöteten Studentin vertritt, blieb hingegen beim Vorwurf des Mordes gegen den 27-jährigen P. Dem sei das Schicksal anderer völlig egal gewesen, er habe sämtliche Kriterien für einen Mord erfüllt, sagte Gysi in seinem Plädoyer und forderte die für Mord bei einem Schuldspruch zwingend vorgeschriebene lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten. Dessen Verteidiger wiederum wiesen am Mittwoch fünf der sechs Anklagepunkte gegen ihren Mandanten zurück. Übrig blieb in ihren Augen „nur“ der Vorwurf der fahrlässigen Tötung, für die habe sich ihr Mandant zu verantworten. Einen konkreten Strafantrag stellten die Verteidiger am Mittwoch nicht.

Prozessbeteiligte kritisieren Vorgehen der Polizei

Sechs Monate lang haben die Angehörigen von Johanna Hahn keinen Verhandlungstag versäumt und dabei sämtliche erörterten Details des für die Tochter und Schwester tödlichen Geschehens verfolgen müssen. Das Drama spielte sich am 6. Juni vergangenen Jahres ab. Milinko P. und zwei Mittäter brachen an der Westfälischen Straße in Wilmersdorf einen Kleintransporter auf und wurden dabei von Zivilbeamten der Polizei beobachtet, die das Trio dann verfolgten. Am Stuttgarter Platz erfolgte dann der Zugriff. Obwohl er von drei Polizeifahrzeugen blockiert wurde, durchbrach P. die Sperrungen und fuhr davon, inzwischen von mehreren zivilen Polizeifahrzeugen verfolgt.

An einer roten Ampel auf der Kantstraße verlor P. die Kontrolle über sein Fahrzeug, geriet auf den Gehweg und erfasste Johanna Hahn. So unterschiedlich die Einschätzungen des Fall von Nebenklagevertreter und Verteidiger auch waren, in einem Punkt herrschte zwischen ihnen Einigkeit. Für beide Seiten ist das Vorgehen der Polizei mitursächlich für den tödlichen Unfall. Die Beamten hätten den Angeklagten in Zivilfahrzeugen ohne Blaulicht und Sirene verfolgt, niemand habe sie als Polizisten erkannt, auch die Zeugen des Geschehens nicht, äußerten die Anwälte mehrfach während des Verfahrens. Für sie ist dieses Thema noch nicht abgeschlossen, kündigten beide Seiten an.

Auch der Angeklagte rang in der Verhandlung immer wieder um Fassung. Dass er ebenfalls an den Folgen seiner Tat leide, konnten die Verteidiger glaubhaft vermitteln. Dass er nicht weniger leide als die Angehörigen von Johanna Hahn, diese Darstellung ertrugen Mutter und Bruder allerdings nur schwer. Das Urteil wird am 27-Juni verkündet.